Erich Sixt, Vorstandsvorsitzender der Sixt AG
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Erich Sixt, Vorstandsvorsitzender der Sixt AG

Mietwagen-König Erich Sixt

„Der ehrbare Kaufmann stirbt aus“

Erich Sixt ist der Mietwagen-König von Deutschland. Ein Gespräch über Steuerbetrug, Managergehälter, Unternehmertum und den richtigen Zeitpunkt, sich in den Ruhestand zu verabschieden.

Sein Verhältnis zu Autos beschreibt Erich Sixt als eher nüchtern. Für ihn seien Autos nicht mehr als Zahlenkolonnen, sagt er. Nur bei seinem Mercedes 300 SL macht er eine Ausnahme. Ein Wunderwerk sei der Flügeltürer. Erich Sixt besitzt ihn seit den Siebzigern und hat seitdem nie wieder ein Auto für sich gekauft. Der große drahtige Mann zieht es vor, Autos zu nutzen statt zu kaufen. Mit diesem Geschäftsmodell hat er es zu beachtlichem Erfolg gebracht. Seit 44 Jahren führt er das Familienunternehmen Sixt, das heute der größte deutsche Autovermieter ist. Auf dem Chefsessel sitzt er nach wie vor mit großer Freude. Zu seinen Lieblingsplätzen zählt aber auch das Cockpit seines Firmenjets. Dort sei es nachts über dem Atlantik am schönsten.

Herr Sixt, Sie sind bald 69. Muss das sein?

Ja. Ein, zwei Mal im Jahr mache ich das gerne. Der Sternenhimmel über dem nördlichen Atlantik ist eine Pracht. Dann dimme ich die Instrumente runter, es gibt kaum noch Funkverkehr. Da bringt man die Dinge wieder in die richtige Perspektive.

Seit wann fliegen Sie?

Den Flugschein habe ich seit mehr als 40 Jahren, den Traum vom Fliegen, seit ich Saint-Exupéry gelesen habe. Der war wohl ein ziemlich lausiger Flieger, aber es ging ihm um das Freiheitsgefühl. Das hat mich fasziniert. Vielleicht bin ich deshalb Unternehmer geworden.

Danke für die Überleitung. Lassen Sie uns über Geld reden, zum Beispiel über jene Millionen, die erfolgreiche Unternehmer am Fiskus vorbeimogeln.

Ein sehr populistisches Thema.

Warum?

Jeder muss seine Steuern zahlen, das ist überhaupt keine Frage. Man muss aber auch über das aberwitzige deutsche Steuersystem reden, das es möglich macht, dass große international operierende Konzerne hierzulande riesige Gewinne machen und fast null Steuern zahlen. Sixt zahlt für 2012 fast 40 Millionen Euro und damit rund ein Drittel des Konzerngewinns an das Finanzamt, und andere dürfen mit null Steuern kalkulieren. Es geht hier nicht nur um einzelne Leute, sondern auch um das System.

Was ist also zu tun?

Das Steuersystem muss extrem vereinfacht werden. Im Moment ist es so, dass sich Steuerberater, Wirtschaftsprüfer und Rechtsanwälte eine goldene Nase damit verdienen, Firmen durch den Paragrafen-Dschungel zu führen. Wir geben jährlich wenigstens eine halbe Million Euro nur dafür aus, unsere Steuern ordentlich abzuliefern.

Heißt ordentlich so wenig wie möglich?

Nein, der Staat soll bekommen, was ihm zusteht. Als Autovermieter bin ich ja auch auf die Straßen angewiesen. Ich brauche eine ganze Steuerabteilung, damit wir alle Vorschriften einhalten und keine Fehler machen. Das ist doch Wahnsinn.

Wird zu viel reguliert?

Wir machen alles kompliziert. Nehmen Sie die Diskussionen um einen sogenannten Corporate Governance Kodex. Darin soll festgelegt werden, wie sich ein anständiger Vorstand zu verhalten hat. Experten beschäftigen sich mit der Schaffung eines immer komplexeren Regelwerks, dessen Inhalt schon vor mehr als hundert Jahren im Handelsgesetzbuch mit dem Begriff des ehrbaren Kaufmanns festgeschrieben wurde.

... und spätestens durch Anton Schlecker in Verruf gebracht wurde.

Das ändert aber nichts an der Richtigkeit des Begriffs. Ein Teil des Erfolgs von Sixt ist auch, dass Leute wissen, sie können mir die Hand geben und es ist wie ein Vertrag. Aber Unternehmer von diesem Schlag gibt es immer weniger. Der ehrbare Kaufmann stirbt aus.

