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Eine Kongolesin lässt sich in Goma gegen Ebola impfen. In Flüchtlingslagern, wo die Menschen auf engstem Raum leben, kann sich das Virus schnell verbreiten.

Epidemie

Investoren verdienen an Pandemie-Anleihen, Ebola wütet weiter

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Während die Ebola-Epidemie im Kongo weiter wütet, fahren Investoren üppige Renditen mit Pandemie-Anleihen ein. Das Geld fehlt zur Bekämpfung der Seuche.

Die Ebola-Epidemie ist einfach nicht in den Griff zu kriegen. Trotz Tausender Helfer, zahlreicher Krankenstationen und zweier neuer Medikamente, die Hoffnung machen. Bislang sind von Januar bis Ende Juli in der Demokratischen Republik Kongo schon annähernd 1700 Menschen an Ebola gestorben – fast viermal so viele wie im gesamten vergangenen Jahr. Täglich werden mehr als zehn neue Infektionsfälle gemeldet. Und auch in Uganda hat es erste Todesfälle gegeben.

Expertinnen wie die Tropenmedizinerin Gisela Schneider vom Deutschen Institut für Ärztliche Mission (Difäm) kritisieren, dass noch immer viel zu wenig Geld in die Bekämpfung der akuten Seuche fließt. Während die Epidemie sich vor allem im Osten des Kongo weiter breitmacht, erfreuen sich internationale Investoren an stattlichen Renditen von Pandemie-Anleihen.

Aktuelle Ebola-Ausbruch gilt weltweit als der bisher zweitgrößte in der Geschichte

Der aktuelle Ebola-Ausbruch gilt weltweit als der bisher zweitgrößte in der Geschichte des Virus – nach der verheerenden Epidemie, die 2013 bis 2016 in Westafrika wütete und in Sierra Leone, Guinea und Liberia mehr als 11 300 Menschenleben forderte. Wegen der neuen Welle im Kongo hat die Weltgesundheitsorganisation (WHO) Mitte Juli den internationalen Notstand ausgerufen.

Zu Auszahlungen aus den Anleihen eines eigens dafür geschaffenen Pandemie-Fonds (Pandemic Emergency Financing Facility – PEF) hat das allerdings noch nicht geführt. Die Weltbank hatte die PEF 2016 auf den Weg gebracht, um die 75 ärmsten Länder im Kampf gegen infektiöse Krankheiten wie Ebola, neue Grippeviren oder das Lassa-Fieber schnell Geld bereitstellen zu können. Am Aufbau des Fonds waren neben der Weltbank auch die WHO sowie die Rückversicherer Swiss Re und Munich Re beteiligt.

Ebola-Anleihen bringen einen Ertrag von acht bis 13 Prozent

Finanziert wird der Fonds durch die Ausgabe von Anleihen – die funktionieren im Grunde wie die bereits seit den 1990er Jahren emittierten Katastrophen-Bonds: Tritt ein vorher definiertes Ereignis – etwa ein Erdbeben oder ein Wirbelsturm – ein, verlieren die Investoren ihr Geld. Dieses Risiko wird mit einer deutlich über den Marktzinsen liegenden Rendite belohnt. Im Falle der Ebola-Anleihen können Zeichner mit einem Ertrag von jährlich acht bis 13 Prozent rechnen.

Trotz der im Kongo grassierenden Seuche stehen die Pandemie-Einlagen der Investoren aber (noch) nicht auf dem Spiel. Denn ausgezahlt wird erst, wenn bestimmte Kriterien erfüllt sind: Die Seuche muss in einem Land mindestens 250 Tote gefordert und die Grenze zu einem anderen Staat überschritten haben. Nur wenn auch dort mindestens 20 Opfer zu beklagen sind, fließt Geld. In Uganda, das neben dem Kongo betroffen ist, wurden bislang aber erst drei Todesfälle offiziell bestätigt.

Kritiker wie Bodo Ellmers vom Europäischen Netzwerk für Schulden und Entwicklung (Eurodad) bemängeln deshalb, die Konstruktion des Fonds verhindere eine schnelle und wirksame Hilfe. Die Kriterien seien viel zu eng gefasst.

Hilfe gegen Ebola ist 2016 „viel zu spät“ angelaufen

Dabei hatte der damalige Weltbankpräsident Jim Yong Kim 2016 angesichts der Epidemie in Westafrika noch von einem „kollektiven Versagen“ gesprochen, die Hilfe sei „viel zu spät“ angelaufen und die Finanzierung nicht gesichert gewesen. „Wir verlassen nun den Zyklus der Panik und Versäumnisse“, betonte Kim 2017 beim Start des Pandemie-Fonds. Künftig könne Hilfe schnell und unbürokratisch geleistet werden. Es sei ein „bedeutender Schritt, der „Millionen Menschen retten und Volkswirtschaften vor einer der größten Bedrohungen der Menschheit bewahren kann“.

