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Reiner Hoffmann führt seit 2014 den Deutschen Gewerkschaftsbund. 

Rezessionsängste

„Diese Krise ist so schwer wie keine andere“

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DGB-Chef Reiner Hoffmann über die Folgen der Corona-Pandemie.

Aus seiner Sicht ist die Corona-Krise bereits jetzt die größte Krise in der Geschichte der Bundesrepublik: Reiner Hoffmann, der Vorsitzende des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DBG), fordert Zusammenhalt und Solidarität angesichts der drohenden Rezession. Und er pocht darauf, bei den geplanten Regelungen zur Kurzarbeit noch einmal nachzulegen.

Herr Hoffmann, wie gefährlich ist die Corona-Krise für Stabilität und Zusammenhalt in unserem Land?

Diese Krise ist so schwer wie keine andere seit Bestehen der Bundesrepublik. Das ist jetzt schon abzusehen. Oberstes Ziel muss es sein, die Ausbreitung der Pandemie bei uns in Deutschland über einen möglichst langen Zeitraum zu strecken. Es geht darum, in dieser schwierigen Situation das Gesundheitssystem und die Versorgung des Landes aufrecht zu erhalten. Wir brauchen jetzt einen kühlen Kopf und klaren Verstand.

Seit Anfang dieser Woche werden Schulen und Kitas Schritt für Schritt dicht gemacht. Wie sind die ersten Rückmeldungen, was die Auswirkungen auf Arbeitnehmer angeht?

Ich habe bereits mit einer ganzen Reihe von Unternehmen gesprochen. Mein Eindruck ist, in vielen Unternehmen wird ganz vernünftig reagiert.

Was verstehen Sie unter vernünftig?

Wo möglich sollten Beschäftigte zu Hause bleiben und nicht oder im Homeoffice arbeiten. Und das geschieht auch. Aber es ist wichtig, Regelungen mit dem Ziel zu finden, dass bei längerem Fernbleiben vom Arbeitsplatz oder geringerer Arbeitszeit die Lohnfortzahlung garantiert wird.

Da besteht noch eine Menge Klärungsbedarf, oder?

Absolut! Da geht es um die Details der Regelungen zur Kurzarbeit. Die besprechen wir am Mittwoch mit dem Bundesarbeitsministerium und den Arbeitgebern. Bei der Verordnung, die alles rund um die Kurzarbeit in dieser Krise regelt, muss noch einmal nachjustiert werden.

Und zwar wie?

Wenn nur 60 oder 67 Prozent des Lohnausfalls bei Kurzarbeit ersetzt werden, bedeutet das für viele Beschäftigte erhebliche Einkommensverluste. Da müssen Auffanglösungen her. Die Arbeitgeber bekommen 100 Prozent der Sozialabgaben bei Kurzarbeit erlassen. Mit einem Teil davon könnte man das Kurzarbeitergeld auf 80 bis 90 Prozent aufstocken. Hierfür brauchen wir tarifvertragliche Regelungen.

Sind die Arbeitgeber angesichts der Dimension dieser Krise wirklich bereit, Mitarbeiter erst einmal zu halten?

Wir haben auch Rückmeldungen, dass einige die Gunst der Stunde nutzen und versuchen, Beschäftigten Aufhebungs- oder Änderungsverträge vorzulegen. Das ist die völlig falsche Botschaft. Die Sicherheit für die Beschäftigten darf in der jetzigen Situation nicht aufs Spiel gesetzt werden.

Welche weiteren Anti-Krisen-Maßnahmen erwarten Sie nun von der Bundesregierung?

Die Vorbereitungen für ein Konjunkturprogramm laufen. In der Lagebewertung sind wir uns in den Gesprächen mit Bundesregierung und Wirtschaft weitgehend einig: Wir haben es jetzt mit einer drohenden Angebotskrise zu tun. Erst im zweiten Schritt wird sich das zu einer Nachfragekrise wandeln. Für diesen Fall benötigen wir einen starken konjunkturellen Impuls. Ich bin froh, dass dies in der Bundesregierung genauso gesehen wird.

Konzernen soll geholfen werden, auch dem Mittelstand. Aber wer kümmert sich um Hilfe für die Selbstständigen und Kleinunternehmer?

Wir müssen mit allen Mittel verhindern, dass Solo-Selbstständige und Kleinunternehmer durch die Krise in die Knie gezwungen werden. Sie verfügen über geringere Liquidität als andere. Hier brauchen wir zielgerichtete Stützungsmaßnahmen.

Wird die Arbeitslosigkeit in Deutschland infolge der Krise schnell ansteigen?

Es ist zu früh, um dazu genaue Aussagen zu treffen. Alles hängt davon ob, wie es uns gelingt, das Gesundheitswesen zu stabilisieren, wirtschaftliche Schäden zu begrenzen und Beschäftigung zu sichern. Das ist nicht die Stunde für Parteitaktik oder Auseinandersetzungen zwischen Arbeitgebern und Gewerkschaften. Wir müssen jetzt zusammenstehen und Panik vermeiden. Solidarisch zusammenhalten ist das Gebot der Stunde.

Interview: Rasmus Buchsteiner

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