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Eine Frage der Dividende

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Von: Mechthild Henneke

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Wie hoch ist die Dividende?
Wo gibt‘s die höchste Dividende? © Moritz Wienert

Aktien mit Gewinnausschüttung sind beliebt – gerade jetzt, in wirtschaftlich unsicheren Zeiten

Im Frühjahr ist Dividenden-Zeit: Angefangen mit Siemens schütten die Unternehmen nach ihren Hauptversammlungen Gewinne aus. Dieses Geld wird von vielen Aktionär:innen freudig erwartet. Andere lehnen die Auszahlung ab und wollen lieber, dass die Firmen die Gewinne reinvestieren. Viele Tech-Unternehmen wie Apple oder Microsoft zahlten zum Beispiel lange Zeit keine Dividende aus. Doch was ist die richtige Strategie bei diesem Börseninstrument – besonders in Zeiten wirtschaftlicher Unsicherheit? Wir haben Fachleute dazu befragt.

Hintergrund von Dividenden: Sie sind ein Klassiker aus dem Instrumentenkasten der Börsenwelt. Dividenden sind jährliche Ausschüttungen, durch die Anleger:innen Anteil an den Unternehmensgewinnen erhalten. Yann Stoffel, Projektleiter Geldanlage von Stiftung Warentest, zieht eine Parallele zu Anleihen. „Man ging früher mit seinen Anleihe-Kupons zur Bank und holte sich seine Zinsen. Analog zahlen Unternehmen auf Aktien Dividenden aus“, sagt der Börsenexperte, „mit ihnen sollen die Anleger zufrieden gestellt werden.“ Vor 20 Jahren hätte ein Unternehmen sich rechtfertigen müssen, warum es keine Dividende ausschüttet. Dividenden seien ein Signal, dass es einer Firma gut gehe – je höher die Dividende, desto besser. Mittlerweile habe sich die Auffassung jedoch geändert und e würde nicht mehr in jedem Fall eine Ausschüttung erwartet.

Dax und Dividenden: Marcel Reyers, Geschäftsführender Gesellschafter bei Finakons/Finanz Konsilium in Limburg und stellvertretender Vorsitzender im Financial Planning Standards Boards (FPSB) Deutschland, weist daraufhin, dass Dividenden einen wichtigen Anteil am Erfolg des Dax hätten. „Der Dax wird stark aus Dividenden genährt“, sagt Reyers. Der Dax sei ein Performance-Index und beziehe in seine Bewertung Kursveränderungen der Unternehmen, aber auch deren Dividendenzahlungen ein. Im deutschen Aktienindex sind mehrheitlich Dividenden-Unternehmen vertreten.

Höhe von Dividenden: Wer im Internet Dividenden googelt, wird auf hohe Ausschüttungen bis zu acht Prozent aufmerksam gemacht. Das halten Börsenexperten für untypisch. „Zwei bis drei Prozent gibt es durchschnittlich, aber das hängt sehr von den Sektoren ab“, sagt Christian Dagg, geschäftsführender Gesellschafter der Brilliant Honorar- und Vermögensverwaltung aus Düsseldorf. Auf den Hauptversammlungen der Unternehmen werden die Gewinne bekannt gegeben und die Aktionäre segnen den Geschäftsbericht ab. Die Höhe der Dividende wird vom Vorstand vorgeschlagen und von der Hauptversammlung beschlossen.

Wie hoch Dividenden sind, können Anleger:innen im Internet auf den gängigen Börsenportalen nachgucken. Sie haben teilweise eigene Seiten für die sogenannten Dividendenrenditen. „Das ist eine Kennzahl zur Beurteilung von Aktien“, erklärt Anke Behn von der Verbraucherzentrale Bremen. Sie ergibt sich, wenn man die Höhe der Dividende je Aktie durch den Aktienkurs teilt und das Ergebnis mit 100 multipliziert. Beispiel: „Eine Aktiengesellschaft will demnächst eine Dividende von 1,00 Euro je Aktie ausschütten. Der Aktienkurs steht bei 50 Euro. Die Dividendenrendite beträgt also exakt zwei Prozent“, so Behn.

