Teepflückerin im indischen Assam: harte Arbeit, wenig Lohn.
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Teepflückerin im indischen Assam: harte Arbeit, wenig Lohn.

Menschenrechte

Supermärkte im Check: Edeka ist Schlusslicht -Lidl, Rewe und Aldi verbessern sich

  • Tobias Schwab
    vonTobias Schwab
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Deutsche Supermarktketten achten noch immer zu wenig auf die Einhaltung der Menschenrechte bei ihren Zulieferern. Das zeigt eine Untersuchung von Oxfam.

  • Oxfam mit schweren Vorwürfen an die Lebensmittelhändler.
  • Supermarkt-Check prüft die Geschäftspolitik der Unternehmer.
  • Deutsche Supermärkte schneiden schlecht ab. 

Hungerlöhne in Indien, menschenunwürdige Arbeitsbedingungen in Südafrika, gesundheitsschädliche Pestizide in Costa Rica. Die Entwicklungsorganisation Oxfam wirft deutschen Lebensmittelhändlern vor, noch immer nicht ausreichend für die Einhaltung von Menschenrechten bei ihren Lieferanten zu sorgen.

Anlass sind die Ergebnisse des Supermarkt-Checks 2020, für den Oxfam zum dritten Mal die Geschäftspolitik von 16 Unternehmen in Deutschland, Großbritannien und den USA analysiert hat. Dabei konnten sich Lidl, Rewe und Aldi im Vergleich zum Vorjahr zwar leicht verbessern, doch noch immer erreicht kein deutscher Supermarkt mehr als ein Drittel der möglichen Punkte.

„Was uns die Corona-Ausbrüche in deutschen Schlachtbetrieben vor Augen führen, ist auch in den internationalen Lieferketten menschenunwürdige Realität mit bitteren Folgen“, sagt Franziska Humbert, Oxfam-Expertin für Wirtschaft und Menschenrechte. „Konzerne tun zu wenig dagegen, dass die Menschen, die das Essen in den Supermarktregalen herstellen, ausgebeutet werden.“ Für den Preiskampf der Händler zahlten am Ende die Arbeiterinnen und Arbeiter in den globalen Lieferketten, so die Studie.

Beispiel Assam-Tee: Supermärkte behalten 86 Prozent vom Verkaufspreis

Ob Teepflückerinnen im indischen Assam oder Erntehelferinnen auf Mango-Plantagen in Brasilien – oft würden die Menschen, die Lebensmittel für deutsche Märkte anbauen, mit Hungerlöhnen abgespeist, heißt es im Report. Zuletzt hatte das Oxfam 2019 mit einer Studie über die Teewirtschaft im indischen Assam nachgewiesen. Vom Verkaufspreis für Tee aus dieser Anbauregion behalten deutsche Supermärkte und die Teehändler rund 86 Prozent. Für die Arbeiter auf den Plantagen bleiben 1,4 Prozent – oder rund vier Cent von einer Drei-Euro-Packung Tee, wie die Untersuchung „Schwarzer Tee, weiße Weste“ aufzeigte.

Für den aktuellen Supermarkt-Check orientierte sich Oxfam wiederum an den Leitprinzipien für Wirtschaft und Menschenrechte der Vereinten Nationen (UN) und nahm dabei vor allem die Themenfelder Transparenz, Arbeitnehmerrechte, Umgang mit Kleinbäuerinnen und Frauenrechte unter die Lupe. Die Informationen dazu bezog die Entwicklungsorganisation aus öffentlich zugänglichen Quellen wie Nachhaltigkeitsberichten und Firmen-Websites.

Edeka ist Schlusslicht, Lidl bemüht sich um Transparenz

Im aktuellen Ranking, dem rund 100 Bewertungskriterien zugrundeliegen, ist erneut Edeka das Schlusslicht. Das Unternehmen erreichte gerade einmal drei Prozent der möglichen Punkte. Mit ausschlaggebend dabei: Als einziger deutscher Lebensmittelhändler habe Edeka die Vereinbarung, für existenzsichernde Löhne in der globalen Lieferkette zu sorgen, nicht unterzeichnet. Auch die Position eines Menschenrechtsbeauftragten habe Edeka noch immer nicht geschaffen.