Warum ist das so?

Vielleicht werden heute nicht mehr Werte wie Anstand und Fairness vermittelt. Außerdem wird vor allem in Börsengesellschaften ein enormer Druck erzeugt. Quartalszahlen zum Beispiel bringen wenig Erkenntnisse, sondern verursachen vor allem Kosten. Erfolg setzt langfristiges Denken und Handeln voraus. Dabei muss man auch mal Ertragsdellen in Kauf nehmen können. Das kann man sich heute aber kaum leisten.

Als börsennotiertes Unternehmen muss auch Sixt Quartal für Quartal liefern.

Leider. Ich habe allerdings den Vorteil, bei der Sixt AG im Besitz der Mehrheit der Stimmrechte zu sein. Das gibt dem Unternehmen Stabilität, während andere Vorstände furchtbare Angst haben müssen, dass unter dem Druck eines kurzfristig schwächeren Ergebnisses ihr Kopf rollt.

Ist das Vertrauen verloren gegangen?

Zum Teil ist das so. Ich habe noch in den Neunzigern Autos im Wert von einer halben Milliarde D-Mark gekauft und das Geschäft per Handschlag besiegelt. Das ist heute undenkbar. Zwar gibt es noch eine ganze Reihe von Leuten, mit denen das möglich wäre. Aber sie haben gar nicht mehr die Freiheit, so zu handeln.

Sie haben Ihre Aktienmehrheit bereits zwei Mal auch dazu genutzt, das Gesetz zur Offenlegung einzelner Vorstandsgehälter quasi im Alleingang außer Kraft zu setzen. Warum weigern Sie sich so hartnäckig, die Höhe Ihres Einkommens öffentlich zu machen?

Ich laufe nicht gern mit einem Preisschild um den Hals herum. Außerdem verstehe ich den Zweck der Offenlegung nicht. Wenn bekannt gemacht wird, wie viel der Chef bekommt, geht es dem Unternehmen keinen Deut besser. Es ist eine pure Neiddebatte.

Die durch beispiellose Exzesse ausgelöst wurde.

Mag sein, aber auch die Exzesse sind volkswirtschaftlich belanglos. Wir reden in Deutschland von vielleicht zehn, zwölf Leuten, die ein zweistelliges Millionengehalt bekommen. Es bleibt Populismus.

Würde Ihr Gehalt bei Offenlegung ebenso ausfallen wie jetzt?

Natürlich wäre das so. Der wirtschaftliche Erfolg ist der Maßstab.

Sie sind Marktführer in Deutschland, in Europa die Nummer vier. Wollen Sie noch immer ganz nach vorn?

Sicher. Allerdings geht das nur durch Zukäufe. Ich bin da aber sehr zurückhaltend. Ein Unternehmen besteht ja nicht nur aus Kennzahlen. Da müssen auch Kulturen zusammengeführt werden. Ich habe bei möglichen Zukäufen oft Skrupel und schaue immer, was schiefgehen könnte. Da glaube ich an Murphys Law. Was schiefgehen kann, geht schief.

Vor allem, weil es um Ihr eigenes Geld geht?

Vollkommen richtig. Ich bin in einer anderen Situation als ein Manager mit einem Fünf-Jahres-Vertrag. Wenn der eine Milliarden-Akquisition abschließt, kann es gut gehen, und er wird gefeiert. Fährt die Sache gegen den Baum, ist er weg und bekommt vielleicht sogar noch eine Abfindung.

Sie unterstellen Leichtfertigkeit?

Nicht generell, aber wenn ein Vorstand nach einer großen Fehlentscheidung null verdienen würde, einfach gar nichts, würde manch einer sicher vorher länger nachdenken.

Also kaufen Sie keine weitere Firma und bleiben die Nummer vier?

Im Moment liegen wir in Europa noch hinter Europcar und knapp hinter Hertz und Avis Budget. Aber es geht mir nicht um Wachstum um jeden Preis. Das wichtigste Ziel des Unternehmers ist der Profit. Und da stehen wir ganz vorn. Sixt ist weltweit der profitabelste Autovermieter.

Welche Bedeutung haben die Märkte außerhalb Europas?

Wir wollen vor allem in den USA expandieren. Das ist vor Europa der größte Vermietmarkt der Welt. Dort liegt das Umsatzvolumen bei 22 Milliarden Dollar. In Europa sind es etwa rund 13 Milliarden Dollar. Wir sind seit Anfang 2011 in den USA und dort auf einem guten Weg.

Was haben uns die Amerikaner in puncto Mobilität voraus?

