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Er lädt sich selbst auf und kann sogar elektrische Energie abgeben: der Sion von Sono. 

Elektroautos

E-Mobilität: Fahren, teilen, Strom erzeugen

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Ein Start-up geht neue Wege: In die Karosserie eines E-Autos werden Solarzellen eingebaut. Erklärtes Ziel ist, die Zahl der Autos auf den Straßen zu reduzieren.

Stolz zeigt Laurin Hahn auf seinem Handy die gut 25 Apps für Carsharing und Fahrtenvermittlung. Ein eigenes Auto besitzt der 25-Jährige nicht, womit er wohl nicht nur vom Alter her in der Riege deutscher Autobosse alleine steht. Anders als seine etablierten Kollegen sagt er auch Sätze wie diesen. „Wir glauben an eine Welt mit weniger Autos auf den Straßen.“ Dann spricht der Mitgründer des Münchner Start-ups Sono Motors vom Verkehrsinfarkt der Innenstädte und davon, dass der Rohstoff Erdöl viel zu wichtig und endlich sei, als ihn in raffinierter Form einfach in Motoren zu verbrennen. Deshalb baut Sono nicht einfach ein weiteres Elektroauto sondern eines, das von Anfang an auf Carsharing, Fahrtenvermittlung und Stromeinspeisung ausgelegt ist.

Hahn und seine zwei ähnlich jungen Mitgründer Jona Christians sowie Navina Pernsteiner sehen Sono nicht als klassischen Autobauer sondern als modernen Mobilitätsdienstleister. Das erste Modell heißt Sion. Es soll Mitte 2020 im schwedischen Werk des unter chinesischer Führung stehenden Saab-Nachfolgers Nevs in Auftragsfertigung vom Band rollen. „Jedes Fahrzeug hat serienmäßig die Sono-App“, betont Sono-Vorstand Thomas Hausch. Damit meint der ehemalige Nissan- und Daimler-Manager ein beim Anlassen jedes Sion auf dessen Borddisplay erscheinendes Programm zum Verleihen des Wagen oder zum Anbieten von Mitfahrgelegenheiten. Auch Strom kann so ins Netz eingespeist und verkauft werden.

Eine Umfrage unter angehenden Sion-Käufern habe ergeben, dass vier Fünftel von ihnen planen, die Funktionen zum Carsharing per App auch nutzen zu wollen, sagt Hausch. Käufer für den Sion hat Sono bereits – ähnlich wie es bei Tesla war –, obwohl das Auto noch gar nicht gebaut wird. Mehr als 10.000 Vorbestellungen haben die Münchner bislang eingesammelt und dabei jeweils mindestens 500 Euro Anzahlung erhalten.

Sion bietet innen und im Kofferraum so viel Platz wie ein VW Golf

25.500 Euro kostet der fünfsitzige Sion, der innen und im Kofferraum so viel Platz bietet wie ein VW Golf. Das sind rund 5000 Euro mehr als einmal kalkuliert. Um ein Jahr verschoben werden musste auch der Produktionsstart. Hahn und Hausch verweisen auf vollelektrische Konkurrenzmodelle von VW über BMW bis Nissan. Verglichen mit denen sei der Sion immer noch mindestens 5000 Euro, meist 10.000 Euro billiger.

Dafür gibt es ihn nur in einer Ausführung und der Grundfarbe schwarz, um Kosten und Preis niedrig zu halten, erklären die Manager. „Über Farbe und andere Ausstattungsdetails haben wir unsere Kunden abstimmen lassen“, sagt Hausch. Schwarz hat auch den Vorteil, dass die in die Karosserie eingearbeiteten Solarzellen optisch nicht hervorstechen.

Laurin Hahn, Jona Christians und Navina Pernsteiner (v.l.).

