Wachstum

Ein dummer Wahn

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Alle Systeme, die von exponentiellen Zuwächsen ausgehen, müssen scheitern. Und alle Versuche, gegen diese Wirklichkeit anzurennen, auch

Die Armut kommt von der Poverthe.“ Dieses Fritz-Reuter-Zitat hat Sinn und Hintersinn. Italien erklärt, dass es sich jetzt erst einmal weiter verschulden muss, damit es wachsen kann, um sich dann zu entschulden. Der ganze dumme Wachstums-Wahn geht also in die nächste Runde. Dass diese Wachstumskrisen selbstgemacht sind und ihre Ursache im „Wachstums-Wahn“ haben, darauf weisen Kay Bourcade und Karsten Herzmann mit ihrer Streitschrift „Die Scheinkrise“ hin.

Sie führen uns die fatalen Folgen des Wachstumsirrtums vor Augen. Der zentrale Punkt: Ganz gleich wie sehr wir es uns wünschen und was auch immer Staaten unternehmen: Der tendenzielle Fall der Wachstumsrate gegen Null ist nicht zu ändern. Die Wirtschaft wächst nicht exponentiell sondern linear. Das ist keine schlechte Nachricht, es ist eine sehr gute. Denn das lineare Wachstum ist so konstant, dass man darauf eine Politik aufbauen kann, die uns aus dem „eisernen Gefängnis der Wachstumszwänge und Krisendynamiken“ befreit. Dass wir nicht in der Lage sind, „exponentiell“ zu denken, steht am Anfang aller Irrtümer, sagen die Experten, die das Institut für Wachstumsstudien betreiben. Und: Um die Welt endlich vom Kopf auf die Füße zu stellen, würde ein Blick auf die absoluten Zahlen genügen.

Um genau 30 Milliarden Euro steigt Deutschlands Wirtschaftskraft jährlich – und das konstant. Das ist – bezogen auf die riesige Grundgesamtheit – in Prozenten betrachtet jedes Jahre ein bisschen weniger. So harmlos dieses Zahlenspiel auf den ersten Blick scheint: Es hat es in sich. Es bedeutet, dass alle Systeme, die von exponentiellen Zuwächsen ausgehen, scheitern müssen. Und alle Versuche, gegen diese Wirklichkeit anzurennen, auch. Privat gedeckte Renten, Staatsverschuldung und endlose Gewinnversprechen auf Finanzmärkten, die das allesamt ignorieren, sind die Mütter aller Krisen und Ursache gefährlicher Umverteilungsorgien.

Ein Gutes hat die Sache übrigens: Auch die Umweltprobleme wachsen nicht exponentiell, sondern linear. Das ist schlimm genug. Aber es könnte schlimmer kommen. Italien hingegen steht das Schlimmste noch bevor. Europa auch. Wer die Wachstumszahlen der 50er und 60er Jahre zurückhaben will, kann ja einen Krieg anfangen. Die Vorbereitungen dafür haben vielleicht schon begonnen. Wäre ja nicht das erste Mal.

Die Autorin ist Ökonomin und Philosophin.

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