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Hier wollen sie mal zusammen wohnen: Mitglieder von „Neustart Tübingen“ an der Marienburger Straße.
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Hier wollen sie mal zusammen wohnen: Mitglieder von „Neustart Tübingen“ an der Marienburger Straße.

Zukunft hat eine Stimme

Ein Dorf in der Stadt

  • Friederike Meier
    vonFriederike Meier
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Für wen ist Platz in der City, wer muss wegziehen? Vor diese Frage sind immer mehr Menschen gestellt. In Tübingen wagt eine Initiative den Neustart: mit ökologischen Bauten, niedrigen Mieten und einer lebendigen Nachbarschaf.

Kurze Wege, eine Mischung aus Wohnen und Arbeiten, weniger Autoverkehr: So bewirbt Tübingen das Französische Viertel im Süden der schwäbischen Stadt. Als in den frühen 1990er Jahren die französischen Soldaten die dortigen Kasernen verließen, übernahm die Stadt die Flächen und plante ein neues Stadtviertel. Eine Besonderheit: Viele Baugruppen kamen zum Zug – Gruppen von Privatleuten, die gemeinsam bauen.

Das Konzept bekam viel Anerkennung. Es erhielt mehrere Preise, unter anderem den deutschen Städtebaupreis, und gilt bundesweit als Vorbild für nachhaltige Stadtentwicklung.

Für die Tübingerin Johanna Neuffer ist die „Stadt der kurzen Wege“, wie Tübingen selbst das Konzept nennt, trotzdem nicht genug. Die 27-Jährige ist in der Initiative „Neustart Tübingen“ aktiv. Sie kritisiert, dass die meisten Menschen es sich nicht leisten könnten, Mitglieder einer Baugruppe zu werden.

Die Initiative will das Tübinger Konzept deshalb weiterentwickeln. „Wir wollen bezahlbaren Wohnraum schaffen und der soll breiten Bevölkerungsschichten zugänglich sein“, sagt Neuffer. Sie lebt selbst in einem Wohnprojekt mit 100 Menschen und beschäftigt sich schon länger mit Wohnpolitik.

Auch Andreas Roth lebt in einem Wohnprojekt, und das schon seit 21 Jahren. Der 58-Jährige, der als Geschäftsführer eines soziokulturellen Zentrums arbeitet, spricht also aus Erfahrung, wenn er sagt: „Ich sehe einerseits die Vorteile, andererseits die Begrenzungen von Wohnprojekten.“ „Neustart Tübingen“ wolle keine „alternative Insel in einem ansonsten gleichbleibenden Strom“ sein. Das Neustart-Projekt brauche einen gewissen Umfang und müsse verallgemeinerbar sein.

Insgesamt 71 Menschen haben deshalb Anfang Oktober vergangenen Jahres die Genossenschaft „Neustart: Solidarisch leben und wohnen“ gegründet. Johanna Neuffer ist eine der drei Vorständ:innen und Andreas Roth ist im Aufsichtsrat.

Vorbild für die Tübinger:innen ist die Initiative „Neustart Schweiz“, die seit dem Jahr 2010 das Modell der „Neustart-Nachbarschaften“ verbreitet. Danach leben um die 500 Menschen gemeinsam in einer Nachbarschaft. Diese Anzahl von Menschen sei ökonomisch optimal, außerdem spielten persönliche Konflikte bei mehr Menschen eine kleinere Rolle, heißt es auf der Webseite der Initiative. Es soll Gemeinschaftsräume geben wie eine Großküche oder eine Mediathek. Idealerweise werde jede Nachbarschaft mit einem Landwirtschaftsland in der Umgebung verbunden.

Die Idee kommt aus der Postwachstums-Bewegung, die versucht, eine nachhaltige Gesellschaft umzusetzen, die kein Wirtschaftswachstum benötigt. „Neustart Schweiz“ findet, dass die Menschen sich dafür zunächst ihrer unmittelbaren Nachbarschaft zuwenden sollten.

Viele Bauprojekte orientieren sich seitdem daran. Im Hunziker-Areal in Zürich hat die Genossenschaft „Mehr als Wohnen“ seit 2015 beispielsweise eine neue Nachbarschaft geschaffen. Dort leben 1200 Menschen in verschiedenen Wohnformen.

Die Tübinger Initiative plant eine Nachbarschaft für 500 Menschen. Es soll sowohl Ein-Zimmer-Apartments als auch große Wohnungen geben, daneben viele Gemeinschaftsflächen wie Büros, Werkstätten und Gästezimmer, die auch Menschen aus den umliegenden Vierteln zur Verfügung stehen. Das hat auch Raphael Wieland motiviert, bei „Neustart“ mitzumachen. „Gerade der Gedanke, dass es für alle ist, hat mich überzeugt“, sagt der 33-jährige Promotionsstudent in Physik. „Ökologisch ist der geringere Flächenverbrauch zentral. Wenn man viele Gemeinschaftseinrichtungen nutzt, braucht man weniger Fläche“, erklärt er.

Was die Bauweise und die Energieversorgung angeht, gibt es ohnehin strenge Vorgaben. Schon im Jahr 2018 hat die Stadt Tübingen eine Solarpflicht für Neubauten beschlossen, außerdem gibt es Vorschriften für die Energieeffizienz und die Wärmenutzung.

