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Im Osten Deutschlands liegt der Anteil der Beschäftigten im Niedriglohnsektor mit anerkannter Ausbildung besonders hoch.

Niedriglohnsektor

Duale Ausbildung schützt nicht vor Niedriglohn

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Am Mittwoch verabschiedet die Bundesregierung den Berufsbildungsbericht und dürfte das deutsche Fachkraftwesen loben. Zu Recht?

Es sind schöne Worte, die den Berufsbildungsbericht 2016 einleiten: „Die berufliche Aus- und Weiterbildung bildet eine wesentliche Grundlage für Wirtschaftswachstum, Wohlstand und sozialen Zusammenhalt in Deutschland. Das deutsche Berufsbildungssystem mit seinen vielfältigen Ausbildungs- und Aufstiegsmöglichkeiten und Qualifikationsniveaus bietet breite Karriereperspektiven und garantiert eine hohe Beschäftigungsfähigkeit.“

Ähnlich Huldvolles ist zu erwarten, wenn die Bundesregierung am Mittwoch den diesjährigen Berufsbildungsbericht verabschiedet. Gewiss wird erneut das deutsche Modell – die duale Ausbildung in Berufsschule und Betrieb – in seiner Einzigartigkeit über den grünen Klee gelobt.

Unterdessen werden Unternehmen und Wirtschaftsverbände – ebenfalls nicht zum ersten Mal – die mangelnde Ausbildungsreife vieler Bewerber beklagen sowie den Run auf die Unis, der es Unternehmen immer schwerer mache, geeignete Azubis zu finden. An alledem ist etwas dran.

Allerdings übergehen sowohl die Bundesregierung als auch die Wirtschaftsverbände geflissentlich ein weniger ruhmvolles Merkmal des ansonsten hochgelobten deutschen Fachkraftwesens: Millionen Menschen in Deutschland sind trotz abgeschlossener Berufsausbildung im Niedriglohnsektor tätig.

Dem aktuellen Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung zufolge arbeiteten 2014 bundesweit 7,65 Millionen Beschäftigte im Niedriglohnbereich. Mehr als 5,1 Millionen von ihnen verfügten über einen anerkannten Berufsabschluss. Das entspricht gut einem Fünftel aller ausgelernten Beschäftigten, wobei die Quote im Westen mit 17,6 Prozent nur etwa halb so hoch liegt wie im Osten mit 38,8 Prozent. Nach internationaler Übereinkunft liegt die Niedriglohnschwelle bei 60 Prozent des mittleren Einkommens. 2014 waren das auf die Stunde umgerechnet zehn Euro brutto, bezogen auf ein Monatsgehalt in Vollzeit lag die Schwelle bei 1993 Euro.

Wie aus der Antwort der Bundesregierung auf eine kleine Anfrage der Linken vom vergangenen Dezember hervorgeht, wies Sachsen mit 40,3 Prozent den höchsten Niedriglohn-Anteil unter voll ausgebildeten Beschäftigten auf. In Mecklenburg Vorpommern arbeiteten 39,6 Prozent der Menschen mit Berufsabschluss für weniger als zehn Euro pro Stunde, in Brandenburg waren es 37,8, in Sachsen-Anhalt und Thüringen je 37,5 Prozent.

Dem stehen vergleichsweise geringe Anteile in Hamburg (13,8 Prozent), Baden-Württemberg (14,8), Bayern (15,9), Hessen (17,5), NRW (18,0) und Bremen (18,2 Prozent) gegenüber. Über dem Bundesdurchschnitt von 20,9 Prozent lag von den alten Bundesländern lediglich Niedersachsen mit 21,1 Prozent sowie Berlin mit 23,1 Prozent.

Eine Ursache für die beträchtlichen Unterschiede ist nach Einschätzung des DGB, der die Angaben anlässlich des bevorstehenden Berufsbildungsberichts nochmals aufgearbeitet hat, die geringe Tarifbindung der Unternehmen im Osten. Dort waren einer Erhebung des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung zufolge 2015 nur 49 Prozent der Beschäftigten in tarifgebundenen Unternehmen tätig. Im Westen waren es rund zehn Prozentpunkte mehr. Vor diesem Hintergrund kritisiert DGB-Vorstandsmitglied Elke Hannack die Haltung der Arbeitgeber: „Wer über einen vermeintlichen Fachkräftemangel klagt, darf keine Niedriglöhne bezahlen.“ Nur mit einer stärkeren Tarifbindung könne die duale Ausbildung wieder attraktiver werden.

Doch auch die Tarifbindung reicht nicht in jedem Fall aus, um dem Niedriglohnbereich zu entkommen, wie das aktuelle Tarifarchiv des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) der Hans-Böckler-Stiftung zeigt. Danach sahen im Januar 2017 rund 13 Prozent von insgesamt 4480 tariflichen Vergütungsgruppen aus 40 Wirtschaftszweigen Stundenlöhne unter zehn Euro vor. Besonders betroffen ist das Friseurhandwerk, wo 100 der bundesweit 121 Vergütungsgruppen mit weniger als zehn Euro pro Stunde dotiert sind. Aber auch in den Branchen Floristik, Landwirtschaft, Gartenbau und Bewachungsgewerbe, in Gastronomie- und Übernachtungsbetrieben sowie Verkehrsunternehmen wird die Zehn-Euro-Schwelle häufig unterschritten.

Ähnliches gilt für Branchenmindestlöhne: Im Osten sehen derzeit noch neun Branchen Mindestlöhne unter zehn Euro vor, im Westen sind es sieben. Betroffen sind personalintensive Bereiche wie Pflege, Abfallentsorgung, Leiharbeit und Textilindustrie. DGB-Vorstand Elke Hannack: „Letztlich haben es die Betriebe selbst in der Hand, ob sich junge Menschen für ein Studium oder eine Berufsausbildung entscheiden. Wichtig sind eine gute Ausbildung, ein anständiger Lohn, gute Arbeits- und Ausbildungsbedingungen sowie gute Entwicklungsperspektiven im Beruf.“

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