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Wien aus der Luft: Eine Runde auf dem 117 Meter hohen Karussell im Prater macht’s möglich.

Österreich

Beispiel Wien: Wie eine Stadt wohnlich wird

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In Deutschland klagen die Bürger über zu hohe Mieten. Die Not wird immer größer, die Suche nach Lösungen hektischer. Die österreichische Hauptstadt Wien zeigt, wie die Bürger geschützt werden können.

Du bist die Blume aus dem Gemeindebau, ich weiß ganz genau, du bist die richt’ge Frau für mich, du Blume aus dem Gemeindebau. Ohne dich wär’ dieser Bau so grau, und wer dich sieht, sagt nur: Schau, schau, da geht die schönste Frau von Stadlau“, sang der österreichische Liedermacher Wolfgang Ambros im Jahr 1977. Das Lied ist in Österreich noch immer populär, beschreibt es doch auch eine ganz bestimmte Lebensart und den Stolz der Wiener auf ihren „Bau“ – wie die städtischen Wohnungen hier genannt werden.

Der berühmteste Gemeindebau ist wohl der Karl-Marx-Hof, ein langgezogenes, rostrotes Gebäude in Döbling, ein Bezirk, in dem sonst eher die Wohlhabenden leben. Der Karl-Marx-Hof wurde zwischen 1927 und 1933 gebaut und umfasste 1382 Wohnungen für rund 5000 Bewohner. Damals galt es als Revolution, dass nun auch die Wohnungen der Arbeiter über ein eigenes Klo verfügten. Manche Wiener leben nun schon seit Generationen hier. Der Gemeindebau ist ihnen Heimat, ein eigener Mikrokosmos – ähnlich wie ein Dorf.

Das Beratungs-Unternehmen Mercer gibt jedes Jahr eine Studie zur Bewertung der Lebensqualität in 231 Metropolen weltweit heraus. Wien ist zum zehnten Mal in Folge die lebenswerteste Stadt auf diesem Planeten – und dabei ist es nicht einmal teuer, in der österreichischen Hauptstadt zu leben.

In Wien liegt die Nettomiete pro Quadratmeter heute bei 8,20 Euro, in Amsterdam bei 18,80 Euro, in Berlin bei 10,20 Euro, in München bei 17,40 Euro, in Mailand bei 16,90 Euro, in Helsinki bei 23,20 Euro und in London gar bei 30,80 Euro. Selbst in Madrid ist der Mietpreis höher als in Wien. Das preisgünstige Wohnen hat viel mit der Wohnungspolitik im traditionell roten Wien zu tun.

Denn im städtischen und städtisch geförderten Wohnungssektor bewegen sich die Mieten entlang der Inflation. Und weil dieser Sektor in der Stadt mit den riesigen Gemeindebauanlagen so wichtig ist, drückt das den durchschnittlichen Mietpreis ordentlich nach unten. Laut der Wiener Stadtverwaltung – dem Magistrat – leben zwei Drittel der Bürgerinnen und Bürger im Gemeindebau, der 220.000 Wohnungen umfasst, weitere 200.000 Menschen leben im städtisch geförderten Wohnbau. Wien hat knapp 1,9 Millionen Einwohner.

Der Hauptunterschied zu den anderen europäischen Metropolen ist laut dem Wohnservice Wien, dass „die Stadt Wien ihrem starken Engagement im öffentlichen Wohnbau immer treu geblieben“ sei, „während in ganz Europa öffentliche Körperschaften in den letzten zwei Jahrzehnten ihren Bestand an Wohnungen verkauft und privatisiert haben“.

Zentral seien auch die gesetzlichen Maßnahmen, die die Mietpreisentwicklung in Wien mitgestalten: So gibt es etwa gedeckelte Mietpreise. Des Weiteren können Kosten für Sanierungen für eine bestimmte Zeit nicht auf Mieter abgewälzt werden, bei Altbauten werden Sanierungen öffentlich gefördert. Selbst wenn die öffentliche Förderungen für ein Gebäude abgelaufen sind, bleiben die Mieten gedeckelt.

