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Konstruktiv: Drohnenpilotin Hafsatu Sesay will für mehr Transparenz im Bergbausektor von Sierra Leone sorgen.

Drohnen-Akademie

Drohnen zu humanitären Zwecken: Afrikas Überflieger 

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Medikamente transportieren, Katastrophengebiete identifizieren, Umweltdaten erfassen – in Malawi bildet das Hilfswerk Unicef Studierende für den Einsatz von Drohnen zu humanitären und entwicklungspolitischen Zwecken aus.

  • Das Hilfswerks Unicef bildet Studierende in Afrika zu Drohnenfliegern aus.
  • Die Fluggeräte sollen Medikamente transporten oder Katastrophnegebiete identifizieren. 
  • Die jungen Leute sollen ihre Länder „einen großen Schritt voranbringen“. 

Als Hafsatu Sesay, Theodore Kamunga und Cynthia Phiri an diesem Mittwoch Ende März das Abschluss-Zertifikat von Afrikas erster „Akademie für Drohnen und Data“ in Empfang nehmen können, ist Ihnen zum Abheben zu Mute. Sie springen beschwingt auf die Bühne des Kongresszentrums in der malawischen Hauptstadt Lilongwe und lassen sich von ihren Kommilitoninnen und Kommilitonen feiern. „Ihr seid Pioniere!“, ruft James Chakwera, Direktor der Luftfahrtbehörde des südostafrikanischen Landes, den insgesamt 25 Studierenden als einer von vielen Rednern zu. Und das stimmt in mehrfacher Hinsicht.

Afrika: „Für humanitäre und entwicklungspolitische Zwecke“

In Feierlaune: Mehr als die Hälfte der 25 ADDA-Absolventen aus neun afrikanischen Ländern sind Frauen. 

Gerade erst im Januar hat Unicef, das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen, gemeinsam mit der Virginia Polytechnic Institute and State University (Virginia Tech) die „African Drone and Data Academy“ (ADDA) an den Start gebracht. Hafsatu, Theordore, Cynthia und ihre Mitstudierenden sind die ersten Absolventinnen und Absolventen, die an diesem Exzellenzzentrum ausgebildet wurden, um einmal den Luftraum in ihren Heimatländern zu erobern. „Für humanitäre und entwicklungspolitische Zwecke“, betont Rudolf Schwenk, Unicef-Landesdirektor in Malawi. Das 21. Jahrhundert werde schließlich von der Digitalisierung bestimmt. „Und wir machen sie fit dafür. Mit den erlernten Fähigkeiten werden die jungen Leute ihre Länder einen großen Schritt voranbringen.“

Drohnen könnten beispielsweise Impfstoffe und Malariamedikamente schnell in schwer erreichbare Regionen transportieren oder Bluttests und Laborproben schnell von dort in Kliniken fliegen, erläutert ADDA-Chef Michael Scheibenreif. Denkbar sei auch ein Einsatz, um mit hochauflösenden Darstellungen – viel präziser als Google Maps das schafft – auf dem Land frühzeitig mögliche Kontaminationsquellen zu identifizieren und damit Choleraausbrüche wie zuletzt 2018 in Malawi zu verhindern. Drohen Überschwemmungen, könnten fliegende Kameras potenziell gefährdete Gebiete ausmachen. „Selbst Schäden an Pflanzen erkennen Drohnen und geben damit frühzeitig Hinweise auf mögliche Ernährungskrisen“, erklärt Scheibenreif.

Drohnen in Afrika: Geräte können „vieles zum Besseren wenden“ 

Fragt man Theodore Kamunga, dann kann der Einsatz der Drohnen „vieles zum Besseren wenden“. Der 29-Jährige, der eine unglaubliche Energie und einen ansteckenden Optimismus ausstrahlt, musste sich wie alle anderen ADDA-Absolventen aus neun afrikanischen Staaten in einem mehrstufigen Bewerbungsverfahren durchsetzen. Voraussetzung war ein abgeschlossenes Ingenieurs-Studium. Nur bei Kamunga, der aus der Demokratischen Republik Kongo stammt und seit 2016 im malawischen Flüchtlingslager Dzaleka lebt, machte Unicef eine Ausnahme. „Weil uns sein Engagement und sein Talent begeistert haben“, sagt Scheibenreif.

