Auch in der digitalen Welt zählt Handwerk: Carsten Friedland, Anke Domscheit-Berg, Tobias Schwab, Viktoria Wenzelmann und Jan Schwaab auf dem Podium.
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Auch in der digitalen Welt zählt Handwerk: Carsten Friedland, Anke Domscheit-Berg, Tobias Schwab, Viktoria Wenzelmann und Jan Schwaab auf dem Podium.

Forum Entwicklung

Mit einer App Korruption bekämpfen

  • Joachim Wille
    vonJoachim Wille
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Beim jüngsten „Forum Entwicklung“ diskutierte die Experten-Runde über die Chancen der digitalen Revolution für arme Länder.

Für die Internet-Aktivistin Anke Domscheit-Berg ist die Sache klar: „Der Zugang zum Internet ist ein Grundrecht“ – und zwar gerade auch in den Entwicklungsländern. Mit dieser Forderung habe der Facebook-Milliardär Mark Zuckerberg – ausnahmsweise – recht. Dort könnten Mobilfunk, Internet, Smartphones und Apps helfen, das Leben der Menschen durchgreifend zu verbessern, meint die Ex-Microsoft-Direktorin und heutige Unternehmerin, die bei den Grünen und Piraten aktiv war und nun als parteilose Bundestagskandidatin 2017 für die Linkspartei antritt. Durch besseren Zugang zu Bildung und medizinischer Betreuung zum Beispiel. Oder durch Hilfen für Kleinbauern auf dem Land, die per Smartphone-App wissen können, „wie das Wetter wird, wie die Preise für ihre Ernte sind, wo sie beim Verkauf ihrer Produkte übers Ohr gehauen werden – und wo nicht.“

Domscheit-Berg war die „Promi“ auf dem Podium beim jüngsten „Forum Entwicklung“, das von FR, hr-iNFO und Deutscher Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) veranstaltet wurde. Thema des gut besuchten Abends in Frankfurt: die digitale Revolution, die längst auch die Entwicklungsländer erreicht hat und die Hoffnung befeuert, die Menschen dort könnten dank „Apps aus der Armut“ finden.

Tatsächlich ist die Entwicklung innovativer Online-Anwendungen längst keine Spezialität von Industrie- oder Schwellenländern mehr. Auch in afrikanischen Staaten arbeiten Programmierer und Designer an internetbasierten Lösungen für Probleme, die dort auftreten. Lokale Start-ups boomen, aber auch große Telekommunikations- und Internet-Unternehmen entwickeln Angebote, die sich zum Teil auch international vermarkten lassen. Am bekanntesten ist „M-Pesa“ aus Kenia, ein bargeldloses Geld-Transfersystem für Menschen ohne Bankkonto, das per Handy genutzt werden kann und inzwischen auch in einigen europäischen Ländern genutzt wird.

Zu den Konzernen, die in Entwicklungsländern neue Geschäftsfelder wittern, gehört auch der deutsche Software-Konzern SAP. SAP-Mann Carsten Friedland gab sich auf dem Podium überzeugt, dass neue Internet-Anwendungen gerade Kleinbauern helfen können, die ganz am Anfang der Wertschöpfungskette von Produkten wie Baumwolle oder Kaffee stehen – und meist so niedrige Einkommen erzielen, dass es zum Leben kaum reicht. „Die sind komplett abgehängt“, sagte Friedland. Nun gebe es die Chance, das zu ändern.

Der in Südafrika aufgewachsene Informatiker ist als Pionier „im Busch“ unterwegs, um Apps für die Landwirtschaft zu entwickeln, in Ländern wie Ghana, Uganda oder Burkina Faso. Er erläuterte: Produktion und Logistik der Agrarprodukte könnten nun viel effizienter gestaltet werden. Das digitale Erfassen der von den Bauern abgelieferten Mengen ermögliche etwa erstmals, dass die Landwirte Kleinkredite für Dünger bekommen und so deutlich höhere Erträge erzielen könnten. „Das System wird nachhaltiger“, sagte Friedland. SAP wolle natürlich auch Geld mit der Entwicklung solcher Software-Produkte verdienen. Eine entsprechendes System hat der Konzern bereits an den weltgrößten Hersteller von Schokolade-Zutaten verkauft. Allerdings wolle man auch weiterhin einzelnen Kleinstbauern Zugang verschaffen, etwa durch vorkonfigurierte Versionen, die mit wenig Aufwand von Bauernkooperativen verwendet werden können.

Die Internet-Aktivistin Viktoria Wenzelmann sagte, sie erkenne solche Ansätze durchaus an. Die Ethnologin setzt Hoffnung aber eher in Lösungen, die von der Basis kommen. Sie ist Mitorganisatorin von „Africa Hack Trip“, einer Gruppe von Software-Entwicklern aus Europa, die in Kenia, Uganda, Ruanda und Tansania zusammen mit dortigen Kollegen in Barcamps und Hackathons Software zur Lösung von lokalen Problemen entwickeln. „Das funktioniert wahnsinnig gut“, sagte sie, es eröffne ganz neue, innovative Ansätze.

Dass auch die deutsche Entwicklungshilfe das Potenzial der Digitalisierung erkannt hat, machte GIZ-Experte Jan Schwaab deutlich. „Man kann mit vergleichsweise geringen Investitionen viel erreichen“, sagte der Leiter des Projektes „Digitale Welt“. Das Bundesentwicklungsministerium berücksichtigt das in seinem Etat. So stehen in diesem Jahr für das Programm „Digitales Afrika“ 53 Millionen Euro für neue Projekt bereit, 2015 waren es erst zwei Millionen. Schwaab brachte eine Reihe Beispiele von Software-Innovationen, die Quantensprünge bedeuten. Eine Agrar-App, die Bauern hilft, Pflanzenkrankheiten zu erkennen und sie zu bekämpfen, eine Medizin-App, die die Häufung von Krankheiten in einer Region erkennt und Gegenmaßnahmen ermöglicht, und eine Anti-Korruptions-App, die registriert, wer wo welche Schmiergeldzahlungen abgepresst bekam.

Freilich, ein Allheilmittel sind die Buttons zum Anklicken noch lange nicht. App-Fan Schwaab verwies selbst darauf. Zwar hätten inzwischen 3,2 Milliarden Menschen weltweit Internet-Zugang. „Das bedeutet aber auch: Vier Milliarden – oder 60 Prozent – sind nicht im Netz.“ Ergo: Die klassische Entwicklungshilfe werde es also noch lange geben müssen.

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