Interview

„Ein ökologisches House of Lords“

  • schließen

Zukunftsforscher Jørgen Randers über Lösungen für den Klimawandel.

Jørgen Randers (74) ist Professor für Klimastrategie an der „BI Norwegian Business School“ in Oslo.

Professor Randers, auf der „Me Convention“ bezeichnet man Sie als „Orakel“. Sagen Sie uns, gibt es Hoffnung für die Menschheit, dass die Welt als gesunder Planet erhalten bleiben kann?
Durchaus, es ist technisch und ökonomisch möglich – wenn wir uns dazu entschließen. Allerdings ist es kurzfristig teurer, als nichts zu tun. Deswegen handeln Länder mit liberalen Marktwirtschaften tendenziell zu spät und schaffen dadurch unnötige Schwierigkeiten für unsere Kinder und Enkel.

Vor fast 50 Jahren waren Sie einer der Autoren des Club-of-Rome-Berichts „Die Grenzen des Wachstums“. Das Buch hat viele aufgerüttelt, aber Politik, Industrie und Verbraucher haben trotz der teils dramatischen Szenarien nicht wirklich umgesteuert.
Die Studie von 1972, die in vielen Millionen Exemplaren erschienen ist, hat die Welt schon in die richtige Richtung gebracht, aber längst nicht weit genug. Auch heute machen wir leichte Fortschritte, etwa bei den erneuerbaren Energien, aber die sind viel zu langsam.

Was ist denn schuld daran, dass die Menschheit fünf Jahrzehnte beim Wandel zu einem nachhaltigen Lebensstil verloren hat?
Es ist vor allem die Kurzfristorientierung unseres Wirtschaftssystems und der Märkte, aber auch der Wähler, die es jetzt gut haben wollen und denen vergleichsweise egal ist, wie die Welt in 50 Jahren aussieht. Politiker, die für einschneidende Maßnahmen eintreten, werden nicht gewählt. Das muss sich ändern. Was wir brauchen, ist eine Art ökologisches „House of Lords“ mit einer 20-Jahres-Wahlperiode, das ein Vetorecht gegenüber allen Entscheidungen der Regierung hat, wenn diese den Klima-Fußabdruck des Landes vergrößern.

Gibt es denn noch eine Chance, einen katastrophalen Klimawandel zu vermeiden?
Ja. Wir müssen beschließen, die Nutzung fossiler Brennstoffe schrittweise von 2020 bis 2050 herunterzufahren. Dann ist es noch möglich, das Zwei-Grad-Erwärmungslimit zu halten, das im Pariser Weltklimavertrag steht. 

Aber wahrscheinlich ist es nicht?
Ich rechne damit, dass der Treibhausgasausstoß erst bis 2100 auf null sinken wird. Der Temperaturanstieg wird dadurch 2075 etwa 2,5 Grad gegenüber vorindustrieller Zeit erreichen, danach aber etwa 50 Jahre lang wieder um ein halbes Grad absinken. Der Grund dafür ist, dass dann die Gletscher auf der Landfläche der Erde verstärkt abschmelzen, was der Atmosphäre eine große Menge Wärme entzieht. Danach allerdings verstärkt sich das Auftauen der Permafrostböden auf dem Globus, was viel Methan freisetzt, und das führt über fünf Jahrhunderte zu einem Temperaturanstieg von rund einem halben Grad pro Jahrhundert. Am Ende ergibt das eine Erwärmung um fünf Grad gegenüber vorindustriellen Zeiten. Das wäre wirklich dramatisch. Allerdings glaube ich: Die Menschheit müsste vor Ablauf dieser 500 Jahre in der Lage sein, Lösungen zu finden, um das zu verhindern.

Indem CO2 wieder aus der Atmosphäre entfernt wird?
Genau. Man braucht weltweit 10 000 sehr große Anlagen, die das überschüssige CO2 aus der Luft herausholen und es in tiefen Gesteinsschichten endlagern. Ich sage voraus, dass sie ab 2050 gebaut werden und dann 100 Jahre lang laufen. Danach wird sich die Situation deutlich verbessert haben.

Besser wäre es natürlich, das CO2 erst gar nicht in die Atmosphäre zu pusten. Was raten Sie?
Die Nutzung von Kohle, Erdöl und Erdgas muss schrittweise verboten werden, es darf hier ab 2020 keine neuen Investitionen mehr geben. Und die Menschen, die dadurch ihren Job verlieren, müssen entschädigt werden.

Welcher Teil der Welt kann dabei die Führung übernehmen?
Die reichen Industriestaaten sollten vorangehen. Denn sie haben die Mittel dazu. Sie können zeigen, dass es möglich ist, Wohlstand und Null-Treibhausgasemissionen zu verbinden.

Vor ein paar Jahren sagten Sie, weder die EU noch die Vereinigten Staaten werden beim ökologischen Umbau vorangehen, sondern China. Ist das immer noch richtig?
Absolut. China ist auf dem richtigen Weg in seiner „Green Transition“-Strategie bis 2050. Weil sie sich dazu fest entschlossen haben und mit ihren Fünfjahresplänen auch die Instrumente haben, um das umzusetzen.

Allerdings begann die Fridays-for-Future-Bewegung in Europa, nicht in China und auch nicht in den USA. Gibt Ihnen das keine Hoffnung, dass auch die westlichen Demokratien noch schnell genug umsteuern können?
Fridays for Future ist ein Schritt nach vorne. Trotzdem habe ich die Sorge, dass die Bewegung keine demokratische Mehrheit bekommt, bevor es zu spät ist, um die globale Temperatur unter plus zwei Grad Celsius zu halten.

Sympathisieren Sie mit den Demonstranten, die an diesem Wochenende in Frankfurt gegen die Automesse IAA demonstrieren?
Ich denke, sie sollten gegen den fossilen Verkehr protestieren, nicht gegen die Mobilität.

Interview: Joachim Wille

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare