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Verkehrsminister Scheuer ignoriert die zweifelhaften Hintergründe und spricht jetzt über eine Aufweichung der Abgas-Grenzwerte.

Diesel

Wie zweifelhafte Experten die Diesel-Debatte verdrehen

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Verkehrsminister Scheuer ist sich nicht zu schade, die fragwürdigen Zweifel für ein Ablenkungsmanöver zu nutzen.

„Alles Lüge um den Diesel-Feinstaub“ titelte die „Bild“-Zeitung Anfang Januar. Ein Lungenarzt aus dem Sauerland stellte die Debatte über die Gesundheitsschäden durch Dieselabgase auf den Kopf. Stimmt alles gar nicht, keine Beweise, alles aufgebauscht. Was war da los?

Die Sache machte mich stutzig und kam mir gleichzeitig bekannt vor. Auch um das Rauchen oder den Klimawandel gab es jahrelang hitzige Debatten. Immer wieder tauchten einzelne Experten auf, die Gefahren leugneten oder verharmlosten. Mittlerweile wissen wir: Tabak- und Erdöl-Konzerne finanzierten über Jahre „Kronzeugen“ aus der Wissenschaft um wissenschaftliche Fakten gezielt anzuzweifeln und so politische Regulierung zu erschweren. Auch die deutsche Autoindustrie finanzierte über Jahre ein eigenes Forschungsinstitut, um die Schädlichkeit des Diesels in Frage zu stellen – bis es 2018 durch die Affäre um Affenexperimente mit Diesel-Abgasen zu Fall kam.

Initiative stammt zur Hälfte von Nicht-Medizinern mit Verbindungen zur Autobranche

Zurück zur Lungenarzt-Initiative: Recherchen von Lobby Control ergaben, dass der Aufruf nicht allein von einem Lungenarzt verfasst wurde. Anders als berichtet, waren es vier Initiatoren: zwei Lungenärzte und zwei Verkehrs- und Motorenforscher, letztere mit Bezügen zur Autoindustrie. Einer arbeitete zehn Jahre bei Daimler. Am Institut des anderen leitet BMW gerade ein Forschungsprojekt – finanziert vom Verkehrsministerium. Die Lungenarzt-Initiative stammt also zur Hälfte von Nicht-Medizinern mit Verbindungen zur Autobranche. Wäre das entsprechend benannt worden, hätten ihre Aussagen sicher kein so großes Echo erfahren.

Lesen Sie mehr: Scheuer begrüßt Initiative von Lungenärzten

Inzwischen ist klar, dass es sich bei der vermeintlichen „Ärzte-Revolte“ um Nebelkerzen handelt. Nicht nur die Mit-Initiatoren mit Bezügen zur Autoindustrie machten stutzig, auch die fehlende Fachkenntnis der beteiligten Lungenärzte über die Wirkung von Feinstaub war zu offensichtlich.

Doch der Schaden ist angerichtet. Die Schlagzeilen werden im Gedächtnis bleiben, der Zweifel ist gesät. Und Verkehrsminister Scheuer ist sich nicht zu schade, die Sache für ein Ablenkungsmanöver in der Diesel-Debatte zu nutzen. Er ignoriert die zweifelhaften Hintergründe, bezieht sich weiter auf die Lungenärzte und spricht jetzt über eine Aufweichung der Abgas-Grenzwerte statt über Hardware-Nachrüstungen. Das ist ein extrem gefährlicher politischer Umgang mit wissenschaftlichen Fakten.

Die Autorin ist geschäftsführendes Vorstandsmitglied von Lobby-Control.

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