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Dr. John rät: kaufen!

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Von: Martin Rücker

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Der Verkauf von Nahrungsergänzungsmitteln, hier in einer stationären Apotheke, ist ein Riesengeschäft.
Der Verkauf von Nahrungsergänzungsmitteln, hier in einer stationären Apotheke, ist ein Riesengeschäft. © Imago

Mit gefälschten Produktbewertungen verleitet eine Website Menschen zum Kauf von Nahrungsergänzungsmitteln und verschreibungspflichtigen Medikamenten auch ohne Rezept. Eine Recherche über das schmutzige Geschäft mit der Gesundheit.

Immerhin so viel ist sicher: „Dr. John Apolzan“ gibt es wirklich. Der Ernährungswissenschaftler antwortet auf E-Mails und erfreut sich offenbar bester Gesundheit.

Selbstverständlich war das alles nicht.

Apolzan ist Professor an der US-amerikanischen Louisiana-State-Universität. Sein Porträtfoto auf der Uni-Website zeigt ihn mit breitem Lächeln und Lachfalten um die Augen. Auch hierzulande könnten Gesundheitsbewusste den freundlichen „Dr. John“ kennen: als produktiven Autor. Auf der deutschsprachigen Internetseite healthstatus.com und der Partnerwebsite familyfoodandtravel.com schrieb er, so schien es, Artikel um Artikel.

Der Wissenschaftler bewertete Nahrungsergänzungsmittel, Detox-Pflaster und Diättropfen. Er wusste, wo es Viagra und hochdosierte Schmerzmittel im Internet zu kaufen gibt, beschrieb geduldig den „Dehnvorgang“ einer Penispumpe gegen Erektionsbeschwerden („absolut schmerzfrei“). Am Ende konnte er die Produkte eigentlich immer empfehlen – und er hatte den Link zum passenden Onlinehändler. Schon im Impressum von healthstatus.com stand Apolzan bis vor wenigen Tagen ganz oben, zu sehen war das Foto mit dem Lächeln und den Fältchen am Auge.

Das alles war nichts als Schwindel. Wie so vieles an dem Gesundheitsportal, bei dem es am Ende eigentlich immer um eines geht: Die Besucher sollen kaufen. Abnehmpillen und Anabolika, Rezeptpflichtiges ganz ohne Rezept. Dr. John empfiehlt es, also: kaufen beim „Partner“-Shop.

Der Schwindel beginnt mit den Produktbewertungen Apolzans: Der echte John Apolzan weiß nach eigener Aussage überhaupt nichts davon, dass er die Artikel geschrieben hat. Auf Anfrage antwortet er schnell und deutlich: Mit den Betreibern der Internetseiten habe er keinerlei Verbindung, er gehöre „nicht zu deren Team, wie die Website vermuten lässt“, nie habe er für sie Analysen durchgeführt oder Artikel verfasst. Sein Name und Bild seien „missbraucht und ohne seine Erlaubnis verwendet“ worden.

„Bei uns finden Sie ausführliche Testberichte, bewertet und recherchiert von Ärzten und Experten“: So stellt sich healthstatus.com seinen Besuchern vor. Ein ganzes Team von Autor:innen suggeriert geballte Kompetenz, unter ihnen Fachleute aus Deutschland. Wie „Dr. Daniel Bangfahkiri“, angeblich Sport- und Präventivmediziner. Bei ihm ist ein Profil im sozialen Netzwerk Linkedin verlinkt, ausweislich dessen er Arzt am Klinikum Altmühlfranken im fränkischen Weißenburg sein soll. Dort geht man eigens die Personalakten durch – das Ergebnis, so eine Sprecherin: „Wir kennen keinen Daniel Bangfahkiri.“ Bei „Dr. Tatjana Abel“, einem weiteren „Team“-Mitglied, verweist healthstatus.com ebenfalls auf ein Linkedin-Profil, das sie als Ärztin beim Jüdischen Krankenhaus Berlin ausgibt. Und auch dort heißt es: Eine solche Ärztin „war nie bei uns tätig“.

Gegründet, so heißt es auf der Seite, wurde Health Status von dem US-amerikanischen Marketingspezialisten Greg White, bis heute Chef des Unternehmens „HealthStatus, LLC“ in Indianapolis und ebenfalls im „Team“ aufgelistet. Laut Impressum jedoch zeichnet inzwischen ein anderes Unternehmen verantwortlich: Die in London ansässige Finixio Ltd. Die Digitalmarketingspezialisten betreiben noch weitere deutschsprachige Seiten, die sich dem Eindruck nach vor allem um eines drehen: verbrauchernahe Inhalte, die es ermöglichen, mutmaßlich provisionsträchtige Links zu Onlineshops einzubinden. Es geht um Cannabisprodukte und Sportwetten, um Hellseher und Kryptowährungen – und um Gesundheitsprodukte.

