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Näherinnen beim Unternehmen Kinross Clothing in Kapstadt.
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Näherinnen beim Unternehmen Kinross Clothing in Kapstadt.

Afrikanische Freihandelszone

Ein Meilenstein für Afrika

  • Johannes Dieterich
    vonJohannes Dieterich
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Bald startet die afrikanische Freihandelszone AfCFTA. Der größte zollfreie Zusammenschluss der Welt birgt große Chancen, aber auch Risiken, insbesondere für die ärmsten Länder.

Das Ereignis wurde mit Fanfaren im Fortissimo angekündigt. „Wir stehen an der Schwelle einer neuen Ära unseres Kontinents“, schwärmte der Präsident der Afrikanischen Union (AU), Südafrikas Staatschef Cyril Ramaphosa: „Es ist das bisher deutlichste Anzeichen dafür, dass Afrika sein Schicksal in die eigenen Hände nimmt.“

Gemeint ist die afrikanische Freihandelszone AfCFTA, der größte zollfreie Zusammenschluss der Welt. Eigentlich sollte sie zu Beginn dieses Jahres in Kraft treten – dann waren allerdings doch noch einige Hürden geblieben. Manche der 54 Mitgliedstaaten müssen erst noch das seit fast einem Jahrzehnt vorbereitete Vertragswerk ratifizieren, andere hatten die nötigen bürokratischen Hausaufgaben nicht gemacht.

Ein kleines Missgeschick, dem man in Afrika nicht viel Bedeutung beimisst: Schließlich ist auch die Doha-Entwicklungsrunde zum Welthandel selbst nach 20-jährigen Verhandlungen nicht abgeschlossen. „Ich habe noch nie erlebt, dass ein Handelsabkommen rechtzeitig fertig wurde“, sagt der südafrikanische AfCFTA-Generalsekretär Wamkele Mene, der sich seit Anfang dieses Jahrhunderts mit dem Thema befasst.

Ob bis zu seinem tatsächlichen Start noch Wochen oder gar Monate vergehen: Tatsache ist, dass das Abkommen einem Meilenstein bei der Integration Afrikas gleichkommt. Die Vereinbarung sieht vor, dass bis zu 97 Prozent des Warenverkehrs von Zöllen befreit werden: Eine Hormonspritze für den kontinentalen Binnenhandel, der bislang lediglich zwölf Prozent aller afrikanischen Exporte (rund 560 Milliarden US-Dollar im Jahr) ausmacht.

Wirtschaftsexpert:innen sind sich einig, dass der Kontinent zu seiner Entwicklung vor allem Industrialisierung braucht: Ein Sektor, der im vergangenen halben Jahrhundert, statt zu wachsen, noch von 15 auf elf Prozent der kontinentalen Wirtschaftsleistung gesunken ist. Um Afrikas Industrie anzukurbeln, sind größere, von keinen Schutzzöllen abgeschottete Märkte nötig: Mit einer Bevölkerung von 1,3 Milliarden Menschen, die außerdem so schnell wie nirgendwo sonst wächst, verspricht der Kontinent einer der attraktivsten Absatzgebiete der Welt zu werden.

Keiner weiß das besser als die Manager der Autoindustrie, einer der umsatzstärksten Branchen der Welt. Das Volkswagenwerk hat bereits Pläne in der Schublade, in Afrika ein Netzwerk an Produktionsfirmen zu errichten: Bisher gibt es lediglich in Südafrika Autowerke, die nicht nur angelieferte Einzelteile zusammenschrauben.

Auf dem Kontinent südlich der Sahara werden derzeit kaum mehr als 400 000 Neuwagen pro Jahr verkauft: Wesentlich mehr Karossen werden als Gebrauchtwagen aus Europa und Asien importiert, ohne dass damit industrieller Mehrwert geschaffen wird. Zwar stammt ein nicht unerheblicher Teil der in den Fahrzeugen verarbeiteten Rohstoffe aus Afrika: Doch das schafft kaum Arbeitsplätze und keinen Industriezweig.

Thomas Schäfer, bis vor einem Jahr Afrika-Chef des Wolfsburger Konzerns, arbeitete an einem Plan, den Kontinent wie einst China für die Automobilproduktion zu erschließen – mit unterschiedlichen Standorten für unterschiedliche Modelle, die mit einem integrierten Gesamtmodell aufeinander abgestimmt werden.

Die binnenafrikanischen Zölle waren eines, aber nicht das einzige Problem Schäfers. Masterpläne zur Industrialisierung, politische Weichenstellungen und ein gesetzlicher Rahmen waren für den Afrika-Fan nicht weniger wichtig als der Freihandel: Aspekte, die unter den Fanfarenklängen zum AfCFTA-Start unterzugehen drohen. Afrikas Industrialisierung stehen außer Zöllen auch schlechte politische Rahmenbedingungen, soziale Unruhen, eine miserable Infrastruktur sowie die Korruption und der damit verbundene illegale Kapitalabfluss (mehr als 50 Milliarden US-Dollar im Jahr) im Weg.

Und dabei sind noch nicht einmal alle mit dem Abkommen verbundenen Probleme aus dem Weg geräumt. Was tut zum Beispiel ein bettelarmer Staat wie Malawi, wenn ihm plötzlich 90 Prozent seiner Zolleinnahmen abhandenkommen? Zu diesem Zweck soll zwar ein Fonds eingerichtet werden, mit dem die schlimmsten Schocks aufgefangen werden sollen. Doch die Corona-Pandemie hat selbst relativ begüterte Staaten wie Südafrika, Nigeria oder Ägypten dermaßen hart getroffen, dass sie für Solidaritätsfonds keine Mittel mehr übrig haben.

Hinzu kommen zahlreiche Tricks, die schon zu Beginn des Handelsabkommens ausgeschlossen werden müssen: dass etwa Lesotho billigste T-Shirts aus China einkauft, einen Löwen daraufdruckt und sie dann zollfrei in ganz Afrika verkauft. Um solchen Missbrauch zu verhindern, müssen „Rules of Origin“ festgelegt werden: Auch sie sind in den meisten Fällen noch nicht ausbuchstabiert.

„AfCFTA ist nicht nur ein Handelsabkommen“, entgegnet Generalsekretär Mene Kritiker:innen. „Es ist unsere Hoffnung, den Kontinent aus der Armut zu befreien.“ Immerhin hält es die UN-Wirtschaftskommission für Afrika für möglich, dass der binnenkontinentale Handel bis zum kommenden Jahr um mehr als 50 Prozent steigt. Und die Weltbank rechnet damit, dass auf diese Weise 30 Millionen Afrikanerinnen und Afrikaner aus der Armut gehoben werden.

Vielleicht keine Schwelle in eine neue Epoche – bestimmt aber ein Schritt in die richtige Richtung.

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