Der Wirecard-Krimi hält an.
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Der Wirecard-Krimi hält an.

Wirecard

„Ein komplettes Desaster“

  • Thomas Magenheim-Hörmann
    vonThomas Magenheim-Hörmann
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Beim Zahlungsdienstleister Wirecard sind 1,9 Milliarden Euro spurlos verschwunden - wahrscheinlich haben sie nie existiert. Nun droht die Zerschlagung.

Bei Wirecard zeichnet sich ein Finanzskandal historischen Ausmaßes ab. „Mit überwiegender Wahrscheinlichkeit“ bestehen 1,9 Milliarden Euro, die auf philippinischen Treuhandkonten liegen sollten nicht, räumt der Zahlungsdienstleister aus Aschheim bei München ein. Das Geld macht ein Viertel der Bilanzsumme aus und hat theoretisch als Sicherheit für bargeldlosen Zahlungsverkehr gedient, den Wirecard selbst sowie über Drittpartner in aller Welt managt. Auf diese Hiobsbotschaft folgen mehrere weitere. Teile des für 2019 und das erste Quartal 2020 ausgewiesenen Geschäfts haben möglicherweise nicht existiert. Auch bei früheren Geschäftsjahren könnte das so sein. Wirecard prüft nun auch seine Zerschlagung, um zu retten, was noch zu retten ist.

„Wir befinden uns mitten in der entsetzlichsten Situation, in der ich jemals einen Dax-Konzern gesehen habe“, bewertet der Chef der deutschen Finanzaufsicht Bafin, Felix Hufeld die Vorgänge. Was passiert ist, sei „ein komplettes Desaster und eine Schande“. Zugleich räumte er Mitschuld ein. „Wir sind nicht effektiv genug gewesen, um zu verhindern, dass so etwas passiert“, gestand der Bafin-Boss. Deutsche Bank-Chef Christian Sewing sprach von einer „ernsten Angelegenheit“, die Auswirkungen über Wirecard hinaus haben könnte.

Von Ermittlern aller Art und auch dem Dax-Konzern selbst wird mittlerweile untersucht, ob durch Bilanzfälschung mittels erfundener Scheinumsätze die Geschäfte jahrelang systematisch aufgebläht worden sind. Große Fragezeichen stehen hinter dem Geschäftsjahr 2019, das längst bilanziert sein sollte. Die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft EY verweigert aber das Testat, weil sie die Existenz in der Bilanz ausgewiesener fast zwei Milliarden Euro in Zweifel zieht. Das Misstrauen war gerechtfertigt. Ein Wirecard-Ermittlerteam auf den Philippinen kann die Gelder ebenso wenig finden wie die philippinische Zentralbank. Große Zweifel sind hinsichtlich des Treuhänders laut geworden, der für Wirecard 2019 auf den Philippinen angeblich Treuhandkonten über die Riesensumme eingerichtet hat. Bei ihm handelt es sich um Rechtsanwalt Mark Tolentino, bestätigt ein Insider.

Geschäftsmodell

Wirecard regelt mit seiner modernen Schlüsseltechnologie bargeldlose Zahlungsströme zwischen Händlern und Dienstleistern aller Art sowie deren Kunden.

In Asien verfügt Wirecard oft über keine eigene Lizenz und kooperiert deshalb mit rund 100 Partnern, die Wirecard-Bezahltechnologie gegen Provision nutzen. Wenn ein Verbraucher über einen solchen Drittpartner elektronisch kauft, aber sein Konto nicht gedeckt ist, fungiert der Konzern auch als eine Art Versicherung für betroffene Händler. Dazu braucht es Treuhandkonten, die für geplatzte Geschäfte einspringen. Drei dieser Partner stehen nun im Verdacht im großen Stil manipuliert zu haben. tma

2018 ist der damalige Staatsbedienstete vom philippinischen Staatspräsidenten Rodrigo Duterte wegen ungebührlichen Verhaltens im Zusammenhang mit einem staatlichen Bahnprojekt gefeuert worden, erfährt man beim Googeln. In einer jüngsten Wirecard-Sonderprüfung des EY-Konkurrenten KPMG ist anonymisiert von einem Treuhänder die Rede, bei dem es sich um Tolentino handeln dürfte. Darin kritisiert KPMG, dass Wirecard dessen Zuverlässigkeit bei seiner Bestellung im Herbst 2019 offenbar nicht geprüft hat. Es kommt aber noch schlimmer. „Der Vorstand geht außerdem davon aus, dass die bisherigen Beschreibungen des sogenannten Drittpartnergeschäfts durch die Gesellschaft (gemeint ist Wirecard, die Redaktion) unzutreffend sind“, teilt der Dax-Konzern mit.

Wirecard verfügt nicht in allen Ländern über eigene Geschäftslizenzen und kooperiert dort mit Partnerfirmen. Über diese sind in der Vergangenheit große Teile des Geschäfts gelaufen. In manchen Jahren war es ein Drittel aller Umsätze und die Hälfte aller Gewinne. Fragezeichen stehen dabei vor allem hinter einem Wirecard-Partner in Dubai namens Al Alam. Der hat jüngst den Betrieb eingestellt und KPMG jede Auskunft verweigert. Spätestens dann – im April dieses Jahres – hätten auch bei Wirecard-Managern alle Alarmglocken schrillen müssen. Die hatten aber bis zuletzt alle Vorwürfe als verleumderisch dementiert.

Nun untersucht man in Aschheim, in welcher Art und Weise sowie in welchem Umfang Drittpartnergeschäfte tatsächlich zugunsten von Wirecard geführt wurden. Bisherige Prognosen von 2,8 Milliarden Euro Umsatz und 785 Millionen Euro operativem Gewinn im Geschäftsjahr 2019, Aussagen zum Auftaktquartal 2020 sowie kommende Jahre wurden kassiert. „Mögliche Auswirkungen auf die Jahresabschlüsse vorangegangener Jahre können nicht ausgeschlossen werden“, warnt Wirecard. Das heißt, dass die Bilanzen mehrerer Geschäftsjahre falsch sein könnten, was die britische Finanzzeitung „Financial Times“ seit Anfang 2019 vermutet.

Damit ist die Existenz von Wirecard bedroht. Den Stecker ziehen könnten kreditgebende Banken. Eine zwei Milliarden Euro umfassende Kreditlinie läuft Ende Juni aus. Sie muss erneuert werden, sonst drohen akute Liquiditätsnöte. Das Bankenkonsortium will das dem Vernehmen nach verhindern. Aber Liquiditätsnöte drohen auch, wenn Wirecard-Kunden ihre Mittel abziehen. Der Dax-Konzern verfügt über eine Banklizenz und 1,7 Milliarden Euro an Kundengeldern.

Nun steht bei den Aschheimern mit ihren 5800 Beschäftigen alles zur Disposition. Geprüft werden Kostensenkung, Notverkäufe oder Einstellung von Unternehmensteilen sowie Produktsegmenten. Das klingt nach verzweifelten Überlebenskampf. Die Börse hat ihr Urteil schon gesprochen. Nach weiteren Kursstürzen hat Wirecard seit Donnerstag rund 85 Prozent an Firmenwert auf noch rund zwei Milliarden Euro verloren.

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