Im Camp Dzaleka in Afrika hatte Kamunga zuvor über das Programm Worldwide Learning des Jesuitenordens im Fernstudium an der Regis University in Denver/Colorado ein Diplom in Liberal Arts erworben und sich anschließend gleich für den Bachelor in Management an der Southern New Hampshire University eingeschrieben. Jetzt steht er im Labor von ADDA und fachsimpelt über die besonderen aerodynamischen Eigenschaften des Eco Soar – ein kostengünstiges, robustes Fluggerät, einem Segelflieger ähnlich, das eine Gruppe malawischer und amerikanischer Expertinnen und Experten gemeinsam mit Studierenden entwickelt hat. Die Teile für ein weiteres Exemplar formt gerade ein 3D-Drucker, der demnächst mit recycelten und eingeschmolzenen PET-Flaschen gefüttert werden soll. Als Fernerkundungs- und Lieferdrohne sei der Eco Soar bewusst nachhaltig konstruiert, erklärt Kamunga. „Jeder von uns Absolventen kann den nach einer Bruchlandung reparieren und wieder flott machen.“

Drohnen zu humanitären Zwecken: Afrikas Überflieger 

In diese Verlegenheit dürfte Hafsatu Sesay aus Sierra Leone so schnell jedenfalls nicht kommen. Die 24-Jährige hat in ihrer Heimat ein Maschinenbau-Studium mit Auszeichnung abgeschlossen und schlägt im ersten ADDA-Jahrgang alle mit ihren Flugkünsten. „Unsere beste Pilotin“, sagt Michael Scheibenreif voller Anerkennung. Die Drohne lässt Sesay auch schon mal einen Looping drehen oder ins Trudeln kommen, um sie dann rechtzeitig wieder abzufangen und sicher zu Boden zu bringen.

Stolze Absolventen der „Akademie für Drohnen und Data“: Theodore Kamunga mit Kommilitoninnen.

Bei der praktischen Prüfung, die alle nach den Standards der Association for Unmanned Vehicle Systems International ablegen mussten, waren allerdings keine Kapriolen, sondern punktgenaue Manöver und das Ansteuern von Zielen nach Geo-Koordinaten gefragt. Darauf hatte Drohnen-Instructor Robert Hedmann die Studierenden vorbereitet. „Schon in der Morgendämmerung um 5.30 Uhr waren wir regelmäßig auf dem Flugfeld, damit alle die nötige Praxis bekommen“, sagt der aus Schweden stammende Robotik-Ingenieur – und es schwingt dabei ein bisschen Stolz auf seine Schülerinnen und Schüler mit.

Drohnenflieger in Afrika: „Privileg“ zu den Absolventen zu gehören 

Ihr Engagement während des vollgepackten dreimonatigen Curriculums hat auch ADDA-Dozent Suresh Muthukrishnan begeistert. Er ist Professor an der Furman University in South Carolina und Experte für Geo-Informations-Systeme. Unglaublich team- und lösungsorientiert hätten die afrikanischen Studierenden mitgearbeitet, erzählt er in einer Unterrichtspause. „Das ist mir im Vergleich zu meinen Erfahrungen in den USA besonders aufgefallen.“ Am letzten Tag vor der Zeugnisvergabe vertieft Muthukrishnan noch einmal die Erfassung, Bearbeitung, Analyse und Präsentation räumlicher Daten mit Hilfe spezieller Software. Hochkonzentriert verfolgen die 25 Studierenden, mehr als die Hälfte davon junge Frauen, hinter ihren Laptops den interaktiven Vortrag.