Nirgendwo stehen diese so sehr im Vordergrund wie auf healthstatus.com, und das offenbar so suchmaschinenoptimiert wie möglich. Ein Text über „Keto Tropfen“ erörtert in epischer Breite, ob die Abnehmpräparate in der Fernsehsendung „Höhle der Löwen“ auftauchten. Nur um festzustellen, dass dies nicht der Fall war, was aber nicht davon abhält, eine Liste „Beste Höhle der Löwen Keto Tropfen“ aufzustellen. Es wirkt, als solle der Name der Sendung nur oft genug fallen, um deren Anhänger über Internetsuchen auf das Portal zu locken. Und von dort aus weiter zu den Verkaufsseiten der Nahrungsergänzungsmittelhersteller – oder, wenn es rezeptpflichtige Medikamente ohne Rezept sein sollen, zu einem von zwei ähnlich aufgemachten Onlineshops. Ein Impressum gibt es nicht, das Deutsch wirkt holprig übersetzt, irgendwo heißt der Datenschutz „Gemütlichkeitspolitik“. Wer die Shops betreibt, ist unklar.

Anruf bei der Kundenhotline des „Medikamente Shops“ – eine kostenfreie, deutsche Telefonnummer. Das Klingeln hört sich nach einem weit entfernten Anschluss an, es rauscht, bis sich schließlich eine schlecht verständliche, weibliche Stimme meldet. Deutsch spricht sie nicht, nur Englisch – und legt gleich wieder auf. Weil schnell klar wurde, dass der Anrufer kein Kunde ist? Zweiter Versuch über den Kunden-Chat. Es schreibt, auf Deutsch, eine „Teeman Brighton“. Doch auf die Frage, welches Unternehmen für den Shop verantwortlich ist, antwortet sie nicht mehr.

„Jeden Tag wird das Internet mit Werbung für Arzneimittel überflutet“, warnt die internationale Polizeieinheit Interpol. Bei der konzertierten „Operation Pangea XV“ stellten die Behörden Ende Juni in 94 Ländern mehr als drei Millionen gefälschte und illegale Arzneimittel und Gesundheitsprodukte sicher. „Betrügerische Produkte, die die Gesundheit der Verbraucher gefährden, anstatt sie zu heilen“, wie es bei Interpol heißt. Insgesamt habe der internationale Handel mit gefälschten Arzneimitteln ein Volumen von mehr als vier Milliarden US-Dollar erreicht.

Auch wenn es bei den beiden Shops ohne Impressum nur „echte“ Ware geben sollte: Seriös sind die Angebote nicht. Dass manche der hier rezeptfrei angebotenen Medikamente nicht nur ungefährlich sind, scheint auch den Machern von healthstatus.com klar zu sein. Eine Überdosierung könne zu „sehr ernsten Leber- und Nierenschäden“ führen, heißt es in einem Text über das verschreibungspflichtige Schmerzmittel Ibuprofen 600. Im Steckbrief zu dem Produkt steht dennoch: „KEINE Nebenwirkungen“.

Im Laufe der Recherche verschwindet „Dr. John“ plötzlich von healthstatus.com. Als Hauptautorin lächelte nun die Apothekerin „Dr. Alexandra Perez“ die Website-Besucher fröhlich an. Ehemalige Artikel von „Dr. John“ stehen jetzt unter ihrem Namen – sie ist es auch, die nun weiß, dass die Penispumpe „absolut schmerzfrei“ funktioniert.

Auch Dr. Perez gibt es. Donnerstag vergangener Woche, Anruf bei der Nova Southeastern University in Florida, wo Perez Pharmazie-Professorin ist. Dass sie zum HealthStatus-Team gehöre, sei „völlig falsch“, sagt sie: „Ich habe niemals Artikel für diese Seite geschrieben.“ Noch am selben Tag verändert sich die Seite erneut, mehrfach. Schließlich ist „Dr. Perez“ ebenfalls verschwunden, nun erscheint „Dr. med. Matthias Abenstern“ als Autor all der Artikel über rezeptfreie Viagra, Ibuprofen 600 und Penispumen – ein Arzt der München Klinik, wie der Link zu einem echten Profil auf der Internetseite der städtischen Krankenhausgruppe zu belegen scheint.

Dort allerdings heißt er „Abenstein“, nicht „-stern“. Und dass er die ganzen Artikel geschrieben haben soll, davon weiß er ebenso wenig wie die anderen „Autoren“, sagt ein Sprecher der München Klinik auf Anfrage. Die Rechtsabteilung des Krankenhauses nahm sich der Sache an, und am Dienstagmorgen ist auch „Dr. Abenstern“ aus dem „Team“ geflogen, angeblicher Hauptautor seither der angebliche „Dr. Daniel Bangfahkiri“, der jedenfalls kein Arzt am Klinikum Altmühlfranken ist.

Wie genau arbeiten die Unternehmen Health Status, LLC und Finixio Ltd. zusammen? Was sagen sie zu den Fakes? Wer betreibt die Shops mit frei verkäuflichen, rezeptpflichtigen Medikamenten? All das bleibt offen. Weder Health-Status-Gründer Greg White noch Finixio reagierten auf eine Anfrage.

Was sich im Laufe der Recherche nicht verändert hat: das etwas skurril anmutende „Glaubensbekenntnis“ auf der Team-Seite des Portals. „Wir glauben, dass die Bibel das inspirierte, einzig unfehlbare und maßgebliche Wort Gottes ist“, heißt es darin. Vielleicht hätten die Betreiber das Achte Gebot noch einmal nachschlagen sollen. „Du sollst nicht falsch Zeugnis reden wider deinen Nächsten“, lautet es. Dr. John könnte das wahrscheinlich empfehlen, der echte Dr. John.

Die alte Startseite mit Dr. John Apolzan. screenshot
Die alte Startseite mit Dr. John Apolzan. screenshot © Screenshot

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