Gar nichts. Es gibt dort keine ausgebaute Infrastruktur, keine Nahverkehrssysteme. Wenn man zum Beispiel am Flughafen von Los Angeles ankommt, ist man ohne Auto verloren. Da können wir als Vermieter helfen. Wir profitieren davon, dass uns die Amerikaner in dieser Hinsicht hinterherhinken.

Geben Sie dort auch dem Carsharing eine Chance?

Zweifellos. Gerade hat unser Wettbewerber Avis Budget in den USA ein Carsharing-Start-up für 500 Millionen Dollar gekauft. Das zeigt, welches Potenzial man dem Markt zutraut.

Wie werden Sie reagieren?

Das werde ich Ihnen kaum verraten.

Hierzulande haben Sie mit BMW das Unternehmen Drive-Now gegründet. Profitabel sind Sie vor allem deshalb noch nicht, weil das Unternehmen die zum Teil horrenden City-Parkgebühren zu tragen hat. Sehen sie eine Lösung?

Nein. Wir versuchen zwar mit den Städten zu verhandeln, um kostenfrei parken zu können, aber ich habe da wenig Hoffnung. Dessen ungeachtet sind wir mit DriveNow zufrieden. Wir haben mittlerweile mehr als 100?000 Nutzer.

Bleibt Carsharing ein zeitweiliger Ausflug?

Nein. Wir verstehen uns als Mobilitätsdienstleister. Da wird in alle Richtungen gedacht.

Werden Sie auch Fahrräder vermieten?

Das überlasse ich der Bahn.

Taxifahrern gegenüber sind Sie nicht so gnädig. Mit dem Chauffeursdienst MyDriver wildern Sie neuerdings in fremdem Terrain.

MyDriver ist kein Taxi-Dienst. Man muss unsere Fahrzeuge vorab per App, Telefon oder Internet bestellen. Wer aber mit einem gepflegten Mercedes und ausgebildeten Chauffeur fahren will, kann das mit uns tun. Wir sind in zwölf Städten unterwegs und wachsen rasant.

Macht es Ihnen Spaß, eine alteingesessene Branche aufzumischen?

Das gehört zum Unternehmertum, und Wettbewerb ist immer gut. Ich bin sicher, dass sich das Taxigeschäft verändern wird. Dort wird man jetzt den Service verbessern müssen. Das ist nicht unbedingt eine schlechte Nachricht.

Worauf sind Sie stolz, Herr Sixt?

Das Wort gibt es nicht in meinem Wortschatz. Stolz hat oft mit Überheblichkeit zu tun. Ich mag auch stolze Menschen nicht, die meinen, die Wahrheit gefunden zu haben. Ich denke, dass Erfolg der größte Feind des Erfolgs ist. Erfolg bezieht sich immer auf die Vergangenheit. Die Zukunft zählt.

Gibt es Unternehmer, die Sie nachhaltig beeindruckt haben?

Ja. Warren Buffett. Den habe ich mal in den USA auf einer Hauptversammlung mit 20.000 Menschen erlebt. Mit fast 80 Jahren hat er frei alle Fragen der Aktionäre beantwortet. Und ich bewundere seinen Instinkt und seine Kaufentscheidungen. Dabei ist er absolut bescheiden. Er hat Vergnügen am Aufbau eines Unternehmens, nicht am Geld, das er damit macht. Ein toller Unternehmer.

Und sonst?

Sonst fällt mir keiner ein.

Warum gibt es bei Sixt eigentlich keinen Betriebsrat?

Das müssen Ihnen die Mitarbeiter beantworten. Es ist aber nicht ungewöhnlich, dass Unternehmen, in denen die Mitarbeiter hochmotiviert sind und sich mit dem Unternehmen identifizieren, keinen Betriebsrat haben. Unsere Mitarbeiter werden überdurchschnittlich gut bezahlt, sie sind am Erfolg beteiligt. Und wir haben bei Sixt flache Hierarchien und das Prinzip der offenen Tür.

Wird einer Ihrer Söhne einmal Sixt übernehmen? Das bleibt abzuwarten. Sie sind beide im Unternehmen und haben wichtige Leitungsfunktionen. Am Ende wird das aber nach Leistung und Fähigkeiten entschieden.

Denken Sie daran, in den Ruhestand zu wechseln?

Nein. Solange ich noch Spaß an meiner Arbeit und am Dazulernen habe, nicht.

Wann wäre es soweit? Wenn ich nicht mehr argumentiere, sondern sage, wir machen das so, weil wir es immer so gemacht haben. Dann wird es gefährlich.

Das Gespräch führte Jochen Knoblach.

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