Ausschüttungsrekord

Dividende ist nicht gleich Zins

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Der Anlagenotstand macht Aktien für Sparer attraktiver. Aber sie sollten nicht auf falsche Versprechungen hören, warnen Experten

Das in Augsburg ansässige Unternehmen Washtec ist vermutlich nicht vielen Bürgern ein Begriff. Es stellt Autowaschanlagen her – und macht seinen Aktionären seit Jahren große Freude. Die im S-Dax notierte Firma hat ihre jährlichen Ausschüttungen an ihre Eigentümer in den Jahren 2010 bis 2019 im Durchschnitt um knapp 40 Prozent pro Jahr angehoben – bei einer gleichzeitig insgesamt guten Entwicklung des Aktienkurses.

Die Deutsche Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW) zählt diesen Titel zu den „stürmischen“ Aktien – die, die durch besonders große und kontinuierliche Zuwächse bei den Dividenden glänzen. Wie etwa auch Heidelbergcement, das die Dividende in diesem Zeitraum um durchschnittlich mehr als 34 Prozent im Jahr erhöht hat. Allerdings entwickelte sich der Aktienkurs zuletzt negativ, was für die Eigentümer schlecht war.

Auch hervorgehoben wurde durch die DSW etwa der „Dividenden-Aristokrat“ Fresenius, der als einziges deutsches Unternehmen seit 25 Jahren kontinuierlich die Ausschüttung angehoben hat – im Schnitt um 15,2 Prozent im Jahr. Oder die „zuverlässige“ SAP, die seit 25 Jahren ihre Dividende zumindest nie gesenkt hat, genau wie beispielsweise das wenig bekannte Medizinprodukte-Unternehmen Paul Hartmann oder die Baumarktkette Hornbach.

Die Anlegerschützer der DSW stellten am Mittwoch in Frankfurt ihre „Dividendenstudie 2019“ vor, in der sie über die Gesamtentwicklung, aber auch über einzelne Börsentitel informierten. Auf den ersten Blick war 2019 demnach ein gutes Jahr für Aktionäre. Die deutschen Aktiengesellschaften werden für das Geschäftsjahr 2018 eine Rekordsumme von insgesamt mehr als 57 Milliarden Euro ausschütten und damit 6,6 Prozent mehr als im Vorjahr. Dividendenkaiser in absoluten Zahlen ist die Allianz, die 3,8 Milliarden Euro verteilt, ein Plus von 12,5 Prozent.

Letzter Höhenflug?

Allerdings zeigen sich erste Hinweise darauf, dass die Unternehmen sich auf sinkende Erträge und Sparmaßnahmen einstellen. So geben die im Dax, M-Dax und S-Dax notierten Unternehmen gerade einmal 40 Prozent ihrer Gewinne an die Aktionäre weiter. Die DSW fordert eine Ausschüttungsquote von 50 Prozent.

Zwar zahlen für 2019 alle 30 Dax-Unternehmen und mehr als 80 Prozent der M-Dax- und S-Dax-Firmen eine Dividende – bei Aktien im Freiverkehr sind es nur 54 Prozent. Doch die Anzahl derjenigen Firmen, die ihre Ausschüttung kürzen oder konstant halten, nimmt zu, so die DSW.

Zudem gehen mehr Unternehmen an ihre Reserven und zahlen mehr an die Aktionäre aus, als sie verdient haben, wohl um diese bei Laune zu halten – „ein weiteres Warnsignal“, so der unabhängige Kapitalmarkt-Stratege Christian Röhl, mit dem die DSW die Studie erstellt hat. Dazu gehören Thyssen-Krupp und Bayer. „Vor diesem Hintergrund steht zu befürchten, dass 2019 das letzte Dividendenrekordjahr war“, sagte DSW-Hauptgeschäftsführer Marc Tüngler, schob aber nach, dass „das Jammern auf hohem Niveau ist“.

Die DSW setzt sich seit Jahren dafür ein, dass mehr Deutsche in Aktien investieren. „Es verursacht uns Schmerzen zu sehen, wie viel Geld der deutschen Wirtschaft flöten geht. Wir glauben offenbar nicht an das, war wir hier schaffen - aber andere tun es“, so Tüngler. Die Dax-Konzerne gehörten überwiegend Ausländern.

Gleichzeitig warnte die DSW am Mittwoch aber Verbraucher davor, sich aus reiner Verzweiflung über den „Anlagenotstand“ wegen der niedrigen Zinsen in den Aktienmarkt locken zu lassen. „Teilweise wird behauptet, die Dividende sei der neue Zins. Mich schockiert es, dass Anleger oder Fonds-Vermarkter das so sehen“, sagte Röhl. Aktien hätten natürlich ein ganz anderes Risikoprofil als andere Anlagen, die Gefahr von Rückschlägen sei immer gegeben.

Wer Aktien kaufen wolle, sollte sich auch nicht nach kurzfristigen Dividenden-Rankings oder – oft falschen – Prognosen von Analysten richten. Stattdessen sollten Anleger lieber auf die Entwicklung des jeweiligen Unternehmens über mehrere Jahre hinweg und dessen Zukunftsstrategien schauen, so die DSW-Experten.

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