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Grenze zwischen Frankfurt (Oder) und Slubice

Corona

So nah und doch so fern

Erstmals seit 16 Jahren sind die Grenzen nach Polen geschlossen. Für Betriebe und Familien ist das mehr als schwierig – hüben wie drüben

Pawel Zawadas Familienleben findet nur noch auf Whatsapp statt. Der 35-jährige Elektriker sitzt in seiner Arbeitswohnung in Berlin, seine Frau und seine kleine Tochter 250 Kilometer entfernt in der westpolnischen Stadt Walcz. Zawada arbeitet als selbständiger Monteur im Kundendienst, behebt Kurzschlüsse und repariert Leitungen in Berliner Wohnungen. Normalerweise fährt er jedes Wochenende nach Hause. Jetzt geht das nicht mehr. Würde Zawada jetzt über die Oder fahren, müsste er laut polnischer Verordnung 14 Tage in Quarantäne verbringen.

Er bekäme dann keine Aufträge, kein Geld und als polnischer Selbständiger nur ein paar Hundert Zloty Krisenhilfe. Also bleibt er. Auch das Osterfest mit der Familie wird er verpassen. „Das ist schwierig“, sagt er knapp. „Aber ohne Geld wäre es noch schwieriger.“ 30 Polen arbeiten wie er für einen Berliner Installationsbetrieb, die meisten sind geblieben. Andere haben sich in den Grenzstau eingereiht, bevor die Quarantäneregelung in Kraft trat.

„Bleiben Sie bei uns, setzen Sie bitte Ihre Arbeit fort“, hatte Brandenburgs Finanzministerin Katrin Lange (SPD) vergangene Woche an die polnischen Pendler appelliert, es klang fast flehend. 25 000 Polen pendeln allein in die grenznahen Kreise Brandenburgs. Es sind Handwerker, Logistiker, Putzfrauen, Ärzte, Krankenschwestern – ohne sie wäre der Alltag – jetzt noch mehr als sonst– kaum zu meistern.

Seit 16 Jahren ist die Grenze an Oder und Neiße offen, zwischen Westpolen und Vorpommern, Brandenburg, Sachsen haben sich alle an den täglichen Austausch gewöhnt. Jetzt versperren Flatterband und Soldaten den Radweg auf Usedom, Poller und Polizisten stoppen Passanten auf der Grenzbrücke in Frankfurt/Oder, ein Gitter mit Kette und Vorhängeschloss verriegelt die Altstadtbrücke in Görlitz.

„Erst wenn die Grenzen geschlossen ist, erkennt man, wie wichtig offene europäische Grenzen sind“, sagt Dietmar Woidke (SPD), Brandenburgs Ministerpräsident und Polen-Koordinator der Bundesregierung, dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND). „Die letzten Tage haben gezeigt, dass diese Region längst ein gemeinsamer Lebens- und Arbeitsraum ist.“ Die enge Verbindung im brandenburgisch-polnischen Grenzraum dürfe nicht zusammenbrechen, fordert Woidke: „Gerade in der jetzigen Zeit müssen wir zusammenstehen und gute Lösungen finden. Dazu werden auf allen Ebenen intensive Gespräche geführt.“

Dass diese Gespräche bald zu einer Erleichterung führen, glaubt auf beiden Seiten der Oder allerdings kaum jemand. Gerade hat Polen seine Corona-Bestimmungen verschärft. Kinder und Jugendliche dürfen nicht mehr alleine vor die Tür, im Supermarkt herrscht Handschuhpflicht. „Ein, zwei Monate können wir überleben“, sagt Bartlomiej Bartczak, Bürgermeister der polnischen Grenzstadt Gubin. „Je länger es dauert, desto größer werden die Probleme.“ Den Grenzhändlern mit ihren kleinen Geschäften erlässt die Stadt 70 Prozent der Pacht, schließlich dürfen deutsche Zigarettenkäufer zurzeit nicht passieren.

Auf deutscher Seite erhalten polnische Pendler, die in Deutschland bleiben, 65 Euro pro Tag, um ein Zimmer und Verpflegung bezahlen zu können. Allein nach Frankfurt/Oder kommen täglich 1250 Pendler über den Fluss. Die Hotels der Stadt haben ein neues Geschäftsmodell, die Preise in den sonst leerstehenden Unterkünften orientieren sich jetzt fast überall an den staatlich garantierten 65 Euro. Die Stadt hat zudem die Internatsplätze der Sportschule und des Ausbildungszentrums zur Verfügung gestellt, die zurzeit leer stehen.

Doch ganz gleich, wie gut sie organisiert und finanziell abgefedert ist, die Trennung bleibt hart. „Das geht tief, das zerreißt Familien“, sagt Frankfurts Stadtsprecher Uwe Meier.

Marta Szusters Familie hat entschieden, zusammenzubleiben. Mit drei Kindern wohnen Szuster und ihr Mann im Uckermark-Dorf Staffelde, das in den vergangenen Jahren zu einem Vorort der polnischen Großstadt Szczecin (Stettin) geworden ist. Er arbeitet auf der polnischen Seite der Oder im Kraftwerk von Gryfino. Sein Arbeitgeber hat ihn vor die Wahl gestellt: Quarantäne und anschließend Arbeit – oder Urlaub. Nun nimmt er seinen Resturlaub. Wenn der aufgebraucht ist, kann er nicht von einer großzügigen polnischen Regelung profitieren, die bezahlten Sonderurlaub für Eltern vorsieht, so lange die Schulen geschlossen haben. Das gilt nur, wenn die Kinder eine polnische Schule besuchen, die Kinder der Szusters besuchen aber deutsche Schulen. Die Nöte der deutsch-polnischen Grenzgänger wurden in Warschau bislang einfach vergessen. Auch das fällt erst auf, wenn die Normalität zusammenbricht.

In Berlin sucht Pawel Zawada verzweifelt nach einem Weg, doch über die Grenze zu kommen, ohne sich in Quarantäne begeben zu müssen. Lkw-Fahrer sind als Einzige von der Regelung ausgenommen. Waren müssen schließlich weiter frei fließen, Corona hin oder her. Und wenn er nun mit seinem Transporter Ware in Polen abholen muss, darf er dann rüber und zurück? Einen ganzen Tag hat Zawada in der Warteschleife der Infohotline verbracht – bisher ohne Ergebnis.

red

Wegen der Corona-Krise sind die Grenzen geschlossen. Ein Deutscher wollte trotzdem nach Polen. Polnische Soldaten greifen daraufhin zu drastischen Mitteln.

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