Dagobert Duck freut sich über das Schloss aus Gold, das seine Großneffen Tick, Trick un Track bauen. Wird es halten, oder in sich zusammenfallen?
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Dagobert Duck freut sich über das Schloss aus Gold, das seine Großneffen Tick, Trick un Track bauen. Wird es halten, oder in sich zusammenfallen?

Weltwirtschaft

Eine Welt voller billigem Geld

  • vonStephan Kaufmann
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Die Staaten verschulden sich immer höher, die Zentralbanken pumpen Abermilliarden in die Finanzsysteme. Wie lange kann das noch gutgehen? Und wie könnte Abhilfe aussehen?

Vor zehn Jahren, im Sommer 2010, stand der Finanzjournalist Michael Mross auf dem Union Square in New York, und trotz sommerlicher Temperaturen lief ihm „ein eiskalter Schauer über den Rücken“, so erzählt Mross es selbst. Denn sein Blick fiel auf die Ziffern der National Debt Clock, also der Uhr, die die Schulden der US-Regierung zählt. Damals stand die Anzeige auf 15 Billionen Dollar, und es ging rasant aufwärts. „Ein solches System ist dem Untergang geweiht“, war sich Mross sicher und schrieb ein Buch: „Der Währungscrash kommt. Retten Sie ihr Geld – mit Gold“. Heute steht die US-Schuldenuhr auf fast 27 Billionen Dollar. Der Crash ist ausgeblieben. Nur der Goldpreis steigt unaufhörlich.

Durch Finanz- und Corona-Krise sind die globalen Schulden explodiert. Im ersten Quartal 2020 erreichten sie laut internationalem Bankeninstitut IIF mit 330 Prozent der Wirtschaftsleistung einen Rekordwert. Ebenso wie der Goldpreis. Darin sieht sich Max Otte bestätigt, der in seinem Buch „Weltsystemcrash“ das „Kartenhaus der globalen Schulden“ zusammenbrechen sieht und zur Flucht in Edelmetalle rät. Und inzwischen warnt auch die Investmentbank Goldman Sachs vor der scheinbar ungehemmten Geldvermehrung. „Debasement Fear“ lautet das Schlagwort, die Furcht davor, dass das Geld sich von seiner Basis löst und die große Entwertung ansteht. Das treibt den Goldpreis derzeit in die Höhe.

Tatsächlich scheint alles auf den großen Crash hinzudeuten. Um ihre Wirtschaften am Laufen zu halten, nehmen die Regierungen rund um die Welt Billionen neue Schulden auf. Das Geld überweisen sie an Unternehmen, Banken und private Haushalte, sie verhindern Massenpleiten, Entlassungen und ersetzen Lohneinbußen. Das wirft die Frage auf: Wie lange kann das gutgehen, wer muss am Ende für die Schulden geradestehen?

Vorerst gibt es keine Probleme. Denn die Zentralbanken haben die Zinsen extrem gesenkt, neue Schulden bleiben daher finanzierbar und die Regierungen kreditwürdig. Zudem kaufen die Zentralbanken staatliche und private Schuldscheine über Hunderte von Milliarden auf und zahlen dafür mit selbst geschaffenem Geld, dass sie in die Gesellschaft pumpen. Dazu sind sie selbst in schweren Krisen in der Lage. Denn Zentralbanken sind die einzige Institution, die massenhaft Geld ausgeben kann, ohne es vorher einzunehmen. Ihr Geldsegen hält derzeit die Weltwirtschaft halbwegs aufrecht. Doch wirft er die Frage auf: Kommt die große Inflation?

Zwar wächst die Geldmenge M3 inzwischen rasch, da Unternehmen und Staaten immer mehr Kredite aufnehmen. Gleichzeitig aber bleibt die Inflationsrate niedrig und weit unter dem Wert, den die Zentralbanken sich wünschen. Das ist nicht erst seit Corona so. Bereits die Finanzkrise ab 2008 beantworteten Regierungen mit neuen Schulden, die die Zentralbanken aufkauften. Damals warnten viele vor galoppierender Geldentwertung. „Doch all die Vorhersagen erwiesen sich als falsch“, erklärt Jan Hatzius von Goldman Sachs, „heute halten sich Ökonomen daher eher zurück.“ Niemand sagt heute eine steigende Inflation voraus.

