Energiewende

Ebay-Modell gegen Kohlestrom

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Damit der Kohleausstieg bringt, was er verspricht, muss er fiskalisch flankiert werden – am besten mit einem Mindestpreis auf CO2. Die Analyse.

Das Gesetz zum Kohleausstieg lässt zwar noch auf sich warten. Doch es gilt als sicher, dass Deutschland die Stromproduktion mit dem klimaschädlichen Energieträger bis spätestens 2038 auslaufen lässt. Das Datum steht in der Ausstiegs-Blaupause, die die Kohlekommission im Januar vorgelegt hat. Denkbar ist sogar, dass der Termin vorgezogen wird. Denn der Druck auf die Bundesregierung ist durch Schülerstreiks und Europawahl-Absturz von Union und SPD enorm gewachsen, beim Klimaschutz mehr zu tun als bisher.

Doch damit der Ausstieg, ob wie geplant oder schneller, auch wirklich bringt, was er verspricht, muss er fiskalisch flankiert werden – am besten mit einem Mindestpreis auf CO2. Geschieht das nicht, droht ein groteskes Ergebnis: Der Treibhausgas-Ausstoß aus dem Kohlesektor könnte trotz der sukzessiven Abschaltung der Kohlemeiler sogar ansteigen. Das ist das Ergebnis einer Analyse, die Experten des renommierten Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PIK) vorgelegt haben.

Der Kohleausstieg hat danach zwei Effekte. Erstens sinkt das Stromangebot im deutschen Markt, dadurch steigt der Strompreis, und die noch vorhandenen Kohlemeiler können häufiger kostendeckend produzieren. Folge: Die Emissionen steigen. Angeheizt werden könnte das besonders, wenn künftig viel zusätzlicher Strom für E-Autos und Wärmepumpen zur Hausheizung gebraucht wird. Zweitens vermindert sich durch das sukzessive Abschalten der Meiler in Deutschland die Nachfrage nach CO2-Zertifikaten im EU-weit organisierten Emissionshandel. Das verbilligt diese „Verschmutzungslizenzen“. Strom- oder Industriekonzerne im Ausland, zum Beispiel im Kohleland Polen, können sich günstiger damit eindecken und ihre Meiler und Produktionsanlagen höher auslasten. Ergebnis auch hier: Der CO2-Ausstoß nimmt zu. Zwar nicht in Deutschland, aber zum Beispiel in den Nachbarländern. Ein ärgerliches Nullsummenspiel für das Weltklima.

Die PIK-Forscher kritisieren, dass diese Risiken in der politischen Debatte über den Kohleausstieg bislang unterschätzt werden. Kurz nach der Einigung in der Kohlekommission hatte allerdings schon das Münchner Info-Institut moniert, dass der hiesige Kohleausstieg teils durch Importe von Kohle- und Atomstrom aus Osteuropa ausgeglichen werden könnte. Die PIK-Forscher machen nun aber auch Vorschläge, wie das Problem behoben werden kann.

Die Potsdamer Experten plädieren dafür, am besten für den gesamten EU-Emissionshandel einen Mindestpreis für die Tonne CO2 festzulegen – „analog zu einem Mindestgebotspreis bei Ebay“. Das könnte Kohlestrom so stark verteuern, dass sich das zusätzliche Anwerfen von Kohlekapazitäten im Ausland nicht lohnen würde. Derzeit liegt der CO2-Preis dafür zu niedrig, nämlich nur bei 25 Euro pro Tonne. Initiativen für einen ansteigenden Mindestpreis mit Start bei 30 Euro hat es ja bereits gegeben, so von Frankreichs Präsident Macron. Realistischer ist allerdings, dass eine „Pioniergruppe“ von Ländern wie Deutschland, Frankreich und den Niederlanden mit dem Mindestpreis voranginge. Als weitere Möglichkeit sehen die PIK-Forscher eine Löschung der durch den Kohleausstieg überzählig werdenden CO2-Zertifikate. Das aber würde Deutschland rund 19 Milliarden Euro kosten. Da wäre der Mindestpreis, wie das PIK meint, in der Tat deutlich „eleganter“.

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