Damit auch Menschen eine Chance bekommen, in der Nachbarschaft zu wohnen, die sonst auf dem Wohnungsmarkt benachteiligt sind, arbeitet die Tübinger Gruppe an einem Belegungsschlüssel. „Wir schauen uns die gesellschaftliche Zusammensetzung des Landkreises an und versuchen, das abzubilden“, erklärt Wieland. Mieten, die nach Einkommen gestaffelt werden, sollen ein Anreiz sein, einzuziehen.

Nur dem Durchschnitt zu entsprechen, reicht der Initiative aber nicht. „Wir wollen auch denjenigen Zugang ermöglichen, die auf dem Wohnungsmarkt benachteiligt sind“, erklärt Johanna Neuffer. Dafür sei die Gruppe mit verschiedenen sozialen Trägern im Gespräch, die sich etwa um Wohnungslose kümmern. Auch wer den Genossenschafts-Anteil nicht bezahlen kann, soll unterstützt werden.

Aber werden nicht trotzdem nur Menschen dort wohnen wollen, die Lust auf Genossenschaft haben? Es werde zwar ein Plenum geben, aber ein freiwilliges, sagt Neuffer. „Menschen, die sich nicht einbringen können, sollen entlastet werden und trotzdem viel vorfinden, um gut leben zu können.“ Im Unterschied zu selbst verwalteten Wohnprojekten soll es auch eine professionelle Verwaltung geben, die den Bewohner:innen manch mühsame Diskussion erspart.

Die Tübinger:innen haben für ihr Projekt eine Fläche in der Marienburger Straße in der Südstadt im Auge, direkt neben dem preisgekrönten Französischen Viertel. Die Gründung der Genossenschaft war der erste Schritt. Als nächstes wollen nun „Neustart“ und die Stadt Tübingen herausfinden, welchen Bedarf an Gemeinschaftsflächen die umliegenden Viertel überhaupt haben.

Für diese Art der Bürger:innenbeteiligung gibt es keine Blaupause, wie Cord Soehlke, Bau- und Erster Bürgermeister der Stadt Tübingen, erzählt. „Ich kenne keine Stadt, die das so in der Form schon gemacht hat“, sagt er. Auch für Tübingen sei es das erste Mal. „Es geht um eine Struktur, in der sich beispielsweise Kulturräume und Gästezimmer geteilt werden können“, sagt Soehlke. Diese Struktur soll dann wiederum Bedingung für die Vergabe der eigentlichen Fläche werden.

Der Architekt Soehlke, der seit zehn Jahren Baubürgermeister ist und zuvor als Leiter des Stadtsanierungsamts und zuständig für Grundstücksentwicklung das Französische Viertel geplant hat, sieht „Neustart“ als Erweiterung der bisherigen Konzepte: „Sie bringen Buntheit und Vielfalt in das Viertel.“

So seien die Gemeinschaftsräume im Französischen Viertel nicht immer zugänglich. „Wenn ich meinen 50. Geburtstag feiern will, finde ich dafür schon einen Raum. Allerdings nur, wenn ich gut vernetzt bin“, sagt Soehlke. Auch die dauerhafte soziale Mischung sei nicht ganz gelungen. „Die Baugemeinschaften hatten viel Erfolg in der ersten und zweiten Generation. Aber wenn eine Wohnung verkauft oder vermietet wird, gibt es eine Preissteigerung.“

Deshalb schätzt er das Genossenschaftsmodell von „Neustart“, das Gentrifizierung entgegenwirke und den Wohnungstausch innerhalb der Genossenschaft ermögliche. Gut findet er auch, dass „Neustart“ Fläche sparen und die Gemeinschaftsflächen für das gesamte Quartier zugänglich machen will.

Während für „Neustart“ aber eine bestimmte Größe wichtig ist, will Soehlke auch Flächen an andere Projekte und Baugruppen vergeben. „Eine Genossenschaft ist nicht für jeden etwas. Ich würde mich schwer tun, ihnen das gesamte Areal an der Marienburger Straße zu überlassen“, sagt er. Es solle auch noch Platz geben für sozialen Wohnungsbau und „ganz normales Eigentum“.

Die Fläche wird aber ohnehin ganz regulär ausgeschrieben. Dass „Neustart“ den Zuschlag bekommt, ist nicht ausgemacht. Zunächst ist die Stadt noch in Verhandlungen mit Bund und dem Land Baden-Württemberg, denen momentan noch Teile der Fläche gehören.

Bis tatsächlich jemand einziehen kann, wird es also noch eine Weile dauern. Was motiviert die Mitglieder der Genossenschaft, so lange dranzubleiben? Johanna Neuffer ist es wichtig, dass das Projekt machbar ist. „Neustart ist ein Paradebeispiel, das die sozialen und ökologischen Herausforderungen gemeinsam abdeckt. Und es ist kein Wolkenkuckucksheim.“ Auch Raphael Wieland hofft, dass das Projekt ein Beispiel für andere wird: „Wenn es hier klappt, klappt es am Ende vielleicht auch in Hintertupfingen.“

Andreas Roth sieht in „Neustart“ vor allem eine mögliche Lösung für Probleme wie die Klimakrise. „Wenn wir nicht wollen, dass die Welt den Bach runtergeht, müssen wir schnellstens tragbare Alternativen entwickeln.“ Er habe schon viel Richtiges im Falschen versucht, sagt Roth. „Aber „Neustart“ ist bisher das Richtigste im Falschen.“

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