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Viele Kinos werden die Krise wohl nicht überleben.

Firmenpleiten

Insolvenzen durch Corona: „Eine Bugwelle baut sich auf“

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Die durch Corona in Deutschland drohende Insolvenzwelle dürfte deutlich größer werden als nach der Finanzkrise 2009.

Lucas Flöther ist nicht irgendein Insolvenzverwalter. Er hat Erfahrung mit Großpleiten wie Air Berlin, arbeitet derzeit als Sachwalter des Ferienfliegers Condor und ist Chef des Gravenbrucher Kreises, einer Vereinigung der wichtigsten Sanierungsexperten des Landes. Man sollte ernst nehmen, was der 46-jährige Jurist sagt. „Das ist jetzt schlimmer als zur Finanzkrise 2008/09“, ist er sich mit Blick auf Unternehmensinsolvenzen sicher. Mit denen werde es wegen der Corona-Krise nun schnell nach oben gehen. Über das genaue Ausmaß mag der Insolvenzexperte nicht spekulieren, hält aber neue Rekordwerte für möglich.

Zuletzt lag die Zahl der Firmenpleiten laut Statistischem Bundesamt mit 18 749 so niedrig wie seit 1993 nicht mehr. Im Finanzkrisenjahr 2009 sind in hierzulande über 32 000 Unternehmen pleite gegangen. Das Allzeithoch wurde 2003 mit 39 320 Unternehmensinsolvenzen erreicht. In diese Dimensionen oder darüber hinaus könnte es nun gehen.

Insolvenzverwalter Lucas Flöther

„Die jetzige Krise geht tief und trifft mehrere Branchen gleichzeitig“, erklärt Flöther seine Skepsis trotz aller Staatshilfen. Die seien zwar kurzfristig so hilfreich wie das bislang bis Ende September befristete Aussetzen von Insolvenzantragspflichten. „Am Ende sind das aber nur Beruhigungspillen, die Insolvenzen lediglich rauszögern“, fürchtet der Jurist. Ob die Insolvenzflut in einem halben Jahr, gegen Jahresende oder erst 2021 anlandet, mag er nicht voraussagen. „Aber die Bugwelle baut sich gerade auf“, stellt der Insolvenzexperte klar.

Wie angeschlagen die heimische Wirtschaft bereits ist, zeigt eine April-Umfrage des Münchner Ifo-Instituts. Demnach arbeitet die Hälfte aller deutschen Unternehmen aktuell kurz. Knapp ein Fünftel plant Jobabbau. Im Schnitt rechnen die befragten Firmen mit einem knapp viermonatigen Andauern der Einschränkungen des öffentlichen Lebens.

„Danach wird die Welt für einige Branchen eine andere sein, manche werden wohl nie mehr ihr altes Niveau erreichen“, schätzt Flöther.

Er nennt Fluggesellschaften und Touristik, Kinos oder die Automobilbranche und vor allem deren Zulieferbetriebe und Autohäuser als Beispiele. Die Zeit von Flügen für 23 Euro nach Mallorca sei wohl vorbei. Für ein Zwei-Stunden-Meeting reise auch nach Corona kein Manager mehr von Berlin nach Frankfurt. Das werde künftig wie einiges andere anhaltend online erledigt.

Deshalb ist für Flöther absehbar, dass viele Firmen keine Chance haben, staatliche Hilfskredite jemals zurückzuzahlen oder gestundete Zahlungen zu begleichen. „Unternehmenszombies“ nennt er sie. Es sei keine Frage der Größe, wer überlebt. Gut seien die Chancen für Solo-Selbständige, die relativ leicht an nicht rückzahlbare Staatshilfen kommen oder systemrelevante Betriebe. Corona-resistenter seien zudem konservativ und inhabergeführte Firmen mit dicken Finanzpolstern. Schlechter sehe es für manches börsennotierte Unternehmen mit geringen Rückstellungen aus. An die Politik appelliert Flöther, die Geltungsdauer für Insolvenzgeld von drei auf sechs Monate zu verdoppeln und den Kreis von Unternehmen zu erweitern, die für Schutzschirmverfahren in Frage kommen.

Warnende Worte hat der Insolvenzexperte zudem hinsichtlich Hedgefonds. Die stünden parat, um in Corona-Not geratene Firmen zu kaufen. Einen Ausverkauf des deutschen Mittelstands hält Flöther trotz politischer Beteuerungen als Folge der Krise für möglich.

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