Eine Monteurin arbeitet in einem Werk des Automobilzulieferers ZF Friedrichshafen an ein Getriebe für Lastwagen.
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Die Corona-Krise trifft auch Automobil-Zulieferer hart.

Automobilindustrie

Autogipfel in der Corona-Krise: Bloß nicht von der „Kaufprämie“ sprechen

  • vonStefan Winter
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Vor dem Autotreffen hofft die Branche in der Corona-Krise auf Hilfe – stellt aber lieber keine Forderungen mehr.

  • Am Dienstag kommt es zum „Autogipfel“ zwischen Autobranche und Politik
  • Die Branche ist hart von der Corona-Krise getroffen
  • Besonders die Zulieferer stehen unter Druck

Offiziell geht es am Dienstagabend um die großen Zukunftsfragen der Industrie: Digitalisierung, Vernetzung und das autonome Fahren stehen beim Autogipfel auf der Tagesordnung. Beherrscht wird die Videorunde aber wohl von einem dringenderen Thema: Wie stellt man sicher, dass die Industrie diese Zukunft überhaupt erlebt?

„Die Krise ist längst nicht ausgestanden“, sagt VDA-Präsidentin Hildegard Müller. Im Konjunkturpaket der Bundesregierung läuft die Autobranche eher am Rande mit. Unternehmen und Landesregierungen dringen seit Wochen auf Nachbesserung und warnen vor dem Zusammenbruch einer Schlüsselindustrie.

Angela Merkel dämpft die Erwartungen

Doch die Bundeskanzlerin hat die Erwartungen schon gedämpft und Forderungen der CSU nach einer Kaufprämie auch für sparsame Verbrennungsmotoren abgebügelt: Nach ihrem Eindruck sei das beschlossene Konjunkturprogramm rund, „insofern sehe ich da jetzt im Augenblick keinen Ergänzungsbedarf“, sagte Angela Merkel (CDU) Ende vergangener Woche.

Das sehen die Industrie und viele Landespolitiker anders. Die Nachfrage erholt sich zwar, aber sie war zwischendurch auch praktisch auf Null. So liegt die Zahl der Neuzulassungen in den ersten acht Monaten 2020 in Deutschland immer noch um ein Drittel unter dem Vorjahreszeitraum. Für das Gesamtjahr erwartet der VDA einen Rückgang um 23 Prozent. Eine echte Normalisierung gibt es weltweit bisher nur in China, und die bringt wenig für die Auslastung hiesiger Fabriken. „Politik, Unternehmen und Gewerkschaften müssen jetzt gemeinsam alles tun, um eine Verlagerung der Produktion aus Deutschland und weiteren Stellenabbau infolge von Corona zu verhindern“, sagt Müller.

Rettung der Autobranche: Abwrackprämie kein Thema

So geht es im Eiertanz zum Gipfel: Es ist viel von Handlungsbedarf die Rede, und manches wird gefordert – aber „Kaufprämie“ darf es keinesfalls heißen. „Es geht nicht um die Kaufprämie 2.0“, heißt es beim VDA, sondern „ums Gesamte“. Der niedersächsische Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) erklärte Nachfrageimpulse in der „Rheinischen Post“ für „dringend erforderlich“, will aber von einer Abwrackprämie nichts wissen. Die hatte er schon zusammen mit den Kollegen Markus Söder (CSU) aus Bayern und Winfried Kretschmann (Grüne) aus Baden-Württemberg vergeblich gefordert und sagt jetzt: „Wir sind alle drei Realos und wissen, dass wir nicht einfach mit denselben Ideen noch einmal kommen können.“

So sieht es auch Gunnar Herrmann, verantwortlich für das Deutschland-Geschäft von Ford. Er sehe „derzeit keine Realisierbarkeit einer generellen Kaufprämie“ für schadstoffarme Verbrennungsmotoren, sagte er dem „Kölner Stadt-Anzeiger“. Sinnvoll fände er sie trotzdem, denn die einseitige Förderung der E-Autos bringe beim Absatz wenig. Auch im VW-Betriebsrat heißt es, „es muss ein zweites Konjunkturpaket geben“. Eine Verbrennerprämie mag der Vorsitzende Bernd Osterloh aber nicht mehr fordern – nachdem er damit im Vorfeld des ersten Konjunkturpakets noch vorgeprescht war.

Den großen Brückenschlag versuchte am Wochenende sein Gewerkschaftskollege Jörg Hofmann. Der IG-Metall-Vorsitzende brachte einen staatlichen Mittelstands- und Transformationsfonds ins Gespräch, der sich an Unternehmen in Not beteiligen würde. „Wenn der Staat einen Teil des Risikos übernimmt, könnte das kleinen und mittleren Unternehmen die Kraft zu Investitionen und Innovationen verschaffen“, sagte Hofmann der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“.

Unterstützung von den Grünen

Unterstützung kam von Grünen-Chefin Annalena Baerbock: „Wir müssen Mittelständlern und Zulieferern Zeit verschaffen.“ Angesichts von mehr als 800 000 Beschäftigten in der Automobilindustrie könne „keine Politikerin sagen: Die sind mir egal, sollen sie doch schauen, wie sie über die Runden kommen“. SPD-Fraktionsvize Sören Bartol sagte: „Einen staatlich aufgesetzten Fonds für den Mittelstand, wie ihn die IG Metall fordert, unterstütze ich.“

Helfen müsste er vor allem den Zulieferern, die in einer VDA-Umfrage jüngst ein trübes Bild zeichneten: Zwei Drittel der Firmen sind nur zu 50 bis 75 Prozent ausgelastet, rund 60 Prozent wollen in größerem Umfang Personal abbauen. Das kann offenbar auch die großzügige Kurzarbeitsregelung nicht verhindern: Nur bei einem Viertel der Firmen arbeitet mehr als die Hälfte der Belegschaft kurz. Kurzarbeit sei ein wichtiges Instrument sagt Verbandspräsidentin Müller, aber es gehe um eine dauerhafte Transformation der Branche. „Der Anpassungsdruck bleibt hoch.“ (Von Stefan Winter)

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