Die Solarzellen sind neben den Apps zum Teilen die zweite Besonderheit des Sion. Beim Parken unter der Sonne und beim Fahren könne er darüber täglich Strom für bis zu 35 Kilometer Fahrt laden, versprechen dessen Macher. Im Jahresschnitt inklusive Winter und Bewölkung seien es gut 15 Kilometer täglich und 5800 Kilometer auf das ganze Jahr gerechnet, sagt Hausch. Das entspricht einem großen Teil der in Deutschland üblichen Jahresfahrleistungen, was den Sion auch im Betrieb kostengünstig macht.

Zudem bringe das für viele Mieter ohne Zugang zu Ladeinfrastruktur ganz praktische Vorteile, sagt Hahn. „Niemand muss zum Laden seines Elektroautos mehr ein Kabel aus dem dritten Stock herunterlassen.“ Als Vertreter einer jüngeren Generation ist ihm vor allem auch die Sono-App wichtig. Wer in seinem Sion eine Mitfahrgelegenheit anbietet, müsse nur drei Fragen beantworten, schwärmt der 25-jährige. Bei bestehenden Fahrtenanbietern seien es mindestens vier mal so viele Fragen.

ADAC empfindet E-Auto als „verblüffend reif beim Fahren“

Ein Verzichtsauto ist das Elektroauto offenbar auch nicht. Der ADAC hat den Prototyp jedenfalls als „verblüffend reif beim Fahren“ empfunden.

Erstaunlich ist auch der Werdegang des Gründertrios und ihres erst 2016 gegründeten Unternehmens. Gleich nach dem Abitur haben Hahn und Computerwissenschaftler Christians begonnen, in der elterlichen Garage mit Solarzellen und einem Renault Twingo zu experimentieren. Sein Elektrotechnik-Studium hat Hahn schnell wieder aufgegeben, weil das nach eigenem Bekunden zu lang gedauert hätte. Als dann Kommunikationsdesignerin Pernsteiner zum Duo fand, wurde Sono Motors geboren.

Nur 80 Beschäftigte zählt das Start-up heute und ist damit extrem schlank aufgestellt. Alles personalintensive wurde outgesourct von der Auftragsfertigung bis zum Vertrieb, der rein per Internet läuft. Bei Carsharing, Fahrtenvermittlung und Stromhandel will Sono auch mit bestehenden Plattformen kooperieren. Die Namen sind noch geheim. Das gilt auch für einen Servicepartner, der Wartung und bei einem Unfall Reparaturen am Sion durchführen soll.

257.000 Elektroautos dieses Typs wollen das Gründertrio und Hausch über dessen rund siebenjährigen Produktlebenszyklus europaweit verkaufen. Wenn die Fertigung im schwedischen Trollhättan voll läuft, sollen 43.000 Fahrzeuge jährlich gebaut werden. Auch Nachfolgemodelle sind schon in Planung. Zweifel am Gelingen ihrer Mission belasten die Jungunternehmer mit Öko-Philosophie offenkundig nicht.

Sono

Weil ein Privatauto hierzulande im Schnitt über 23 Stunden täglich steht und Parkraum in Städten tunlichst Wohnraum weichen soll, setzen die Gründer von Sono Motors voll auf die Ökonomie des Teilens. Unter dem Strich sollen so weniger Autos auf den Straßen fahren.

Die Fertigung des Sion in Schweden erfolgt nach ökologischen Maßstäben unter Verwendung rein erneuerbaren Energien.

Bei der Entwicklung stand vor allem auch Kostensenkung im Vordergrund. So kommt die Fertigung ohne Lackiererei aus. Die Kunststoffteile der Karosserie sind bereits schwarz, der einzigen verfügbaren Farbe des innovativen Gefährts. Voll geladen fährt ein Sion laut geltendem Wltp-Testzyklus bis zu 255 Kilometer weit, was ihn vor allem zu einem Stadtfahrzeug macht.

Zulieferer für den Sion sind unter anderem Bosch (Steuergerät), Elring-Klinger (Akku) und Continental (Antriebsstrang). Sono Motors ist mehrheitlich noch im Besitz der drei Gründer. Über Finanzierungsrunden ungenannten Umfangs sind mehrere Investoren wie die baden-württembergische Böllinger-Gruppe dazu gekommen. 

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