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Proteste vor der Bayer-HV: „Es gibt eine starke Nachhaltigkeitsdebatte“, sagt Tüngler.

Deutsche Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz

„Es gibt eine starke Nachhaltigkeitsdebatte bei den Investoren“

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Aktionärsschützer Tüngler spricht in der FR über die kritischen Debatten auf den Hauptversammlungen.

Unruhige Zeiten für deutsche Konzerne: Auf vielen Hauptversammlungen äußern sich Aktionäre kritisch. Es sei deutlich weniger gemütlich als noch vor zehn Jahren, sagt der Geschäftsführer der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW), Marc Tüngler. Der Aktionärsschützer besucht in diesem Jahr rund 25 Hauptversammlungen. Ein Gespräch über die aktuelle Stimmungslage.

Herr Tüngler, auf wie vielen Hauptversammlungen waren Sie dieses Jahr schon?
Auf zehn – und die waren alle recht wild. Etwa 15 kommen noch auf mich zu. Die Hauptversammlungssaison geht ja noch bis Ende August. Als Daumenregel kann man sagen: Je später ein Unternehmen seine HV abhält, desto brisanter werden die diskutierten Themen. Denn wenn ein Unternehmen so lange braucht, um seinen testierten Abschluss vorzulegen und die HV-Einladungen zu verschicken, dann ist das ein klarer Problemindikator. Insgesamt schickt die DSW ihre Vertreter auf 650 HVs.

Wie schafft sie das? Die DSW ist ja eine non-profit-Organisation und hat nicht viele Mitarbeiter …
Wir sind auf unsere ehrenamtlichen Mitarbeiter angewiesen, das sind fast alles wirtschaftsaffine Anwälte, die uns auf den HVs vertreten. Ich bin sehr stolz auf die DSW-Mannschaft. Man muss ein Überzeugungstäter sein, denn der Aufwand ist groß und die Unternehmen rüsten auf: Sie stecken hunderttausende Euro in die Vorbereitung der Versammlungen, in ihre Verteidigung. Aber das Schöne ist ja: Wir sind auf der hellen Seite der Macht und es gibt sehr viele Aktionäre, die uns durch ihre Mitgliedschaft unterstützen.

Wie bereiten Sie sich auf eine HV vor?
Ich lese die Geschäftsberichte komplett durch, außerdem schaue ich mir Analysen und Presseberichte zu dem jeweiligen Unternehmen an. Wenn man zehn, 15 Minuten auf der HV vorne steht und redet, sollte man schon thematisch sattelfest sein. Tagsüber bin ich derzeit auf HVs, abends lese ich Geschäftsberichte. Ich sage Ihnen: Ich sehne meinen Urlaub herbei, der lässt aber noch auf sich warten.

Nehmen die Unternehmen die DSW, als Vertreter der Kleinanleger, überhaupt ernst – oder schauen die nicht ohnehin nur auf ihre großen institutionellen Investoren?
Zunächst einmal: Wir geben natürlich vor allem Privatanlegern eine Stimme, aber wir vertreten auch große institutionelle Investoren aus Europa. Und ja: Wir haben sehr wohl das Gefühl, dass wir ernst genommen werden. Wir können oft als erste oder zweite auf den HVs reden. Wir haben in der jüngsten Vergangenheit Sonderprüfungen etwa bei Volkswagen, Thyssen-Krupp, der Deutschen Bank und Bilfinger beantragt, teils wurden die dann auch umgesetzt oder wir sind dabei oder überlegen, diese gerichtlich durchzusetzen. Viele Unternehmen haben mehr Kleinaktionäre als früher. Innerhalb von etwa drei Jahren hat zum Beispiel die BASF 250 000 Kleinaktionäre auf nun 600 000 dazu gewonnen. Daher wird diese Gruppe die Unternehmen wichtiger – und damit auch wir.

