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An Fußballfans lässt sich viel Geld verdienen: Wer unbedingt ins Stadion will, fällt auch mal auf dunkle Geschäftemacher herein.

Ticketbörse Viagogo

Dubiose Deals mit Tickets

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Mal sind die Eintrittskarten ungültig, mal gibt es die Veranstaltung gar nicht: Wer auf Viagogo Tickets bestellt, erlebt immer wieder Reinfälle. Nun klagen Verbraucherschützer.

Wer im Internet nach Eintrittskarten für Fußballspiele oder Konzerte sucht, landet schnell bei Viagogo. Das wundert nicht, weil das 2006 gegründete Unternehmen nach eigenen Angaben die größte Ticketbörse der Welt ist. Falls das stimmt, kann man auch mit schlechtem Ruf Weltmarktführer werden. Kommentare auf der deutschen Facebook-Seite von Viagogo lesen sich so: „Abzocker“, „Ihr seid die größten Betrüger“, „Leute kauft keine Tickets hier“.

Viagogo wurde von Eric Baker gegründet, einem Absolventen der US-Eliteunis Harvard und Stanford. Das Unternehmen hat seine Zentrale in Genf in der Schweiz, und funktioniert – angeblich – wie ein weltweiter Marktplatz für Tickets: Jeder kann dort seine Karten zum Verkauf anbieten und jeder kann Karten erwerben.

Auch Sandra Zimmermann ist sauer. „Schweineverein“, schreibt sie. Anfang April hatte die Fußballanhängerin per Viagogo Karten für das Bundesligaspiel HSV gegen Schalke gekauft. Als die Tickets kamen, waren sie nicht nur für eine andere Sitzplatzkategorie als bestellt. Schlimmer noch: Sie waren auch ungültig. Der Kaufpreis wurde Zimmermann dennoch nicht erstattet.

„Ich kenne niemanden, der sein Geld zurückbekommen hat“, sagt Susanne Baumer. Sie ist Teamleiterin des Marktwächters Digitale Welt bei der Verbraucherzentrale Bayern und hat mit Viagogo täglich zu tun. Das Schicksal von Sandra Zimmermann sei kein Einzelfall, sagt Baumer. Die Verbraucherzentrale Bayern selbst habe bei einem Viagogo-Testkauf Karten für ein Fußballspiel erworben. Auch diese Tickets hätten sich als ungültig herausgestellt. Auf eine Beschwerde kam die Antwort, man solle die ungültigen Tickets doch weiterverkaufen. 77 Prozent aller besonders bemerkenswerten Beschwerden von Verbrauchern zum Ticketmarkt entfielen auf Viagogo, sagt Baumer. Besonders bemerkenswert sind Praktiken wie ungültige Tickets ohne Kaufpreiserstattung.

Die Verbraucherzentrale Bayern zerrt Viagogo nun vor den Kadi. Beim Landgericht München haben die Verbraucherschützer eine Unterlassungsklage eingereicht, weil die Ticketbörse eine Abmahnung ignoriert hat.

Das Schweigen umfasst auch Presseanfragen. Eine Aufforderung der Frankfurter Rundschau, zu den Vorwürfen gegen die Firma Stellung zu beziehen, hat die Ticketbörse, die nur per E-Mail erreichbar ist, auch nach fünf Tagen unbeantwortet gelassen.

Die Münchner Verbraucherschützer wollen nun per Klage erzwingen, dass Viagogo die Verkäufer von Eintrittskarten nennt. Dann könnte man nachvollziehen, ob es sich bei dem Portal wirklich nur um eine Plattform zum privaten Weiterverkauf von Tickets handelt. Vermutungen unter anderem von Fußballvereinen gehen in eine andere Richtung.

Viagogo wird verdächtigt, über Mittelsmänner oder computergestützte Bot-Programme gezielt Kartenkontingente zu kaufen, um den Markt leerzuräumen und die Tickets dann mit hohen Aufschlägen über das eigene Portal weiterzuverkaufen. „Man weiß nicht, woher die Tickets kommen“, sagt Verbraucherschützerin Baumer. Klar ist nur, dass Viagogo beim Verkauf Gebühren erhebt, die mehr als satt ausfallen können.

Als der Autor dieser Zeilen Tickets für ein Eishockeyspiel erwerben wollte, haben die Gebühren den Preis für die Karten selbst überstiegen. Auch das ist kein Einzelfall, sagt Baumer. Sogar völlige Fake-Tickets seien auf Viagogo schon angeboten worden: Für den 8. Oktober 2017 waren Karten für einen Auftritt der Künstlerin Carolin Kebekus in der Hamburger Elbphilharmonie mit dem Vermerk „fast ausverkauft – nur noch wenige Tickets übrig“ im Angebot. Nach Auskunft des Kebekus-Managements war dieser Auftritt aber nie geplant.

Mittlerweile warnt auch die Elbphilharmonie vor Viagogo. Auf der Plattform würden Karten für Veranstaltungen offeriert, für die der Vorverkauf noch nicht begonnen habe. „Im aktuellen Fall geht es um betrügerische Verkäufe von Eintrittskarten für die Serie Konzerte für Hamburg im Juni 2018“, so die Elbphilharmonie im Januar.

Aber das ist längst nicht alles, was sich Viagogo erlaubt. Die Verbraucherzentrale Bayern geht auch gegen eine recht spezielle Viagogo-Garantie vor. Darin sichert das Unternehmen den Erhalt von Tickets zu, schränkt das aber in den Allgemeinen Geschäftsbedingungen versteckt wieder ein. Die Ticketbörse behält sich darin das Recht vor, Ersatztickets nach eigenem Ermessen auszuwählen.

Wertlose Garantie

Es könne daher vorkommen, dass Käufer Karten nicht nur für andere Plätze, sondern auch für andere Tage als bestellt bekommen, sagen Verbraucherschützer. Die Garantie sei wertlos und irreführend. „Verbraucher können bei Viagogo nicht immer davon ausgehen, dass sie gültige Eintrittskarten kaufen und dass es das Event wirklich gibt“, fasst Baumer zusammen.

Die Praktiken von Viagogo seien in vielen Ländern ähnlich und hätten europaweit Verbraucherschützer auf den Plan gerufen, so Baumer. So wollen Kollegen in Italien erzwingen, dass Viagogo den Originalpreis von Tickets ausweisen muss. Interessenten könnten dann besser abschätzen, ob sie über den Tisch gezogen werden sollen.

Was die Klage in München betrifft, so haben die Schweizer verlangt, dass die Klageschrift von einem gerichtlich bestellten Übersetzer kosten- und zeitraubend ins Französische übersetzt wird, was für vier Monate Verzögerung gesorgt hat. Solches Verhalten sei typisch für Viagogo, sagt Baumer. In London seien Vertreter der Plattform schon vor dortige Parlamentarier zitiert worden. Erschienen ist niemand. Auch die Fifa geht gegen Viagogo vor.

Der Fußball-Weltverband hat eine einstweilige Verfügung erwirkt, die es Viagogo untersagt, Tickets für die Fußball-WM in Russland zu verkaufen. Viel genutzt hat das nicht. Karten für das Eröffnungsspiel Russland gegen Saudi-Arabien sind auf Viagogo für Preise zwischen 322 und 3244 Euro zu haben – ohne Gebühren, versteht sich.

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