Darunter auch Cynthia Phiri, die in Malawi zuvor Vermessungswesen studiert und bereits eine Festanstellung bei der Wasserbehörde der Hauptstadt Lilongwe hat, wo viele Haushalte noch nicht ans öffentliche Netz angeschlossen sind. „Es ist ein Privileg zur ersten Gruppe der Absolventen zu gehören“, sagt die 25-Jährige. Ihre neue gewonnenen Kenntnisse will Phiri nun in ihrem Job einsetzen, um aus der Luft Daten über die Topografie, Besiedelung und Gewässerverläufe der schnell wachsenden Kapitale zu gewinnen. „Eine Analyse der Daten mittels Software kann zu viel informierteren Entscheidungen bei der Planung der Wasserversorgung und von Abwasserleitungen führen“, erklärt Phiri. Außerdem will sich die Malawierin zusammen mit zwei Kommilitonen nebenbei selbstständig machen um Dienstleistungen mit Drohnen und Datenverarbeitung anzubieten. Der Gründerwille ist auch bei anderen Absolventinnen und Absolventen groß.

Drohnen in Afrika: Flüchtlingslager kartografiert 

Startklar: Viele der von Unicef ausgebildeten Drohnen-Experten haben ehrgeizige Pläne und wollen sich selbstständig machen. 

Theodore Kamunga zieht jetzt mit Partnern die Firma Nyasa Aerial Data Solutions auf und will um Kundinnen und Kunden werben, die luftbildgestützte Raum- und Infrastruktur-Analysen suchen, bevor sie in eine Geschäftsidee investieren. Eine Art Gesellenstück lieferte der 29-Jährige mit seinem Praxis-Projekt während der ADDA-Ausbildung, das er wie alle anderen Akademie-Absolventinnen und -Absolventen zum Abschluss in Lilongwes Kongresszentrum präsentiert. Kamunga kartografierte mittels Drohnenaufnahmen das 40.000 Menschen zählende Flüchtlingscamp Dzaleka, in dem er noch immer lebt, und lieferte eine Bestandsaufnahme der Wassereinzugsgebiete des Lagers. „Damit können wir die Wahrscheinlichkeit von Überschwemmungen berechnen und gleichzeitig zeigen, wo der Bau von Drainagen besonders dringlich ist.“

Auch Hafsatu Sesay, die Top-Drohnenpilotin aus Sierra Leone, hat bereits eine Geschäftsidee. Im Agrarsektor ihrer Heimat stecke noch viel ungenutztes Potenzial, erklärt die 24-Jährige, während sie sich im Labor von ADDA mit dem Lötkolben an der Elektronik einer Drohne zu schaffen macht. „Ich will deshalb die Flächen erfassen und eine Datenbank mit den angebauten Kulturen und den Erntemengen aufbauen.“ Die Ergebnisse könnten dann für Entscheidungen zur Intensivierung der Landwirtschaft nützlich sein, um die Ernährung von Sierra Leones Bevölkerung zu sichern. Auch für den Einsatz von Drohnen im Bergbau hat Sesay Pläne. Ihre westafrikanische Heimat ist reich an Bodenschätzen wie Gold, Eisenerz und Bauxit. „Mittels Beobachtungen aus der Luft lassen sich zum Beispiel das Volumen von Fördermengen und die Größe von Halden berechnen“, erklärt Hafsatu. „Das kann mehr Transparenz schaffen.“

Lesen Sie dazu auch: Antibiotika aus der Luft - Ein Darmstädter Start-Up testet Drohnen

Von diesem unternehmerischen Elan der ADDA-Pionierinnen und -Pioniere ist Studienleiter Michael Scheibenreif hin und weg. „Das wollen wir weiterhin fördern und den Weg in die Selbständigkeit begleiten“, sagt der Unicef-Innovationsexperte. An der Akademie soll deshalb nun ein „Inkubator“ eingerichtet werden, der den Start-ups optimale technische Voraussetzungen und Beratung bietet, um ihr Businessmodell gründlich entwickeln zu können.