Zu Recht. Denn die Geldmenge ist nur ein Faktor für das, was Ökonomen das „Inflationspotenzial“ nennen. Mehr Geld ist nur die hinreichende Bedingung für höhere Inflation. Damit die Preise wirklich schneller steigen, müssten Unternehmen und vor allem Verbraucher auch tatsächlich mehr Geld in der Tasche haben, um die höheren Preise zu bezahlen. Doch die zahlungsfähige Nachfrage nach Gütern bleibt schwach, das neue Geld der Zentralbanken ruht bei den Geschäftsbanken und findet kaum seinen Weg in die Realwirtschaft.

Zudem bremst die harte Konkurrenz der Anbieter auf dem Weltmarkt die Möglichkeit der Unternehmen, die Preise heraufzusetzen. Schließlich ist Krise.

Zweistellige ABstürze

In der Eurozone hat die Wirtschaftsleistung im zweiten Quartal wegen der Corona-Krise den stärksten Einbruch seit 25 Jahren erlitten. In den Monaten April bis Juni sei das Bruttoinlandsprodukt (BIP) im gemeinsamen Währungsraum im Quartalsvergleich um 12,1 Prozent geschrumpft, teilte die Statistikbehörde Eurostat am Freitag nach einer ersten Schätzung mit. Dies ist das stärkste Minus seit Beginn der Erhebung 1995. Der Einbruch folgte auf einen bereits deutlichen Rückgang der Wirtschaftsleistung im ersten Quartal. In den Monaten Januar bis März war das BIP im Währungsraum um 3,6 Prozent geschrumpft. Besonders seit März leidet die Wirtschaft unter Corona. Spanien ist das Land , das den bisher stärksten Konjunktureinbruch in Europa gemeldet hat. Im zweiten Quartal schrumpfte die spanische Wirtschaftsleistung im Quartalsvergleich um 18,5 Prozent. In Italien und Frankreich fielen die Rückschläge nicht so stark aus wie von Analysten befürchtet. In Frankreich, der zweitgrößten Volkswirtschaft der Eurozone, schrumpfte die Wirtschaft in den Monaten April bis Juni zwar drastisch um 13,8 Prozent. Experten hatten allerdings einen noch stärkeren Einbruch um 15,2 Prozent erwartet. In Italien sank das Bruttoinlandsprodukt im Quartalsvergleich um 12,4 Prozent und damit so stark wie nie seit Beginn dieser Erhebung 1995. (dpa)

„Das monetäre Inflationsrisiko ist noch abstrakt“, erklärt daher Jörg Krämer von der Commerzbank. „Dabei sollte es die nächsten zwei bis drei Jahre bleiben.“ Die einzigen Preise, mit denen es aufwärts geht, sind die für Aktien, Anleihen, Immobilien und andere Vermögensanlagen. Die Spekulation läuft, genährt durch das billige Geld.

Das Inflationsgespenst bleibt also vorerst im Kasten. Bleibt die Frage nach den Schulden. Noch sind sie tragbar, denn die Zinsen sind unten. Aber was, wenn sie irgendwann steigen und die Regierungen ihre heute billig aufgenommenen Kredite dann teuer verlängern müssen? Die Staaten könnten darauf hoffen, dass in der Zwischenzeit starkes Wirtschaftswachstum das Verhältnis von Schulden zu Wirtschaftsleistung verbessert – aber das ist nicht abzusehen. Einen Crash sagt kaum jemand voraus, einen Boom wiederum niemand.

