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„Eine Katastrophe jagt die andere“

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Von: Johannes Dieterich

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Lebensmittelhilfe des Welternährungsprogramms in Äthiopien.
Lebensmittelhilfe des Welternährungsprogramms in Äthiopien. © AFP

Das Welternährungsprogramm warnt vor den Folgen von Putins Krieg für Menschen in Afrika. Fachleute rechnen mit Hunger-Aufständen.

Der ukrainische Widerstand gegen die russische Invasion löst zumindest im westlichen Teil der Welt Bewunderung aus – doch jeder weitere Kriegstag, der den osteuropäischen Staat noch drastischer verwüstet, hat auch für die mittellose Mehrheit der Weltbewohner schlimme Folgen. Schon heute zeichnet sich ab, dass Putins Krieg in der Ukraine neben den Energiepreisen auch die Preise für Lebensmittel in die Höhe treiben wird: Und zwar um bis zu 30 Prozent. Eine lebensbedrohliche Entwicklung – vor allem für Menschen, die auf Lebensmittelhilfe angewiesen sind.

Das Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen (WFP) hat bislang die Hälfte seiner Nahrungsmittel aus der russisch-ukrainischen Kornkammer bezogen, um sie an 120 Millionen Menschen, vorwiegend Afrikaner:innen, zu verteilen. Doch wegen der Pandemie, zunehmender Dürreperioden und Kriegen sind laut UN-Werk inzwischen fast 300 Millionen Menschen auf Hilfe angewiesen. „Gerade als wir dachten, es könne nicht schlimmer kommen, brach in der Ukraine der Krieg aus“, klagt WFP-Chef David Beasley: Aus Ländern wie dem Jemen drohe „eine Hölle auf Erden“ zu werden.

Nahrungsmittel: Hilfswerk WFP muss Rationen reduzieren

Trotz der wachsenden Not musste das Hilfswerk im Jemen bereits seine Rationen reduzieren. „Wir haben keine andere Wahl, als unsere Hilfe von den Hungernden wegzunehmen, um sie den Verhungernden zukommen zu lassen“, klagt Beasley. Seit Beginn des Jahres müssten acht Millionen Jemenit:innen mit halben Rationen auskommen. Auch in Afrika nimmt die Zahl der Hilfsbedürftigen derzeit beharrlich zu: Allein im Osten des Kontinents sind nach UN-Angaben mehr als 13 Millionen Menschen auf Nahrungsmittelhilfe angewiesen. Sowohl eine anhaltende Dürre wie der Krieg in Äthiopien trugen zur Ernährungskrise bei.

Auf das Welternährungsprogramm wirkt sich Putins Krieg gleich in mehrfacher Weise aus. Einerseits wird die Ernte in der bisherigen Kornkammer wegen des Kriegs deutlich geringer ausfallen. Das wird die Lebensmittelpreise weiter in die Höhe treiben – und damit auch die Kosten des WFP. Unterdessen ist bei den Zuwendungen der Gebernationen eher ein Rückgang zu erwarten, weil Staaten wie Deutschland ihre Verteidigungsausgaben erhöhen.

Und dabei hat sich das Hilfswerk jetzt noch um einen neuen Fall zu kümmern: In den Anliegerstaaten der Ukraine werden bis zu vier Millionen Flüchtlinge erwartet. Und sobald es überhaupt möglich ist, sind Millionen von zu Hause Gebliebenen zu versorgen. „Eine Katastrophe jagt die andere“, seufzt WFP-Chef Beasley.

Nahrungsmittel: Vor allem Ägypten ist auf Weizenimporte angewiesen

Nicht nur die Ärmsten werden unter Putins Krieg leiden: Vor allem der Norden des Kontinents ist auf Weizenimporte aus Russland und der Ukraine angewiesen, von wo etwa Ägypten 85 Prozent seines Bedarfs bezog. Schon vor der Krise in Osteuropa war der Brotpreis am Nil innerhalb von vier Monaten um 50 Prozent in die Höhe geschossen. Die Teuerung meint die Regierung nicht mehr durch weitere Subventionen auffangen zu können, weswegen Fachleute auch Unruhen für möglich halten.

Ägypten ist nicht der einzige nordafrikanische Staat, dem Erschütterungen drohen. In Marokko kommt es bereits zu vereinzelten Hungerprotesten, in Tunesien wackelt der Stuhl des Autokraten Kaïs Saïed, und im Sudan haben die Militärmachthaber einen höheren Brotpreis noch mehr als die Massendemonstrationen der Demokratiefreunde zu fürchten.

Afrikanischen Farmer:innen hätte der Preisanstieg der Lebensmittel durchaus gelegen kommen können. Doch der einzige Staat Afrikas, der sich auf dem Weg zu einem Weizen exportierenden Land befand, nämlich Äthiopien, hat diese Aussicht auf dem Schlachtfeld verspielt. Heute sind mehr als fünf Millionen Bewohner:innen der Bürgerkriegsprovinz Tigray und fast genauso viele Menschen in anderen Teilen des Landes auf Hilfe angewiesen.

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