Dividenden-Strategien: „Die klassische Anlagestrategie bei Dividenden ist Dogs of the Dow“, berichtet Reyers. Dabei kauft der Anleger am ersten Börsentag des Jahres die zehn Aktien aus einem von ihm gewählten Index, die die höchste Dividendenrendite aufweisen. Diese Aktien werden bis zum nächsten 1. Börsentag des Jahrs gehalten. Dann wird das Portfolio neu zusammengestellt. Eine weitere Strategie setzt auf die sogenannten „Dividenden-Aristokraten“. „Das sind Titel, die die Dividenden seit mindestens 25 Jahren erhöht haben“, sagt Reyers. Ein solches Unternehmen sei zum Beispiel Proctor und Gamble. Inzwischen gebe es Aktieninidizes (ETFs), die auf die Aristokraten setzen.

Die Fachleute raten Kleinanleger:innen aber davon ab, eine Dividenden-Strategie allein umzusetzen, indem sie ein Portfolio aus Einzeltiteln zusammenstellen. Sie sprechen sich stattdessen für ein breit gestreutes Portfolio aus. Dividenden-Fonds oder Dividenden-ETFs könnten darin vorkommen. „Wir empfehlen, Dividendenstrategien als Beimischung“, sagt beispielsweise Stoffel. Heutzutage gebe es spezielle Fonds oder ETFs, die Dividendenstrategien umsetzen. Übrigens: Dividenden müssen mit der Quellensteuer versteuert werden. Die Meldung ans Finanzamt übernehmen die Banken automatisch.

Dividenden-Aktien in Krisenzeiten: Die Bilanz der Performance von Aktien, die hohe Dividenden ausschütten, fällt für die Corona-Krise und den Ukraine-Krieg unterschiedlich aus. „Während der Corona-Krise haben diese Aktien stark verloren, gewonnen haben dafür Tech-Titel, Software für die Zusammenarbeit und Online-Unternehmen“, sagt Stoffel. Die Dividenden-Unternehmen seien zwar grundsätzlich defensivere Aktien, wie Konsumgüter-Hersteller, die Pharmaindustrie oder Telekommunikationsunternehmen, aber bei Corona hatten sie das Nachsehen.

Allerdings sei die Corona-Krise der kürzeste Börsencrash mit der schnellsten Erholung gewesen, so dass sich die Unternehmen schnell wieder fingen. Seit Beginn des Ukraine-Krieges, habe sich eine gegenteilige Entwicklung beobachten lassen. „Eine Zeit, wo die Inflationssorgen stark steigen, ist gut für defensive Titel“, sagt Stoffel, „hier glänzen sie wieder.“

Reyers weist darauf hin, dass Anleger genau hinschauen müssten, ob die Dividende aus einem echten Gewinn oder von der Substanz des Unternehmens stammt. „Schüttet ein Unternehmen 100 oder sogar 110 Prozent seines Gewinns aus, ist das nicht nachhaltig“, sagt er. Auch wirtschaftlich angeschlagene Unternehmen können ihre Dividende erst spät anpassen, um am Aktienmarkt keine Unruhe zu schaffen, sagt Stoffel.

Kritik an Dividenden: Das moderne wirtschaftliche Denken strebe eher danach, Gewinne zu reinvestieren, als diese an die Anlegerinnen und Anleger weiterzureichen, sagt Vermögensverwalter Dagg. Sehr erfolgreiche Unternehmen wie Google, Amazon oder die Berkshire Hathaway-Aktie schütteten zum Beispiel keine Dividenden aus und seien für Anleger:innen dennoch hochattraktiv.

Alternative zu Dividendenausschüttungen: Um Anleger:innen zu belohnen, würden die Börsenkurse heutzutage durch Aktienrückkaufprogramme durch die Unternehmen gestützt, erklären die Expert:innen. „Das ist in den USA noch stärker üblich als in Deutschland“, sagt Reyers. Wenn die Firmen dem Markt Aktien entnehmen, steigt der Wert der verbleibenden Aktien. „Dadurch wird der zukünftige Gewinn für den Anleger hochgefahren. Das ist quasi eine unbare Dividende.“ In Deutschland fänden solche Programme nur in kleinerem Umfang statt.

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