Angesichts der horrenden Mietpreise in West- und Mitteleuropa ist die Wiener Wohnpolitik mittlerweile zu einem Vorbild geworden. Im Magistrat Wien berichtet man, dass es „nahezu wöchentlich Anfragen von Print- und TV-Journalisten und -Journalistinnen aus aller Welt“ gäbe, die wissen wollten, weshalb das in Wien so gut funktioniere. Aktuell gibt es sogar eine Ausstellung des Wiener Modells in Lyon in Frankreich. Das Modell ist aber bereits 100 Jahre alt und kann nicht so leicht imitiert werden.

Lesen Sie dazu auch „Mietpreisbremse soll in ganz Frankfurt gelten“ und unseren Kommentar zur Ausweitung der Mietpreisbremse in Hessen.

Denn der Gemeindebau hat seine politische Geschichte: Als die Sozialdemokraten 1919 die absolute Mehrheit in der Hauptstadt erlangten, begannen sie mit dem Bau subventionierter Wohnhäuser, um den Ärmeren zu helfen. Nach dem zweiten Weltkrieg wurde diese Politik fortgesetzt.

Eine Besonderheit ist heute die kostenlose Schlichtungsstelle, die Mietern dabei hilft, den Mietzins und die Betriebskosten zu überprüfen, um faire Preise zu garantieren. Die Stadt Wien versucht auch mit dem stetigen Zuzug in die Hauptstadt – auch aus den Nachbarstaaten Slowakei und Ungarn – mitzuhalten. Jährlich entstehen 7000 neue geförderte Wohnungen oder Appartements in Gemeindebauten. Künftig will man sogar 9000 neue Wohnungen pro Jahr schaffen.

Deshalb hat man auch Grundstücke für den geförderten Wohnbau in einer eigenen Kategorie „widmen“ lassen. Damit bleiben die Preise für diese Grundstücke vernünftig. Die Grundkosten dürfen nicht mehr als 188 Euro pro Quadratmeter betragen. Dies gilt für 40 Jahre – die neuen Wohnungen dürfen weder gewinnbringend weitervermietet noch verkauft werden, um Spekulationsgewinne zu vermeiden.

Heute leben nicht nur sozial Schwache im „Gemeindebau“, auch für viele Jungfamilien ist er eine Starthilfe und seit 2006 muss man nicht mehr die österreichische Staatsbürgerschaft haben, um einziehen zu dürfen. Gewisse Umstände und Redensarten, die man im „Bau“ benutzt, sind aber geblieben. So werden die Menschen oft den Stiegen zugeordnet, die zu den Wohnungen führen. Liedermacher Ambros sang schon vor vierzig Jahren: „I mecht von dir nur amoi a Lächeln kriagn, du schönste Frau von der Vierer-Stiag’n.“

Debatte

Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU), der auch für das Bauen zuständig ist, lehnt das vom Mieterbund am Mittwoch geforderte Grundrecht auf bezahlbares Wohnen ab. „Eine Grundgesetzänderung schafft keinen neuen Wohnraum und senkt auch nicht die Mieten“, sagte Seehofer am Donnerstag. „Wir müssen den Menschen Antworten auf die drängende Frage nach bezahlbarem Wohnraum geben. Das schaffen wir nur, indem wir konkrete Lösungen für die Probleme anbieten.“

Die Beratungsfirma KPMG stellte am Donnerstag eine Studie vor, wonach der seit zehn Jahren bestehende Preisauftrieb am deutschen Immobilienmarkt anhält. „Immobilienpreise und Mieten haben in fast allen Nutzungsarten Höchststände erreicht“, heißt es in der Studie. Mangelnde Bauflächen und komplizierte Genehmigungsprozesse seien die Hauptgründe, warum die Zahl der Neubauten nicht mit der Nachfrage Schritt halte, sagte der Regensburger Immobilienwirtschaftsexperte Tobias Just. Demnach könnten viele neue Wohnungen entstehen, wenn die Bauherren in den Städten mehr öffentliche Flächen bekämen und stärker in die Höhe bauen dürften. (afp/dpa)

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