Bei den deutschen Edeka-Konkurrenten ist immerhin etwas in Bewegung, bilanziert der Oxfam-Check. So steigerte sich Lidl von neun auf 32 Prozent und erhält vor allem für die Bemühungen für mehr Transparenz Lob. Der Discounter aus Neckarsulm mache einen Großteil seiner direkten Zulieferer publik. Oxfam bewertet das als „Meilenstein“, denn viele Firmen behaupteten immer noch, Transparenz in der globalen Lieferkette sei nahezu unmöglich.

Rewe und Aldi machen laut Oxfam Fortschritte

Auch Rewe (25 Prozent), Aldi Süd (25) und Aldi Nord (18) konnten punkten. So habe Rewe sich etwa verpflichtet, Beschwerdemechanismen einzurichten, und wie auch die beiden Aldi-Ketten Projekte für Kleinbauern initiiert, die ihnen mehr Know-how und damit ein höheres Einkommen verschaffen sollen.

Oxfam sieht trotz dieser Entwicklung noch keinen Wendepunkt erreicht. Dafür müssten die deutschen Player im internationalen Lebensmittelhandel „dringend ihre Preispolitik gegenüber den Produzenten ändern, damit diese auch Löhne zahlen können, die für den Lebensunterhalt reichen“, fordert Humbert.

Britische Supermärkte als Vorbilder

Wie es besser gehen kann, zeigt die britische Konkurrenz, die mit Tesco, Sainsbury’s und Morrisons erneut die ersten drei Ränge im Supermarkt-Check 2020 belegt. Diese Händler richteten ihre Geschäftspolitik schon länger an Menschenrechten aus, so Humbert. Für die weltweit vertretene Kette Tesco, die als Spitzenreiter 46 Prozent der möglichen Punkte schafft, heißt das beispielsweise: Jeder der Zulieferer in Peru hat mittlerweile eine Arbeitnehmervertretung. Das verschaffe den Beschäftigten die Möglichkeit, sich selbst gegen Ausbeutung zu wehren.

Dass britische Konzerne so viel besser abschneiden hat nach Ansicht von Oxfam vor allem einen Grund: In Großbritannien gibt es seit 2015 ein Gesetz gegen Sklaverei. Der Modern Slavery Act verpflichtet auch Supermärkte, über ihre Menschenrechtspolitik zu berichten. Das vergleichsweise schlechte Abschneiden von Edeka, Rewe, Lidl und Aldi zeige, wie dringend eine entsprechende Regelung in Deutschland sei, sagt Studienautorin Humbert.

Edeka wehrt sich gegen Oxfam-Vorwürfe

Sie begrüße deshalb die Eckpunkte für ein Lieferkettengesetz, die vergangene Woche bekannt wurden. „Denn auch Jahr drei des Supermarktchecks zeigt: Ohne Gesetz geht es nicht. Allein mit Freiwilligkeit kommt man mit beim Menschenrechtsschutz nicht ans Ziel.“ Ohne den nötigen Druck durch ein Gesetz bewegten sich nur einzelne Vorreiter beim Thema Menschenrechte, und das auch nur ein bisschen.

Edeka teilt am Montag auf Anfrage mit, beim „Supermarkt-Check“ von Oxfam handele es sich „um eine Kampagne, nicht um eine objektive Studie“. Bewertet würde dabei nur die Außendarstellung eines Unternehmens, nicht aber das wirkliche Engagement. So sei Edeka tatsächlich Mitglied einer Arbeitsgruppe zu existenzsichernden Löhnen innerhalb der Initiative Nachhaltige Argrarlieferketten. Seit 2014 arbeite man zudem gemeinsam mit dem WWF auch daran, den Bananenanbau nachhaltiger zu gestalten. Das Unternehmen verfüge außerdem über eine eigene Abteilung, die sich ausschließlich mit dem Thema menschenrechtliche Sorgfaltspflichten beschäftige.

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