Überflieger in Afrika: Beschäftigung im eigenen Land schaffen 

„Wenn Ihr in uns und unsere Ideen investiert, dann investiert Ihr in die Zukunft und den Wohlstand unserer Nationen“, appelliert Thumbiko Nkwawa Zingwe als Vertreter der ADDA-Absolventinnen und -Absolventen bei der akademischen Feier an die Vertreterinnen und Vertreter von Politik und Wirtschaft. „Die Jugend in unseren Ländern ist angesichts der massiven Arbeitslosigkeit frustriert“, sagt der Malawier. Trotz guter Ausbildung fänden die meisten keine ordentlichen Jobs. „Wir brauchen mehr Plattformen wie ADDA, die einem Jungen aus dem Ghetto wie ich oder einer Tochter einer alleinerziehenden Mutter die Möglichkeiten bieten, zu Gründern und Tech-Entwicklern zu werden und Beschäftigung im eigenen Land zu schaffen.“

Diese Botschaft hört an diesem Vormittag auch Hanna Steinebach, Managerin des Darmstädter Unternehmens Wingcopter, das in Malawi den Einsatz von Drohnen im Gesundheitssektor testet und Fluggeräte im Foyer des Kongresszentrums aufgebaut hat. „Wir suchen perspektivisch Mitarbeiter für unser Projekt“, sagt sie. „Und ich bin beeindruckt von diesen jungen Leuten und ihren Visionen.“ Es dauert nicht lange, da ist sie an ihrem Stand schon im Gespräch mit potenziellen Bewerberinnen und Bewerbern.

Drohnen-Testkorridor

Malawi  gehört mit einem Bruttoinlandsprodukt pro Kopf von knapp 390 Dollar (2018) zu den drei ärmsten Ländern der Welt. Mit etwa 19 Millionen Einwohnern und laut Weltbank einem Bevölkerungswachstum von jährlich 2,6 Prozent ist Malawi so dicht besiedelt wie kaum ein anderer Staat auf dem Kontinent.

Wegen Dürren  und unregelmäßigen Niederschlägen müssen Teile der Bevölkerung immer wieder hungern. Der Gesundheitssektor des südostafrikanischen Landes ist massiv unterfinanziert. Immer noch sterben 439 Frauen pro 100 000 Lebendgeburten – doppelt so viele wie im weltweiten Durchschnitt.

Das Hilfswerk Unicef  eröffnete 2017 gemeinsam mit der Regierung des Landes in Malawi einen Drohnen-Testkorridor, um den Einsatz von unbemannten Fluggeräten für humanitäre Zwecke zu erproben. Start-ups, Universitäten und Drohnenexperten aus der ganzen Welt nutzen den Korridor in der Zentralregion des Landes, um ihre Ideen auszuprobieren.

Zur Ausbildung  von Drohnen-Experten hat Unicef in Kooperation mit der Virginia Polytechnic Institute and State University Anfang 2020 die African Drone and Data Academy (ADDA) in Malawis Hauptstadt Lilongwe gegründet. Mit im Boot ist auch die Malawi University of Science and Technology. 

Die Studierenden  aus afrikanischen Ländern lernen in einem rund dreimonatigen Kurs, Drohnen zu konstruieren, zu reparieren, zu steuern und die mit ihnen gesammelten Daten zu analysieren. Bis 2022 soll das Curriculum zu einem zweijährigen Masterstudiengang ausgebaut werden. Dahinter steht die Unicef-Vision „Drones and Data for Good“ mit dem Ziel, neue Technologien bis hin zur künstlichen Intelligenz für die humanitäre Arbeit zu nutzen. 


Die Kosten  der ADDA tragen Unicef Schweden und Schottland sowie der Globale Fonds zur Bekämpfung von Aids, Tuberkulose und Malaria. Mit 100 000 Euro hat sich auch die Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit im Auftrag des Entwicklungsministeriums am Aufbau der Akademie beteiligt. ADDA-Chef Michael Scheibenreif sucht aktuell noch nach weiteren Partnern, um Finanzierungslücken zu schließen. 

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