Problematische Pestizide sind in Deutschland zwar verboten, doch auf dem Umweg über Drittstaaten gelangen sie zu uns zurück. 
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Problematische Pestizide sind in Deutschland zwar verboten, doch auf dem Umweg über Drittstaaten gelangen sie zu uns zurück. 

Pestizide

Eine Gefahr für Mensch und Umwelt

  • Stephan Börnecke
    vonStephan Börnecke
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Lobbyverbände machen der EU Druck, Rückstände gefährlicher Pestizide etwa auf Obst zuzulassen. Deutschland scheint da mitzuspielen. Die Analyse.

Dass auch deutsche Konzerne Pestizide in die Welt verkaufen, die hierzulande verboten sind, darüber gibt es keinen Zweifel. Die Schweizer Nichtregierungsorganisation Publiceye hat zusammen mit der Rechercheabteilung von Greenpeace nun herausgefunden, welchen Umfang solche Geschäfte annehmen: Danach machen Bayer und BASF, die US-Konzerne Corteva und FMC sowie die schweizerische Syngenta 35 Prozent ihrer Pestizidumsätze mit Stoffen, die gefährlich sein können für Mensch und Umwelt. An der Spitze der Liste stehen Substanzen, die als für Menschen „wahrscheinlich krebserregend“ eingestuft sind sowie solche, die das Fortpflanzungssystem und die Entwicklung von Kindern beeinträchtigen können.

Vier Prozent ihrer Umsätze erzielten die Konzerne mit Pestiziden, die sogar als akut toxisch gelten. Pestizide dieser Klasse verursachen jedes Jahr rund 25 Millionen Vergiftungen, davon enden etwa 220.000 tödlich.

Das Pestizid-Aktionsnetzwerk Pan Germany weist seit Jahren darauf hin, dass problematische Pestizide auf dem Umweg über Drittstaaten zurückkommen – als Rest klebend an Orange, Banane, Mango, Tee oder Kakao bei uns auf dem Tisch landen. Zumal in Entwicklungs- oder Schwellenländern der Anteil von hochgefährlichen Pestiziden am Umsatz sogar weitaus höher liegt: bei 54 Prozent.

Nicht nur Menschen, sondern auch die Artenvielfalt gerät bei diesem Handel in Gefahr: Denn während in Europa die wesentlichen Gifte aus der Stoffklasse der Neonikotinoide aus dem Verkehr gezogen sind, verlassen jedes Jahr um die 2000 Tonnen „Neoniks“ deutsche Chemiefabriken gen Drittländer – wo sie nun die Insekten- und Vogelvielfalt reduzieren. Der Report beziffert den Umsatzanteil dieser Mittel am Pestizidkuchen der fünf größten Konzerne auf zehn Prozent.

Derweil geht es in Brüssel um die Frage: Duldet die EU künftig Rückstandswerte von gefährlichen Pestiziden für Produkte, die aus anderen Teilen der Welt zu uns kommen? Ein Bericht der Nichtregierungsorganisation Corporate Europe Observatory legt das nahe. Und Deutschland scheint mitzuspielen.

Die Organisation konnte über das Akteneinsichtsrecht nachlesen, wie Lobbyverbände, Konzernvertreter oder die Emissäre der USA und Kanadas versuchten, die EU von ihrer strikten Haltung, Reste krebserregender oder hormonwirksamer Stoffe auf Lebensmitteln nicht zu dulden, abzubringen versuchen. Das Motiv ist klar: Staaten und Konzerne fürchten um ein Geschäft mit Lebensmitteln, das sie laut Report auf 70 Milliarden Dollar beziffern.

Mit Erfolg? „Das ist noch in der Schwebe“, bestätigt Martin Häusling, Europa-Abgeordneter der Grünen. Er wie auch sein Bundestagskollege Harald Ebner werfen Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) vor, das Spiel aus Übersee mitzumachen und nachzugeben. Die Ministerin wehrte sich zwar via Twitter, zog sich aber noch tiefer in den Strudel, als sie von duldbaren „Importtoleranzen“ sprach. Diese Pestizidreste immerhin müssten einer „strengen toxikologischen“ Prüfung standhalten.

Es ist wenig erstaunlich, dass selbst dem Bauernverband ein Aufweichen nicht passt, allerdings weniger aus Gründen des Gesundheits- oder Artenschutzes. Sondern weil ein unfairer Wettbewerb zwischen Landwirten entstünde, wenn die einen Gifte verwenden dürfen, die den anderen untersagt sind.

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