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Gilt als eine der einflussreichsten Wirtschaftsfrauen der Welt: Jennifer Morgan. 

Erste Dax-Chefin

Durchbruch für die Frauen

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  • Alyssa Damm
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Jennifer Morgan ist erste Chefin eines Dax-Konzerns. Gemeinsam mit Christian Klein führt sie SAP, Deutschlands wertvollstes börsennotiertes Unternehmen.

Es ist ein historischer Augenblick, der lange erwartet wurde und nun doch völlig überraschend kam: Seit Freitag ist Jennifer Morgan neue Vorstandssprecherin des Walldorfer Softwareriesen SAP und damit die erste Frau, die einen der 30 im Deutschen Aktienindex (Dax) notierten Konzerne führt. SAP ist die einzige deutsche Software-Schmiede von Weltrang und der wertvollste börsennotierte Konzern hierzulande. An der Seite von Morgan wurde Christian Klein mit erst 39-Jahren ebenfalls zum Vorstandssprecher berufen. Er kam bereits als Student der Betriebswirtschaft zu SAP und war zuletzt für das Tagesgeschäft des Unternehmens zuständig.

„Die erste Frau als Vorstandsvorsitzende eines Dax-30-Konzerns ist ein Durchbruch, der lange überfällig war“, freute sich Monika Schulz-Strelow, Präsidentin der Organisation Frauen in die Aufsichtsräte (Fidar). „SAP sendet damit ein Signal an alle Unternehmen: Es geht!“ Sie lobte die Walldorfer als Paradebeispiel für Unternehmen, die systematisch Frauen in die Führungsspitze geholt und gefördert hätten. Jetzt gehe es darum, das Tempo bei der Besetzung von Spitzenposten mit Frauen zu erhöhen.

Der Bundestagsabgeordnete Sönke Rix (SPD), der als einer der stärksten Verfechter für mehr Frauen in den Top-Etagen deutscher Unternehmen gilt, zeigte sich ebenfalls sehr erfreut. „Ich hoffe, dass noch viele weitere folgen“, sagte der Sprecher der SPD-Arbeitsgruppe Familie, Senioren, Frauen und Jugend. „Frauen können das nämlich mindestens so gut wie Männer.“ Um das Tempo zu erhöhen, fände er es gut, „wenn der Gesetzgeber da nachhelfen würde“.

Erste Dax-Chefin: Berufung von Jennifer Morgan „lange überfällig“

Die Leiterin der Forschungsgruppe Gender Economics am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung in Berlin, Katharina Wrohlich, glaubt, dass die Berufung von Jennifer Morgan auch anderen Frauen helfen wird: „Geschlechterstereotype Zuschreibungen werden möglicherweise schneller abgebaut, was die Chancengleichheit auf dem Arbeitsmarkt erhöhen würde.“

Myriam Bechtoldt, Professorin an der European Business School in Oestrich-Winkel und Expertin für Frauen in Führungspositionen nannte es „lange überfällig“, dass Frauen nicht nur in den Vorstand börsennotierter Firmen berufen werden, sondern dann auch zum CEO. „Deshalb ist es ein wegweisendes Signal, dass das erfolgreichste börsennotierte Unternehmen nun eine Frau zur Hauptverantwortlichen für die strategische und operative Leitung des Unternehmens ernennt.“ Interessant sei die Frage, warum einer hochqualifizierten Persönlichkeit wie Jennifer Morgan ein Mann als Co-Chef zur Seite gestellt werde. „Das Signal, das SAP damit gibt, ist: Wir versuchen es mal mit einer Frau, aber nicht ohne Sicherheitsnetz“, so Bechtoldt.

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Ob der Vorwurf berechtigt ist, ist allerdings fraglich. SAP ist bereits mehrfach von einer Doppelspitze geführt worden. So bildeten sowohl Henning Kagermann und Léo Apotheker als auch Jim Hagemann Snabe und Bill McDermott jeweils vorübergehend ein Tandem. Zuletzt hat McDermott den Konzern alleine geführt. Sein Abgang kam am Freitag völlig unerwartet, sein Vertrag wäre noch bis 2021 gelaufen.

Jennifer Morgan: Chefin mit einer brillanten Karriere

Mit Jennifer Morgan hat SAP nun eine Chefin mit einer brillanten Karriere. Die 48-jährige Betriebswirtin hat ihr gesamtes Berufsleben in der Technologiebranche verbracht. 2004 kam sie zu SAP und hat dort die Umstellung der Geschäfte auf Cloud-Technologie vorangetrieben, die nun für großes Wachstum sorgen. 2017 wurde sie in den Vorstand berufen und verantwortete fortan die Regionen Amerika und Asien-Pazifik mit 43 000 Mitarbeitern und 230 000 Kunden.

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Das Wirtschaftsmagazin „Fortune“ zählte Morgan schon bisher zu den 100 einflussreichsten Wirtschaftsfrauen sowie zu den 20 einflussreichsten Frauen in der Technologie-Branche. Anerkennung hat sie sich in Nordamerika auch mit ihrem Einsatz für mehr Diversität bei SAP erworben. Dadurch stieg das Unternehmen im „Fortune“-Ranking auch zu den 100 besten Arbeitgebern auf. In einem Podcast, der von SAP veröffentlicht wird, spricht Morgan regelmäßig mit Führungskräften aus Politik, Wirtschaft oder Sport über gute Führung. Sie ist überzeugt, dass „Zuhören und Mitgefühl“ Führungskräften Respekt verschaffen. Und dass man auch als Spitzenmanager die Zeit der Menschen wertschätzen sollte. „Das verkörpert Menschlichkeit.“

Firmenchefinnen in Deutschland


Nicola Leibinger: Die Philologin führt seit 2005 die Geschäfte des schwäbischen Maschinenbauers Trumpf, der auf einen Jahresumsatz von 3,8 Milliarden Euro kommt und rund 14 500 Menschen beschäftigt. Nicola Leibinger-Kammüller ist eine der bekanntesten deutschen Unternehmerinnen. Sie besetzt neben ihrem Hauptamt zahlreiche hochkarätige Posten in Wissenschafts- und Wirtschaftsorganisationen.

Anna Maria Braun: Die Juristin ist seit Anfang April Vorstandsvorsitzende des hessischen Medizintechnikherstellers B. Braun. Damit wurde die 39-Jährige zumindest vorübergehend zur mächtigsten deutschen Firmenchefin. B. Braun verkauft seine Produkte in die ganze Welt, hat 64 000 Mitarbeiter und erzielte vergangenes Jahr fast sieben Milliarden Euro Umsatz. Anna Maria Braun ist Firmenerbin.

Simone Bagel-Trah: Die promovierte Biologin wurde 2009 als erste Frau Aufsichtsratschefin eines Dax-Konzerns. Davor hat die Henkel-Erbin zunächst als Beraterin und später als geschäftsführende Gesellschafterin von Antiinfectives Intelligence gearbeitet. Bei dem Düsseldorfer Herstellern von Waschmitteln und Klebstoffen wacht sie über ein Unternehmen mit fast 20 Milliarden Euro Umsatz und 53 000 Beschäftigten.

Martina Merz: Die Ingenieurin wäre fast die erste Frau an der Spitze eines Dax-Konzerns geworden: Nur wenige Tage nachdem der Industrieriese Thyssen-Krupp aus der ersten Börsenliga verbannt wurde, trat Martina Merz Ende September ihr Amt an – befristet auf zwölf Monate. Zuvor war sie Aufsichtsratschefin des kriselnden Konzerns, der 43 Milliarden Euro Umsatz macht und 160 000 Mitarbeiter hat.

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