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Strand von Dubai: Zum Bauen wird Sand aus Australien eingeflogen.

Eine sandtastische Idee

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Zur Betonherstellung tauglicher Sand ist Mangelware. Bauwütige Wüstenstaaten karren ihn aus Australien heran. Ein deutsches Startup verspricht nun die Lösung.

Auf Sansibar verschwinden paradiesische Strände, in Indonesien ganze Inseln. Auf Kap Verde stürzen sich, sobald die Ebbe kommt, Männer in die Fluten, um Sand zu stehlen. Ihre Frauen halten die Eimer bereit, um die Beute wegzubringen. Hässliche Mondlandschaften entstehen auf dem ganzen Erdball – weil die Menschheit Sand braucht.

Wo immer eine Stadt entsteht oder eine Straße gebaut wird, benötigen die Arbeiter Sand. Und in den vergangenen Jahren setzte sich dazu eine Erkenntnis durch: Wie Sand am Meer gibt es in modernen Überflussgesellschaften so einiges. Sand zählt aber paradoxerweise nicht dazu. Das gilt jedenfalls für jene Sande, die zur Fertigung von Beton taugen, dem weltweit meistgenutzten Baustoff.

„Sand ist knapp, obwohl es Feinsand wie in der Wüste in rauen Mengen gibt“, sagt Helmut Rosenlöcher. Bislang habe es keine Technologie gegeben, mit der man Feinsande für Beton verwenden könne, erklärt der technische Direktor des Start-ups Multicon aus München. Das hat der Chemiker aus Weißenfels in Sachsen-Anhalt persönlich geändert. Seit Juni 2018 hält er ein Schutzrecht des Deutschen Patentamts in Händen, das dem Multicon-Miteigner als bahnbrechende Innovation die Herstellung von Beton mittels Feinsand attestiert. 

 Ende 2018 habe man die Innovation auf einer Baumesse im arabischen Dubai bekanntgemacht. „Seitdem können wir uns nicht retten vor Nachfrage“, sagt der 72-jährige Erfinder. Sie komme vor allem aus den reichen Ölstaaten am Persischen Golf mit ihren viele Milliarden Euro teueren Megabauvorhaben.

„Denen ist der Sand ausgegangen“, stellt Rosenlöcher klar und meint die bislang als betontauglich geltende Sorte. Tatsache ist, dass beispielsweise das von Sand umzingelte Dubai schon schiffsladungsweise Bausand aus Australien importieren musste, um die eigene Bauwut befriedigen zu können. Nur so konnte zum Beispiel das mit 828 Metern Höhe höchste Bauwerk der Welt, der Burj Khalifa, überhaupt errichtet werden. Denn die feinen Körner aus der heimischen Wüste waren bislang zu rund und glatt, um sich in Beton verkeilen und Halt finden zu können.

Weil mit Multicon-Technologie jetzt auch Wüsten- und anderer Feinsand betontauglich ist, steht das erst 2016 gegründete Start-up nun schon mit einer chinesischen Investmentfirma in Verhandlung, die in Saudi-Arabien jährlich 7 000 Häuser baut. Auch aus Ägypten gebe es Interesse, aus Saudi-Arabien sogar eine Einladung des dortigen Königshauses, erzählt Rosenlöcher und wittert Geschäfte in bis zu dreistelliger Millionenhöhe.

Neben dem Patentamt in München bestätigt auch das renommierte Institut für angewandte Bauforschung (IAB) in Weimar die Bedeutung der Innovation. Damit könne in der Tat erstmals in großem Stil Wüstensand zur Betonherstellung verwendet werden, sagt die IAB-Chefin für Baustoffforschung Barbara Leydolph. Bislang waren nur schätzungsweise fünf Prozent aller weltweiten Sandvorkommen dafür tauglich. Seine Erfindung weite das auf mindestens ein Fünftel aller Sande aus, verspricht Rosenlöcher. Engpässe beim Bauen könnten damit beseitigt und kostspielige Sandtransporte vermieden werden.

Der Sandbedarf beim Bauen ist allgemein enorm. Für ein Standardhaus sind etwa 200 Tonnen Bausand nötig, für ein Krankenhaus rund 3000 Tonnen. In einem Kilometer Autobahn stecken etwa 30 000 Tonnen. Das macht Sand nach Wasser zum wichtigsten Rohstoff unserer Erde. Die Vereinten Nationen schätzten 2014, dass die Menschheit jährlich 40 Milliarden Tonnen Sand verbraucht.

Nicht nur arabische Länder könnten von der Erfindung made in Germany profitieren. Denn auch in Deutschland wird Bausand knapp. Das liegt weniger an mangelnden Vorkommen als vielmehr an Abbauproblemen, wie die Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) voriges Jahr gewarnt hat. Denn viele Flächen, unter denen hierzulande betontauglicher Sand ruht, seien überbaut oder lägen in Schutzgebieten und seien damit tabu. Immer mehr Landwirte, die über entsprechende Flächen verfügen, verkaufen sie zudem nicht mehr zur Sandgewinnung, weil andere Nutzung profitabler ist.

Auch diese Not könnten Feinsande beseitigen, die es vor allem in nördlichen Teilen Deutschlands wie Mecklenburg-Vorpommern gibt, betont Rosenlöcher. Feinsandähnlich und damit für sein patentiertes Verfahren nutzbar seien zudem bislang unverwertbare Bauabfälle. Denn beim Betonrecycling würden Feinanteile anfallen, die bislang nur Umweltprobleme verursacht hätten, nun aber zu Beton verarbeitet werden könnten. „Wir haben ein Pfund in der Hand“, sagt der Erfinder über seine vielversprechende Allzweckinnovation.

Dabei hatte es zeitweise so ausgesehen, als würde seine Idee schlichtweg versanden. Seit 2004 ist der Chemiker und ehemalige Leiter eines Betonwerks einem Verfahren zur Verwendung von Feinsand für Beton auf der Spur gewesen. Fünf Millionen Euro hat er auch über Kredite in seine Idee investiert und stand kurz vor der Pleite, als ihm ein Münchner Investor zur Seite gesprungen ist.

2016 wurde von diesem Gespann dann Multicon gegründet, das heute einer Gruppe von Einzelpersonen unter Einschluss Rosenlöchers gehört. Inzwischen könnte man zwar leicht alles an einen großen Baukonzern verkaufen, sei aber überein gekommen, die Sache erst einmal zum Laufen zu bringen. Drei Jahre will Rosenlöcher noch durchhalten. Dann sei er 75 Jahre alt und könne hoffentlich auf ein prosperierendes Lebenswerk zurückblicken.

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