Flüchtlinge leben auf engstem Raum in Kirchen und Schulen

Gisela Schneider macht es „geradezu fassungslos“, dass angesichts der dramatischen Situation in Zentralafrika noch keine Mittel aus dem Pandemie-Fonds geflossen sind. Erst am Dienstag ist die Difäm-Direktorin von einer Reise in die Krisenregion zurückgekehrt. Sie hat im Kongo in der nordöstlichen Provinz Ituri, wo zurzeit 300 000 Binnenflüchtlinge unterwegs sind, ein Lager besucht. „Die Situation dort ist hochgefährlich“, sagt die Medizinerin der FR. Die Menschen bekämen am Tag nur eine Essensration vom Welternährungsprogramm. Sonst fehle es an allem.

„Sie haben nicht einmal Zeltplanen und keinen Zugang zu sauberem Wasser.“ Die Flüchtlinge lebten auf engstem Raum in Kirchen und Schulen. Ebola könne sich hier schnell weiterverbreiten. „Wenn die Welt wirklich ein Interesse daran hat, die Epidemie einzudämmen, dann müssen jetzt alle verfügbaren Mittel eingesetzt werden“, fordert Schneider. „Es ist ein Skandal, dass auf dem Rücken der Menschen im Kongo Zinsen verdient werden.“

Ebola-Ausbruch hatte Politiker alarmiert

Geboren wurde die Idee des umstrittenen Seuchen-Fonds im Jahr 2015 beim Gipfel der sieben größten Industrienationen auf Schloss Elmau. Der erste große Ausbruch in Westafrika und das Versagen der Weltgemeinschaft hatte die Politiker alarmiert. Auch wegen der immensen volkswirtschaftlichen Schäden. Nach Schätzungen der Weltbank verursachen Pandemien global jährlich Verluste von rund 570 Milliarden Dollar.

Vor allem Deutschland und Japan schoben die Initiative eines Pandemie-Fonds finanziell mit an. Das Interesse der Anleger – vor allem Pensionskassen, Vermögensverwalter und Stiftungen – war von Anfang an groß. Sie gaben beim Start der Anleihe Gebote in doppelter Höhe ab. Für professionelle Investoren seien Pandemie-Bonds vor allem auch interessant, „weil das Risiko solcher Investments kaum mit den Entwicklungen an den Kapitalmärkten korreliert“, erläutert Commerzbank-Analyst Michael Haid. Es handele sich stattdessen um ein Versicherungsrisiko. „Damit können Fonds die Risiken ihrer Anlagen streuen und eine zusätzliche Rendite erzielen.“

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Pandemien wie Ebola eindämmen - mit Blick auf andere Zusammenhänge

Thomas Gebauer von der Menschenrechtsorganisation Medico International hält Finanzinstrumente wie die Pandemie-Anleihen grundsätzlich für ethisch fragwürdig – auch wenn sie innerhalb einer Versicherungslogik instrumentell vernünftig seien. „Aber die Anleger wollen ja ihre Rendite sehen, weshalb die Gefahr besteht, dass der Eintritt der Katastrophe möglichst spät erklärt wird.“

Um Pandemien wie Ebola einzudämmen oder erst gar nicht aufkommen zu lassen, müssten im Übrigen ganz andere Zusammenhänge in den Blick genommen werden, sagt Gebauer. So bestünde beispielsweise ein Zusammenhang zwischen dem Ausbruch der Epidemie im Jahr 2013 und der Überfischung vor der Küste Westafrikas durch europäische Fangflotten. Denn um ihren Eiweißbedarf zu decken, hätten viele Menschen statt Fisch Buschwild gejagt und konsumiert – Tiere, die das Virus übertragen.

Instrument der Weltbank

Die Pandemie-Anleihen der Weltbank sind Teil der Pandemic Emergency Financing Facility (PEF), mit der die Weltbank von Epidemien betroffenen armen Länder schnell helfen will. Dabei werden Mittel aus Rückversicherungsmärkten mit den Gewinnen der Katastrophenanleihen kombiniert. Die PEF umfasst außerdem eine Bargeldkomponente. Insgesamt hat die Fazilität ein Volumen von 500 Millionen Dollar.

Große Vermögensverwalter, Pensionskassen und Stiftungen halten die Anleihen, die sich nur an institutionelle Investoren richten und ihnen lukrative Renditen bringen.

Die Versicherungskomponente der PEF hat die Weltbank mit Swiss Re und Munich Re entwickelt. Die Prämien werden von Japan und Deutschland finanziert. (tos)

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