Und ein Schuldenschnitt? Das wäre höchstens eine Möglichkeit für einige arme Volkswirtschaften. Eine umfassende Schuldenstreichung in den USA oder der Eurozone dagegen „würde das Vertrauen der Finanzmärkte massiv belasten, eine schwere Finanzkrise wäre die Folge“, so Patrick Artus von der französischen Bank Natixis. Die Zinsen müssten und würden daher auf absehbare Zeit extrem niedrig bleiben. Denn eine Rückzahlung der Schulden ist ebenfalls keine Option – sie würde die Staatshaushalte und Wirtschaften in die Ruin treiben.

Artus und einige andere Ökonomen ziehen eine weitere Möglichkeit in Betracht, mit der Schuldenlast umzugehen: Die Zentralbanken, die große Teile der nationalen Schulden aufgekauft haben, könnten diese Schuldscheine in ihren Bilanzen quasi verschwinden lassen, indem sie sie auf ewig verlängern. Technisch ist das möglich, rechtlich allerdings problematisch – die Europäische Zentralbank musste sich bereits vor dem Europäischen Gerichtshof und dem Bundesverfassungsgericht dafür rechtfertigen, überhaupt Anleihen von Eurostaaten zu erwerben. Einer Verlängerung dieses politischen Kredits auf Dauer würde wohl eine Klagewelle folgen.

Doch selbst wenn diese Klippe umschifft würde – ein prinzipieller Zweifel an der aktuellen Form staatlich finanzierten Kapitalismus bleibt. Denn die vielen Euros, Dollars, Yens und Renminbis, die die Zentralbanken derzeit in die Welt drücken, erhalten zwar den Wirtschaftskreislauf aufrecht. Gleichzeitig repräsentieren sie aber keinen Aufschwung, keine vermehrte Nachfrage der Wirtschaft nach Geld, mit dem sie ihren Boom finanziert. Stattdessen repräsentieren sie die Krise, also das massenweise Scheitern von betrieblichen Kalkulationen. Der Geldsegen nährt keine Hochkonjunktur, sondern verhindert bloß den Absturz.

Die Regierungen und ihre Zentralbanken kompensieren die mangelnde zahlungsfähige Nachfrage durch selbst geschaffenes Geld. Wie lange das gutgehen kann und ob ein Crash kommt, das weiß niemand. Und kann auch niemand wissen. Denn die globale Marktwirtschaft ist kein Automat, wo oben Geld rein- und unten Inflation rauskommt oder wo aus immer höheren Schulden irgendwann zwingend die Pleite folgt.

Die Frage nach dem „Debasement“ des Geldes läuft auf die Frage hinaus, wie lange der globale Finanzsektor den großen Währungen Dollar, Euro und Yen vertraut. Handelte es sich bei den USA, der Eurozone und Japan um Entwicklungsländer, so wäre zu erwarten, dass die Anleger angesichts unsolider Schuldenpolitik ihr Geld abziehen und in die sicheren Häfen Dollar, Euro, Yen flüchten. Doch in der aktuellen Situation sind es die sicheren Häfen selbst, die angeschlagen wirken. Zu ihnen gibt es keine Alternative, auch nicht Edelmetalle. Denn wenn alle in Gold und Silber rennen, ist die Weltwirtschaft bereits in den Abgrund gestürzt. Und wenn der Crash ausbleibt, kann man mit Gold viel Geld verlieren.

Finanzberater Mross ist dennoch optimistisch: Gold „stehen noch viel größere Gewinne bevor“, wirbt seine Internetseite. Allerdings war Mross’ Timing in der Vergangenheit mäßig: Als sein Buch „Schnell reich. Die ewigen Gesetze der Börse“ im Herbst 2001 erschien, hatte der Aktienmarkt seinen Boom schon lange hinter sich. Seinem Folgewerk „Der Währungscrash kommt“ zum Höhepunkt der Eurokrise 2011 folgte zwar tatsächlich eine Gold-Hausse. Doch auch sie ging vorbei, bis 2014 schmierte das edle Metall wieder um 35 Prozent ab.

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