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Deutschland, 2018: Bürger in Chemnitz machen ihrer Wut Luft.

Spaltung von Welt und Gesellschaft

Düstere Diagnosen

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Politiker, Wissenschaftler und Banker malten auf dem Sparkassentag in Hamburg ein tristes Bild der aktuellen Weltlage. 

Die Kanzlerin kam, Minister waren da, Banker und Wissenschaftler lieferten ihre Einschätzungen. Angesichts einer sich spaltenden Gesellschaft stand der Deutsche Sparkassentag in Hamburg in diesem Jahr unter dem Motto „Gemeinsam allem gewachsen.“ Die illustre Rednerschar versuchte vor rund 2500 Gästen – vor allem aus dem Finanzsektor und der Politik – eine Standortbestimmung. Die geriet allerdings eher düster.

Jutta Allmendinger, Präsidentin des Wissenschaftsforums Berlin für Sozialforschung, erklärte als erste Rednerin der Konferenz gleich, dass es um die Gemeinschaft in Deutschland schlecht stehe. „Ich sehe, dass wir immer mehr Distanz legen zwischen uns und die Anderen“, sagte sie. Es stimme sie zwar optimistisch, dass die Menschen eigentlich aufgeschlossen seien für Innovationen und sozialen Wandel. Dafür bräuchten sie aber Führung. „Da versagen die Institutionen“, sagte sie. „Unser Problem ist, dass wir eine Vertrauenskrise haben.“

Vertrauen heiße, dass die Menschen anderen Akteuren, die sie kaum oder nicht kennen – seien es Institutionen oder einfach der eigene Nachbar – Redlichkeit unterstellen. Dies sei nicht der Fall. Die Forschung habe eine klare Antwort, wie man dieses Vertrauen wiederherstelle: Man müsse im „sozialen Zusammenhang“ leben mit Menschen, die einem fremd seien. Daher sei es wichtig, dass Schulen und Wohnviertel heterogen seien, oder dass es Institutionen wie den Zivildienst gebe, der Menschen verschiedener Schichten zusammenbringe.

Die bekannte Autorin Juli Zeh, 44, erklärte, dass ihre Generation sich vom Leben schlichtweg überfordert fühle. Die Gesellschaft vermittele heutzutage das Gefühl, dass jeder Mensch sich optimieren müsse, bis keinerlei Lebensrisiko mehr bestehe. Tue man dies nicht und gehe etwas schief, dann sei man eben selbst schuld. „Wir können nicht spazieren gehen, es muss gleich der Marathon sein. Wir können nicht mit unseren Kindern spielen, wir müssen sie fördern. Die ständige Optimierung bringt einen enormen Druck mit sich“, so Zeh.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) drückte angesichts der instabilen Weltlage ihre Sorge darüber aus, dass es nicht einfach sei, Gemeinsamkeiten auf globaler Ebene zu erhalten. Das, was nach dem Zweiten Weltkrieg von vielen Ländern als selbstverständlich angesehen wurde – dass man nur zusammen für Frieden und Stabilität sorgen könne – sei nicht mehr Konsens. „Wir müssen wieder neu begründen, warum man global zusammenarbeiten muss“, sagte sie. „Wir müssen sehr aufmerksam sein, versuchen, uns in die Situation des Anderen hineinzuversetzen“, so Merkel.

Zudem müsse die Europäische Union enger zusammenarbeiten und ihr gesamtes Gewicht bei wichtigen Themen wie dem Klimaschutz oder der Sicherheitspolitik in die Waagschale werfen. „Sonst bewirken wir nichts.“ Die EU sei derzeit nicht innovativ und auch nicht schnell genug.

Auch der Politikwissenschaftler Herfried Münkler malte ein pessimistisches Bild der Weltlage. Nach Ende des Kalten Krieges seien die USA die „Hüter der Ordnung“ gewesen – eine Rolle, die sie seit der Ernennung von US-Präsident Donald Trump aufgegeben haben. Anders als ein „System“, welches wertfrei sei, beinhalte eine „Ordnung“ auch bestimmte Werte. „Eine Ordnung braucht jemanden, der sich um sie sorgt, einen Hüter. Ein System braucht das nicht“, so Münkler. Es sei in vieler Hinsicht teuer, Hüter der Ordnung zu sein.

Deutschland etwa habe diese Rolle innerhalb von Europa teilweise übernommen, etwa als es die Hauptlasten der Griechenland-Rettung schulterte oder viele Flüchtlinge aufnahm. Das verursache mittelbare Kosten – aber auch unmittelbare, innenpolitische wie den Aufstieg der AfD, „da es Bevölkerungsschichten gibt, die nicht wollen, dass man diese Rolle des Hüters übernimmt“, so Münkler. Er machte klar, dass derzeit kein neuer Hüter der Weltordnung in Sicht sei. „Eine Ordnung wird zerfallen, wenn die Position des Hüters verwaist“, warnte er.

Der Sparkassentag war vor allem ein Treffen der Finanzbranche. Daher ging es natürlich auch um Bankthemen. Etwa um die Selbstbedienungsmentalität vieler Top-Banker, die sie in den vergangenen Jahren so in Verruf gebracht hat. „Es geht um Haltung. Ich habe noch den Satz gelernt: ‚Man macht das einfach nicht’“, sagte Helmut Schleweis, Präsident des Deutschen Sparkassen- und Giroverbandes.

Dieses „Man macht das einfach nicht“ sei der wichtigste Satz, der an diesem Tag gesagt worden sei, gab ihm der britische Ökonom John Anderson Kay recht. Banken müssten in die Gesellschaft eingebettet sein und für sie arbeiten, sie würden aber oft für die persönliche Bereicherung einzelner Manager missbraucht. Es brauche nach wie vor einen Kulturwandel in den Instituten.

Kay kritisierte, die großen Banken seien immer noch zu groß, zu vernetzt untereinander und sie würden immer noch an der Realwirtschaft vorbeiarbeiten. Banken müssten „zu ihren Wurzeln zurückkehren“, indem sie sich auf ihre Aufgabe konzentrierten, Einlagen anzunehmen und Kredite auszureichen.

Das Kongressmotto „Gemeinsam allem gewachsen“ war natürlich auch ein Aufruf zum Zusammenhalt innerhalb der Sparkassenfamilie. Was auffiel: Es war ein Aufruf hauptsächlich an Männer. Frauen waren auf dem Sparkassentag nur wenige auszumachen – bis auf die auffällig in rot gekleideten, jungen Hostessen. Kein Wunder: Von den insgesamt 974 Vorständen aller deutschen Sparkassen sind nur 50 Frauen.

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