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Endgültig Feierabend für die Bergleute in Bottrop.

Zechenschließung

"Ein Treppenwitz der Geschichte"

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Gewerkschaftschef Michael Vassiliadis über den Abschied von der Steinkohle.

Herr Vassiliadis, die letzte Steinkohlezeche im Ruhrgebiet schließt. Sie waren zuletzt häufiger bei den Kumpeln zu Besuch. Wie haben Sie die Stimmung vor Ort erlebt?
Da mischen sich Wehmut und Stolz. Wehmut darüber, diesen historischen Einschnitt als direkt Betroffener zu erleben. Und Stolz über das Geleistete. Schließlich haben sich die Bergleute jahrzehntelang krummgemacht für unsere sichere Energieversorgung.

Was unterscheidet die Bergleute im Revier von anderen Arbeitern?
Sie würden jederzeit aufs Neue auf Prosper oder anderswo anheuern, wenn sie denn könnten. Das hat nichts mit Kumpelromantik zu tun – aber ganz viel mit gelebter Solidarität und dem Zusammenhalt unter den Extrembedingungen unter Tage. Sich dieser bergmännischen Tugenden wieder stärker bewusst zu werden, täte unserer Gesellschaft insgesamt in diesen rauen Zeiten nur zu gut.

Hadern Sie noch mit der Entscheidung, den mit Milliardenmitteln aus dem Steuertopf subventionierten Steinkohlebergbau zu beenden?
Wir werden die Steinkohle zur Stromproduktion noch lange brauchen, weil gerade ein Kernkraftwerk nach dem anderen vom Netz geht und die Erneuerbaren keinen grundlastfähigen Strom liefern. Nur, dass wir sie jetzt über Abertausende Kilometer aus Ländern importieren, deren Arbeits- und Sicherheitsstandards mit den deutschen nicht mithalten können. Dafür geben wir vor der Haustür eine international führende Industrie auf. Ein Treppenwitz der Geschichte.

Wie sehen Sie den Strukturwandel im Ruhrgebiet?
Natürlich hat die Region das Ende des Steinkohlenbergbaus noch nicht komplett überwunden. Dazu hat er das Ruhrgebiet zu stark geprägt. Und doch gibt es inzwischen eine starke Hochschullandschaft, eine aktive Gründerszene und viele Logistikprojekte, die Mut machen. Auch industrielle Investitionen kehren zurück – etwa aus der chemischen Industrie. Aber da muss mehr kommen.

Was lässt sich aus dem Steinkohle-Aus für den Ausstieg aus der Braunkohle lernen?
Auch da gilt: Erst liefern, dann abschalten! An der Braunkohle hängen in den Revieren direkt und indirekt 60 000 Jobs und gut vier Milliarden Euro an Wertschöpfung. Das ersetzt man nicht mal so eben. Wir brauchen Ideen, Investitionen und viele Milliarden Euro staatliche Unterstützung, um gute Industriearbeit in den Regionen zu sichern. Beim Auslauf des Steinkohlebergbaus haben wir dafür gesorgt, dass niemand ins Bergfreie gefallen ist. Das war ein gewaltiger Kraftakt – aber auch eine soziale Errungenschaft, die nicht hoch genug geschätzt werden kann. Diese Losung muss uns Leitsatz für die Gestaltung aller industriellen und strukturpolitischen Transformationen der Zukunft sein – nicht nur für die Braunkohle.

Interview: Rasmus Buchsteiner

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