Der Solarboom geht aufgrund fehlender Förderung an Deutschland vorbei.
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Der Solarboom geht aufgrund fehlender Förderung an Deutschland vorbei.

Solar SMA

Dunkle Wolken über Solarbranche

  • Frank-Thomas Wenzel
    vonFrank-Thomas Wenzel
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Die Solarfirma SMA war Weltmarktführer, nun kämpft sie ums Überleben. Mehr als 1000 Jobs sollen deswegen allein in Deutschland wegfallen. Ein Einzelfall ist SMA nicht: Die ganze Branche leidet unter der Förderkürzung und der Konkurrenz aus China.

Eins der neuesten Produkte aus dem Hause SMA hört auf den Namen Sunny Island. Es handelt sich um eine Kernkomponente für eine moderne Solaranlage. Der Hersteller, die Firma SMA Solar, lebt allerdings im übertragenen Sinn derzeit nicht gerade auf einer Sonneninsel. Dunkle Wolken hängen über dem Unternehmen aus Niestetal bei Kassel. Am Freitag erläuterte Vorstandssprecher Pierre-Pascal Urbon, dass er 2015 die Fixkosten um 160 Millionen Euro drücken will. Das bedeutet auch, dass im ersten Halbjahr fast ein Drittel aller Stellen gestrichen werden soll. 1300 Jobs sollen in Deutschland und 300 im Ausland wegfallen. SMA ist damit ein besonders krasses Beispiel für den Niedergang der Branche und für gescheiterte Industriepolitik.

Zweck der Operation Gesundschrumpfen bei SMA soll sein, das Unternehmen auch bei einem Umsatz von nur noch rund 700 Millionen Euro nach einer Serie von Verlusten endlich wieder profitabel zu machen, was jedoch 2015 schon nicht mehr zu schaffen ist. Dabei galt SMA lange Zeit als die Perle der hiesigen Solarindustrie. In Niestetal saß der unangefochtene Weltmarktführer für Wechselrichter – das sind Geräte, die die elektrische Energie der Solaranlage in netztauglichen oder speicherbaren Strom umwandeln. 2010 verdiente die Firma noch über eine Million Euro am Tag und setzte knapp zwei Milliarden um. Doch schon damals gab es Warnungen: „SMA hat ein Problem“, schrieb das Fachblatt „Photon“. Damals kamen Wechselrichter aus Südkorea auf den Markt, die nur halb so viel kosteten. Die teuren SMA-Geräte gingen am Massenmarkt der Zukunft vorbei, so Photon damals. Das hat sich bestätigt.

Ein beispielhafter Fall von Missmanagement? Unter Branchenkennern besteht kein Zweifel: In der Branche krankt es daran, dass Solar-Manager zu lange die internationalen Entwicklungen ignoriert haben, insbesondere das, was sich in China getan hat. Doch das ist nur die halbe Wahrheit. Ganz maßgeblich kommt der Faktor Politik hinzu.

Im Jahr 2000 beschloss die rot-grüne Bundesregierung das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG). Es legte für die Photovoltaik fest, dass Anlagenbetreiber für 20 Jahre eine fixe Vergütung von anfangs rund 50 Cent pro eingespeister Kilowattstunde erhielten. Das EEG wirkte wie ein Superturbo für die Branche. Solarfabriken entstanden, die aus Silizium Solarzellen und -module machten. SMA baute qualitativ hochwertige Wechselrichter, Handwerker spezialisierten sich auf die Montage der Anlagen. Die Solarbranche wurde von Politikern als neue Schlüsselbranche gefeiert, Tausende Arbeitsplätze entstanden, mehr als 150 000 – inklusive der Jobs im Handwerk – waren es in den Hochzeiten.

Auch Chinas Regierung bekam Wind vom hiesigen Solarboom und ließ riesige Fabriken bauen, deren immenser Ausstoß für den deutschen Markt bestimmt war. Die Preise fielen. Doch die Solarbranche sorgte mit geschicktem Lobbyismus in Berlin dafür, dass die Einspeisevergütungen üppig blieben. 2011/2012 kippte alles. Hohe Entgelte für Sonnenstromer bedeuteten auch, dass die EEG-Umlage, die alle Haushalte zahlen müssen, sprunghaft stieg. Die Bundesregierung kam an einer radikalen Kürzung der Vergütung nicht mehr vorbei, was den Ausbau der Solarstrom-Erzeugung heftig bremste. 2012 wurden noch Anlagen mit einer Gesamtleistung von rund 7000 Megawatt neu installiert, 2013 sackte der Zubau auf 3300 ab, 2014 sogar auf etwa 1900. „Einen vergleichbaren Nachfrageeinbruch hätte selbst die deutsche Autobranche nicht ohne massive Verwerfungen überstanden“, sagt Carsten Körnig, Hauptgeschäftsführer der Branchenlobby BSW Solar.

Mit dem Loben und dem Preisen der neuen Schlüsselindustrie ist es jedenfalls längst vorbei. Die Solarindustrie ist zur Krisenbranche geworden, mit der viele Politiker nichts mehr zu tun haben wollen. Förderkürzungen und chinesische Konkurrenten haben viele einst respektable Anbieter wie die Berliner Solon reihenweise in die Pleite getrieben. Solarworld konnte nur durch einen scharfen Schuldenschnitt im vorigen Jahr überleben. Q-Cells wurde vom koreanischen Rivalen Hanwha übernommen, der vor einigen Tagen erklärte, die hiesige Produktion einzustellen. Knapp 50 000 Frauen und Männer arbeiten heute noch in der Branche.

Auch SMA leidet noch immer stark unter Absatzeinbrüchen in Deutschland und anderen europäischen Ländern. In vielen asiatischen Ländern ist es zudem schwer, ein Bein auf den Boden zu bekommen, weil nationale Regierungen ihre Unternehmen schützen. Hinzu kommt, dass billigere Anbieter aus Korea oder China den Hessen heftig im Nacken sitzen. Für Erkan Aycicek, Analyst bei der Landesbank Baden-Württemberg, ist die Lage klar: „Das Grundproblem ist, dass sich der Preisverfall für Wechselrichter schneller vollzog, als es vom Management erwartet wurde.“ Da gebe es keine andere Möglichkeit als die Kosten zu drücken – inklusive Jobabbau.

Gibt es einen Ausweg aus dem Jammertal – nicht nur für SMA, sondern für die ganze Branche? Körnig appelliert an die Politik, er spricht von „Unterförderung“ und meint damit, dass inzwischen die Einspeisevergütungen schneller fallen als die Preise. Hintergrund: Für die Solarförderung gilt längst ein Degressionsmechanismus, der die Vergütung automatisch um 0,25 Prozent pro Monat senkt. Erst bei einem extrem niedrigen Zubau über einen längeren Zeitraum wird dieser Mechanismus angehalten. Ziel müsse sein, so Körnig, dass das Abstoppen erheblich früher einsetze, nämlich schon nach einem Vierteljahr.

Es müsse erreicht werden, dass Sonnenstrom auch für Mittelständler und Landwirte wieder attraktiv werden, die größere Anlagen errichten. Beide Gruppen hatten den Boom maßgeblich getragen.

Körnig betont, dass mit dem Zubau von 1900 Megawatt erstmals das von der Regierung gesteckte Ziel unterschritten wurde. 2500 Megawatt sollen eigentlich erreicht werden.

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