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Eine neue Blase?

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Von: Jonas Rest

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Mittlerweile hat Zalando mehr als nur Schuhe im Angebot.
Mittlerweile hat Zalando mehr als nur Schuhe im Angebot. © dpa

Die Hysterie um die Internet-Börsengänge von Zalando und Rocket Internet wecken Erinnerungen an die Zeiten vor dem Dotcom-Crash. Doch der Vergleich hinkt.

Die Börseneuphorie ist zurück in Deutschland. An diesem Mittwoch geht die Online-Modefirma Zalando an die Börse, am Donnerstag folgt die Start-up-Fabrik der Brüder Marc, Alexander und Oliver Samwer, aus der Zalando ausgegründet wurde: Rocket Internet. Beide Aktien werden seit Tagen im  Grauhandel zu hohen Preise gehandelt, der Andrang ist gigantisch.    So groß, dass Rocket Internet kurzfristig beschloss, doppelt so viele Aktien wie geplant auszugeben – und dann noch  die Zeichnungsfrist um eine Woche verkürzte.

So groß ist der Hype im Gefolge des Börsengangs des chinesischen Internetkonzerns Alibaba, dass er sogar  Zalando unheimlich wurde. Obwohl Zalando-Aktien am oberen Ende der Preisspanne zehnfach überzeichnet gewesen sein sollen, entschied man sich dagegen, die Preisspanne voll auszunutzen. Statt 635 Millionen Euro wird man nun 605 Millionen einnehmen. So holte man Großinvestoren mit ins Boot, die auf eine langfristige Anlagestrategie setzen, aber nicht bereit waren, den Höchstpreis zu zahlen. Die Botschaft an die Märkte: Zalando geht es nicht darum, kurzfristig den maximalen Erlös abzuzocken, sondern man hat die langfristige Entwicklung im Blick. So soll verhindert werden, dass zu hohe Erwartungen schnell zu Kurseinbrüchen führen.

Ein Grund für den Andrang ist das seit geraumer Zeit niedrige Zinsniveau. Investoren suchen verzweifelt nach wachstumsstarken Anlagemöglichkeiten – und gehen dabei auch höhere Risiken ein.   Auch wenn einige Analysten Zalando für überbewertet halten, steht außer Frage, dass die  Online-Modefirma ein umsatzstarkes Geschäft aufgebaut hat und sich nicht auf eine Stufe stellen lassen muss mit jenen Internetunternehmen, die zu Zeiten der Dotcom-Blase mit nicht mehr als luftigen Versprechen Milliardenbewertungen erhielten.

Anders steht es um Rocket. Die Internetfirmen-Fabrik geht in den unregulierten Handel   und gibt nicht einmal Auskunft darüber, wie hoch die gesamten Verluste der Firmengruppe sind. Die angestrebte Bewertung von bis zu 6,7 Milliarden Euro ist  durch den Wert der Portfolio-Firmen nicht einmal zur Hälfte gedeckt. Zwar weisen diese Firmen ein hohes Umsatzwachstum auf. Doch Profitabilität liegt für sie noch in weiter Ferne. Bislang verbrennen die Rocket-Firmen nur sehr viel Geld. Das erinnert nicht wenige Analysten an die Start-up-Brutkästen, die während der Dotcom-Blase Milliarden von Dollar für ihre Aktien kassierten und dann nach dem Crash in sich zusammenstürzten.

"Macht Euch Sorgen.“

Im Silicon Valley mehrten sich in den vergangenen Tagen Warnungen, es entstehe gerade eine neue Internetfirmen-Blase.  Mehrere prominente Investoren kritisierten, Start-ups kämen zu leicht an Investitionen. Fred Wilson, einer der frühen Twitter-Investoren erklärte, die monatlichen Verluste  im gesamten Start-up-Bereich seien in den USA derzeit sehr hoch. Marc Andreessen, einer der profiliertesten Silicon-Valley-Investoren, warnte auf Twitter: „Wenn die Märkte sich drehen, und sie werden sich drehen, werden viele Firmen mit hohen Ausgaben verdampfen.  Macht Euch Sorgen.“

Doch auch wenn sich  die Risikokapitalinvestitionen in den USA  in den letzten beiden Jahrzehnten mehr als verdoppelt haben, liegen sie bei kaum einem Fünftel des Niveaus  aus Zeiten der Dotcom-Blase. Vor allem aber ist die Situation in den USA mit der in Europa nicht zu vergleichen. Auch wenn sich Risikokapitalgeber in letzter Zeit verstärkt für Berlin und andere europäische Tech-Hot-Spots wie London interessieren: Es bleibt eine enorme Finanzierungslücke zwischen den  Internet-Start-ups in den USA und ihren Konkurrenten in der EU.

Der Gründer, Investor und Samwer-Konkurrent Claude Ritter, der zunächst den Bestelldienst Lieferheld mitgründete und nun die Putzkräftevermittlung Book A Tiger aufbaut, kennt diese transatlantischen Unterschiede. „In den USA werden Konkurrenten, die kleiner sind, dreimal so hoch bewertet wie wir“, sagt er mit Blick auf den US-amerikanischen Lieferheld-Konkurrent GrubHub.   Dass jemand eine Bewertung im Milliardenbereich bekomme, ohne einen Cent Umsatz zu machen, sei in Deutschland schlicht undenkbar. Die Gefahr einer Blase sei damit zwar geringer. Doch zugleich bestünden auch nur geringe Chancen, dass hierzulande so innovative Firmen wie Facebook, Twitter oder Google entstehen könnten. Es sei daher kein Zufall, dass nun Börsengänge im E-Commerce-Bereich anstünden: „Das wird von den Investoren noch am ehesten verstanden.“

Auch Martin Steinbach von der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Ernst & Young hält Vergleiche mit der Dotcom-Blase für falsch.  Die Zahl der Börsengänge liege noch weit unter dem Niveau  in Dotcom-Zeiten.  Vor allem, sagte Steinbach dieser  Zeitung, sei der Markt erwachsener geworden:  „Zu Zeiten der Dotcom-Blase war der Markt von Privatanlegern getrieben. Heute sind es dagegen primär institutionelle Investoren. Die Bewertungen sind also durch professionelle Anleger gestützt, und diese sind vorsichtiger.“. Hinzu komme, dass Internet-Technologie viel weiter verbreitet sei und besser verstanden werde: „Beim Dotcom-Boom waren wir weit davon entfernt, dass alle Personen mit einem Smartphone herumgelaufen sind.“

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