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Digitaler Blackout in Südkorea nach Brand in Datenzentrum

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Von: Felix Lill

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Das Unternehmen Kakao wurde erst 2006 gegründet - und ist inzwischen systemrelevant.
Das Unternehmen Kakao wurde erst 2006 gegründet - und ist inzwischen systemrelevant. © Imago

Ein Brand führt dazu, dass in Südkorea zahlreiche Online-Dienste ausfallen. Verantwortlich dafür: Ein Unternehmen, das bis vor kurzem noch niemand kannte.

Seoul – Ein Feuer hat genügt, um eine Industrienation an den Rand des Chaos zu bringen. Der größte Messagingdienst Südkoreas, der bei 52 Millionen Einwohner:innen 43 Millionen monatliche User:innen zählt, funktionierte plötzlich nicht mehr. Auch das Zahlen per App, das digitale Navigieren, Onlinegaming, Musikstreaming, Emails sowie Taxi- und Shoppingdienste wurden unterbrochen. Der Grund war bald gefunden: Am Samstagnachmittag hatte im Süden der Hauptstadt Seoul ein Datenzentrum gebrannt.

Gelöst sind die Probleme noch nicht. Seit Tagen berichten die Medienhäuser über ein im Land bemerkenswertes Scheitern. Die konservative Tageszeitung „Joongang Ilbo“ titelte am Montag: „Schock, Wut und Aktion, wenn Kakaos Technik versagt.“ Das linksliberale „Hankyoreh“ kritisierte: „Massenkurzschluss offenbart die Nachteile von Kakaos Imperium in Korea.“ Und die führende Nachrichtenagentur „Yonhap“ meldete am Dienstag: „Kakao-Dienste fast wieder in vollem Betrieb.“ Die komplette Wiederinbetriebnahme aller Funktionen aber werde noch etwas dauern.

Probleme von Technologie-Unternehmen Kakao sind ein hochpolitisches Thema

Für Kakao, das Unternehmen, über das seit dem Wochenende nervös diskutiert wird, ist es wohl die denkbar schlechteste Art, auf die eigene Bedeutung aufmerksam zu machen. Der erst 2006 gegründete Tech-Konzern offenbart sich gerade als systemrelevantes Unternehmen in einem Land, das sich in hohem Tempo digitalisiert. Kaum irgendwo auf der Welt ist das Internet so weit verbreitet, so schnell und auch – eigentlich – so zuverlässig verfügbar wie in Südkorea. Entsprechend abhängig sind die Menschen von funktionierenden Digitaldiensten.

Der mit Abstand wichtigste Anbieter ist Kakao, der eben längst nicht mehr nur das Geschäft des Messagings beherrscht. Im vergangenen Jahr machte das Unternehmen, das 2010 mit dem Internetanbieter Daum fusionierte, einen Umsatz von umgerechnet rund 4,4 Milliarden Euro. Die bisher mit Abstand längste Unterbrechung der Dienste in der noch eher kurzen Geschichte des Unternehmens macht nun aber nicht nur geschäftliche Probleme. Das Ganze ist hochpolitisch.

Tech-Konzern in Südkorea mit Problemen: Politik schaltet sich ein

„In einer hyperverbundenen Gesellschaft ist die Datentelekommunikationsinfrastruktur direkt mit der nationalen Sicherheit und den Leben der Menschen verbunden“, klagte Kim Eun-hye, die Sprecherin des Präsidenten Yoon Suk-yeol, am Sonntag. „Führende IT-Nationen and Unternehmen haben die Wichtigkeit einer ‚flexiblen Erholung‘ betont, wenn es um das Betreiben von Onlineplattformen geht. Dies gehört zur Verantwortung und zum sozialen Versprechen eines Unternehmens.“ Kakao hätte mehr in die eigene Sicherheit investieren müssen, heißt es.

Mittlerweile untersucht die nationale Finanzaufsichtsbehörde, ob Kakao angemessene Maßnahmen ergriffen hat, um seine Dienste schnellstmöglich wieder verfügbar zu machen. Neben Kakao waren vom Brand am Samstag auch der Dienstleistungskonzern SK sowie der Internetanbieter Naver betroffen. Die Chefs dieser Unternehmen sollen sich kommende Woche vorm Parlament erklären. Präsident Yoon Suk-yeol hat zudem angekündigt, eine Cybersecurity-Taskforce zu etablieren. Denn man fühlt sich plötzlich unangenehm abhängig von ein paar wenigen Betrieben.

Problematische Wirtschaft in Südkorea: Macht der Chaebols begrenzen

Es ist ein Problem, das man in Südkorea eigentlich schon länger kennt. Wie kaum ein Industriestaat hängt das ostasiatische Land ökonomisch vom Wohlergehen einiger weniger Konglomerate ab, die in Südkorea unter dem Namen Chaebol zusammengefasst werden. Allein die fünf größten Chaebol – Samsung, SK, Hyundai, LG und Lotte – machen rund die Hälfte des südkoreanischen Aktienmarktes aus. Die Erlöse von Samsung entsprechen etwa einem Fünftel der südkoreanischen Volkswirtschaft. Aber 90 Prozent der Arbeitsbevölkerung sind in kleineren Betrieben beschäftigt.

Kritische Stimmen betonen daher, dass die Chaebol durch ihre Platzhirschstellung eher neues Wachstum behindern als es zu fördern. Verschiedene Präsidenten haben versucht, die Macht der Chaebols zu reduzieren – blieben aber weitgehend erfolglos. Ähnlich könnte es nun im Umgang mit Kakao aussehen: Die Umsetzung der Ankündigung, das Unternehmen zu mehr Investitionen in die Sicherheit zu drängen und es so stärker zu kontrollieren, könnte auch Hinweise auf den Einfluss geben, den Kakao mittlerweile in Korea hat. (Felix Lill)

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