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Mit eingeschränkter Rationalität

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Von: Arno Widmann

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Als Empirist verwarf Selten die Idee des Homo Oeconomicus, die Vorstellung eines rein rationalen, eigensüchtigen und bestmöglich informierten Menschen.
Als Empirist verwarf Selten die Idee des Homo Oeconomicus, die Vorstellung eines rein rationalen, eigensüchtigen und bestmöglich informierten Menschen. © imago/Thomas Frey

Das Vermächtnis des verstorbenen Spieltheoretikers Reinhard Selten. Selten hatte 1994 den Alfred-Nobel-Gedächtnispreis für Wirtschaftswissenschaften erhalten.

Er war einer der bedeutendsten deutschen Ökonomen mit höchster internationaler Reputation: Reinhard Selten ist am 23. August in Posen gestorben, wie erst am vergangenen Donnerstag verspätet bekannt wurde.

Selten hatte 1994 zusammen mit John Nash – „Beautiful Mind“ – und John Harsanyi den Alfred-Nobel-Gedächtnispreis für Wirtschaftswissenschaften erhalten. Reinhard Selten, geboren 1930 in Breslau – sein Vater war Jude, seine Mutter Protestantin – ist bis heute der einzige Deutsche, der diesen Nobelpreis erhalten hat.

Das hinderte die Innung nicht, den Bonner Ordinarius als Außenseiter zu betrachten. Auf der am 2. September veröffentlichten Liste der einhundert einflussreichsten Ökonomen Deutschlands – „Wer hat Gewicht in Medien, Forschung und Politik?“ – kommt Selten wieder einmal nicht vor. Ganz vorne stehen Ernst Fehr von der Uni Zürich, Hans-Werner Sinn und Clemens Fuest, beide vom Ifo-Institut.

Harsanyi, Nash und Selten bekamen den Nobelpreis für die Anwendung und Weiterentwicklung der Spieltheorie auf das Verhalten von Marktteilnehmern. Seltens Beitrag bestand vor allem in Erwägungen und Vorschlägen, wie divergierende Ziele einbezogen werden konnten in die Analyse der Entscheidungsprozesse von Wirtschaftssubjekten. So kam er bald dahinter, dass zum Beispiel das Streben nach einem möglichst großen Marktanteil oft ein mindestens so starkes Argument war, wie der zu erwartende Profit.

Selten beobachtete, dass – so genau diese beiden Ziele auch kalkuliert wurden – sie in der Realität doch höchstens ausnahmsweise gegeneinander verrechnet wurden. Er sprach darum von einer „eingeschränkten Rationalität“. In mathematischen Modellen der Wirtschaftsentwicklung musste sie, sollten die realistisch sein, einbezogen werden. Über das Wie arbeitete und stritt sich der Mathematiker gerne mit Kollegen und Freunden.

Der Zunft, die in ihrer Mehrheit weiter so tat, als folgten die erfolgreichen Marktteilnehmer stets dem einen Ziel der Profitmaximierung, hatte Selten den Fehdehandschuh schon mit der Verkomplizierung seiner mathematischen Modelle hingeworfen.

Selten gründete im Jahr 1984 das Bonn Econ LaB, das erste deutsche Laboratorium für experimentelle Wirtschaftsforschung. Inzwischen gibt es kaum noch eine Universität, der nicht auch ein Lab angeschlossen ist, in dem Versuchspersonen reale Entscheidungen treffen, die mit Geldanreizen ausgestattet sind. In diesen Labs sah Selten eine Möglichkeit, der Wirklichkeit näher zu kommen, als es bloße Berechnungen tun können. Ganz im Sinne der frühen Spieltheorie sah Selten sich als Verhaltensforscher, der versucht, dahinter zu kommen, wie Menschen Entscheidungen fällen.

Experimentelle Forschung

Als Empirist verwarf er die Idee des Homo Oeconomicus, die Vorstellung eines rein rationalen, eigensüchtigen und bestmöglich informierten Menschen. So funktioniert schon die Wirtschaft nicht. Es wäre interessant zu wissen, was er von der Idee der Ich-AG hielt, derzufolge der Einzelne sich als Unternehmer des Unternehmens betrachten sollte, das er selbst ist.

Selten hat den Kontakt zur Praxis gesucht und immer wieder auch gefunden. Zum Beispiel beriet er die österreichische Regierung mittels einer spieltheoretischen Aufbereitung des Kosovokonflikts. Als ihn im Oktober 2010 das „Handelsblatt“ nach dem Nutzen seiner experimentellen Wirtschaftsforschung fragte, antwortete er: „Man könnte wichtige Gesetze durch große Experimente mit 100 bis 200 Teilnehmern vorbereiten, dabei müsste die Umwelt, in der Gesetze wie zum Beispiel eine Bankenregulierung wirken sollen, gut abgebildet werden. Aber dafür braucht man Millionen. Aber dann könnte man solche Gesetzesvorschläge auf einer viel besseren Grundlage diskutieren.“

Er hat sich auch für die Anwendungen der Spieltheorie in der Biologie interessiert. Die „Szenariobündelmethode“ auch auf Literatur und Geschichtsforschung anzuwenden, reizte ihn immer wieder. Das Buch über „Qualitative Reasoning“, das er schon lange hatte schreiben wollen, liegt vielleicht in seinem Nachlass.

Seltens letzte Veröffentlichung endet mit dem nachdenklichen, auffällig bescheidenen Satz: „Wenn die Impulse Balance Theory in Experimenten weiterhin erfolgreich ist, wird man die theoretische Frage aufwerfen müssen, warum das so ist.“

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