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Eine Favela im Stadtgebiet von Rio de Janeiro: Wer lebt hier unter welchen Bedingungen?
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Eine Favela im Stadtgebiet von Rio de Janeiro: Wer lebt hier unter welchen Bedingungen?

Städte

Die unbekannte Welt der Slums

  • Jonas Nonnenmann
    VonJonas Nonnenmann
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In Slums leben viele Millionen Menschen. Aber die informellen Siedlungen sind kaum erforscht. Ein Wissenschaftler der TU Darmstadt will das ändern.

Rund 1,2 Milliarden – so viele Menschen leben laut einer Schätzung der Weltbank in Slums. Es ist eine gewaltige Zahl, etwa jeder siebte Mensch weltweit, mehr als zweieinhalbmal so viel wie die Einwohnerinnen und Einwohner der EU. Man sollte annehmen können, das Thema sei ausreichend erforscht. Doch der Wissenschaftler John Friesen war überrascht, als er sich an der Technischen Universität (TU) Darmstadt mit den Themen Urbanisierung und Armut in Städten beschäftigte.

„Ich habe gemerkt, dass es da sehr wenig Wissen gibt“, sagt Friesen im Videogespräch. Slumbewohner und -bewohnerinnen seien in der Forschung eine „stark unterrepräsentierte Gruppe“. Für die indische Großstadt Mumbai variiert die geschätzte Bevölkerung des Slums Dharavi laut einer Publikation der Wissenschaftler Hannes Taubenböck und Michael Wurm etwa um den Faktor fünf. Es könnten also 200 000 Menschen dort leben – oder sogar eine Million. Das Wissen, das es gibt, konzentriere sich auf bestimmte Regionen. Laut Friesen stammt die Hälfte der medizinischen Studien zu Slumbewohner:innen in Afrika südlich der Sahara aus einer einzigen Stadt: Nairobi.

Friesen, 32 Jahre alt, frisch promoviert, ist gelernter Maschinenbauer. Während Kommilitonen sich auf die Effizienz von Autogetrieben spezialisierten, studierte er nach dem ersten Abschluss in Aachen Medizintechnik. Dann kehrte er für die Promotion zurück an die TU Darmstadt und das Institut für Fluidsystemtechnik. Er landete bei einer Frage, die ihn seitdem nicht mehr loslässt: Wie lassen sich 1,2 Milliarden Menschen, die im übertragenen und oft auch im wörtlichen Sinn im Dunkeln leben, sichtbar machen?

John Friesen, 32, forscht zu Urbanisierung und Megastädten.

Die erste Herausforderung: bestimmen, wo sich Slums befinden. Dabei helfen Satellitendaten und die Wissenschaftler:innen des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR). Friesen zeigt Bilder von Satellitenaufnahmen der indischen Großstadt Mumbai; eine gelbe Fläche markiert Bereiche, in denen sich laut der Analyse des DLR Slums befinden könnten. Kriterien sind zum Beispiel die Anordnung der Gebäude, deren Größe und Abstand. Hier zum Beispiel spreche einiges dafür, dass es keine stabile Behausung gibt, sagt Friesen und zeigt auf ein Bild.

Slums: Alleine in Mumbai gibt es etwa 1000 informelle Siedlungen

Friesen und sein Team differenzieren die Daten weiter aus, fassen die markierten Flächen zusammen, ordnen sie ein und vergleichen sie. Acht Städte hat Friesen für seine Doktorarbeit analysiert: São Paolo, Rio de Janeiro, Caracas, Kapstadt, