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AfD-Frau Alice Weidel spricht von „zunehmender Enteignung der Sparer“

Debatte um Enteignung

Wenn Alice Weidel und Markus Söder sich einig sind

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Stehen Sparern Zinsen zu? Nein! Das Argument der angeblichen Enteignung durch die Europäische Zentralbank ist analytisch nichts wert, dafür aber ideologisch.

Seit Wochen zieht das Gespenst der Enteignung durch die Lande. Forderungen nach Vergesellschaftung großer Immobilienkonzerne werden laut, Juso-Chef Kevin Kühnert spielt mit der Idee einer Kollektivierung großer Unternehmen. Eine andere Form der Enteignung vollzieht sich nach Meinung einiger Politiker jedoch bereits seit langem: die der deutschen Sparer. Sie bringe der Staat in Form der Europäischen Zentralbank (EZB) um die ihnen zustehenden Zinsen, so lautet das Argument. Analytisch ist es nichts wert, dafür aber ideologisch.

EZB senkte die Zinsen stark

Laut einer neuen Berechnung der DZ Bank haben die hiesigen Sparer in den vergangenen zehn Jahren 648 Milliarden Euro verloren. Wie kommen die Banker auf diese Summe? In ihrer Kalkulation unterstellen sie das Zinsniveau zwischen 1999 und 2009 als „Normalniveau“. Dann rechnen sie aus, wie hoch die Erträge der deutschen Sparer gewesen wären, wenn die Zinsen auf „Normalniveau“ geblieben wären. Dieser Summe entgegen stellen sie die wirkliche Verzinsung, die viel geringer ist, da die EZB die Zinsen stark senkte. Von der Differenz zwischen den Erträgen des Normalzinsniveaus und den tatsächlichen Erträgen ziehen sie noch die Summe ab, die verschuldete Haushalte an Kreditzinsen eingespart haben. Unter dem Strich stehen die 648 Milliarden, die der deutsche Sparer „verloren“ hat.

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In diesen Verlusten sieht nicht nur der Ökonom Hans Werner Sinn eine „zunehmende Enteignung der Sparer“, sondern auch der CSU-Politiker Markus Söder und die AfD-Frontfrau Alice Weidel. Zu diesem Vorwurf drei Anmerkungen:

Alice Weidel und Markus Söder sind sich einig 

Erstens: der „deutsche Sparer“. Dieses Wesen existiert nicht. In der Realität reden wir von Bürgern in ganz unterschiedlichen finanziellen Verhältnissen. Die unteren 30 Prozent der deutschen Haushalte haben gar kein Vermögen, leiden also auch nicht unter niedrigen Zinsen. Der Rest des Geldvermögens ist stark bei den Reichen konzentriert. Aber diese Konzentration ist für Sinn, Söder und Weidel offensichtlich nicht das Problem. Sie stellen sich lieber vor das fiktive Subjekt „deutscher Sparer“, der vor einer nicht-deutschen Zentralbank geschützt werden muss.

Zweitens: das „Normalzinsniveau“. Sicher, man kann fiktive Sparerträge auf ein früheres Zinsniveau ausrechnen und dann beklagen, dass die wirklichen Erträge niedriger sind. Was dabei unter den Tisch fällt, ist der Grund, aus dem die EZB die Zinsen gesenkt hat – die Krise. Da die Zentralbank weiß, dass Zinsen nicht nur die Erträge der Gläubiger sind, sondern auch die Kosten der Schuldner, hat sie die Zinsen gesenkt, um die Euro-Zone vor einer Pleitewelle zu bewahren. Für Sparer ist das bedauerlich. Doch hilft es nichts, sich in einer Krise borniert auf den Standpunkt des Gläubigers zu stellen, dem die Schuldner gefälligst hohe Renditen zu erwirtschaften haben.

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Drittens: die „Enteignung“. Die entgangenen Zinserträge als „Kosten“ zu beklagen, ist schon ein dreister Standpunkt. Er unterstellt ein Anrecht des Anlegers auf Rendite: Geld hat Geld zu bringen! Nach derselben Logik könnten die Gewerkschaften fiktive Lohnerhöhungen in Anschlag bringen, sie mit den realen Lohnerhöhungen vergleichen und „Enteignung der Arbeiter“ rufen. Der Unterschied: Während dem Finanzkapital ein Recht auf Verzinsung zugestanden wird, soll der Arbeitnehmer froh sein, dass er einen Job hat.

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