Sie sagten gleich zu Beginn unseres Gesprächs, dass die HVs dieses Jahr bislang „wild“ gewesen seien. Was meinen Sie damit?
Vor fünf bis zehn Jahren waren HVs noch deutlich „gemütlicher“. In der Außenwahrnehmung waren das Veranstaltungen, auf denen die Aktionäre sich am Buffet bedienen und dann wieder heimgehen. Das ist jetzt ganz anders. Die Aktionäre übernehmen offenbar mehr Verantwortung, die Präsenz ist viel höher als noch vor einigen Jahren. Und die Themen sind ganz andere. 

Inwiefern?
Es gibt eine starke Nachhaltigkeitsdebatte bei den Investoren. Auch der Klimaschutz ist in aller Munde. Vor einigen Jahren hat dieses Thema eher Randgruppen interessiert. Oder nehmen Sie das Thema Steuersparmodelle. Vor zehn Jahren wollten die Investoren wissen, wie ein Unternehmen Steuerzahlungen umgehen und damit reduzieren kann. Das würde heute niemand mehr fragen – die Investoren sind eher interessiert daran, dass ein Unternehmen ein guter Bürger ist. Kurzfristige Tricks haben eben auch kurze Beine. Die Reputation der Unternehmen wird plötzlich sehr wichtig genommen. Das ist ein echter Sinneswandel.

Marc Tüngler ist seit 2012 Hauptgeschäftsführer der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz. 

Welche HVs haben Sie diese Saison als besonders erlebt?
Die Bayer-HV kam einer Revolution gleich. Dass die Aktionäre den Vorstand nicht entlasten, das gab es zuvor noch nie bei einem Dax-Konzern. Und es zeigt, dass die Aktionäre nicht mehr nur alles abnicken. Eine HV ist eben keine Schaufensterveranstaltung. Bei Bilfinger haben die Aktionäre auch aufbegehrt: Der Aufsichtsrat will keine Ansprüche gegen Ex-Vorstände geltend machen, das wollen die Anteilseigner nicht akzeptieren. Ich denke, auch die HVs der Deutschen Bank, von Thyssen-Krupp, Volkswagen und Continental waren oder werden hochspannend. Die Aktionäre müssen aber zugleich aufpassen, dass die Lust an der Kritik und Zerstörung nicht zu groß wird.


Aber es ist doch gut, wenn sie sich wieder mehr für ihre Unternehmen interessieren?
Ja, natürlich. Aber Aktionäre sollten auch nicht leichtfertig mit ihrem Stimmrecht umgehen. Einfach nur zu sagen: Denen da vorne zeige ich es mal – das ist wahrlich nicht nachhaltig und löst keine Probleme. Als DSW wollen wir ein Unternehmen nicht von einer Krise in die nächste stürzen, sondern konstruktiv an Lösungen mitarbeiten. Wir wollen Schaden von den Unternehmen fernhalten und so den Wert ihrer Beteiligungen für unsere Mitglieder steigern. Im Idealfall laufen Aktionäre und Management in die gleiche Richtung. Wenn dem nicht so ist, ist der Ärger vorprogrammiert.

Von allen HVs, auf denen Sie je waren: Welche ist Ihnen besonders in Erinnerung geblieben?
Sie wollen sicher eine Geschichte aus der fernen Vergangenheit hören, insofern enttäusche ich Sie vermutlich, wenn ich sage: Es ist die Bayer-HV in diesem Jahr. Es ist einfach die bemerkenswerteste HV, die ich jemals erlebt habe, sie markiert eine Zeitenwende. Als um halb elf abends die Abstimmungsergebnisse verkündet wurden, da war es noch ungewöhnlich voll im Saal. Und als klar war, dass der Vorstand nicht entlastet worden war, da herrschte für fünf Sekunden absolute Stille in diesem riesigen Raum. Alle haben gemerkt: Das ist etwas Besonderes, hier verändert sich gerade etwas Entscheidendes – weit über Bayer hinaus. Das war für mich ein ganz besonderer Moment, den ich nicht vergessen werde.

Interview: Nina Luttmer

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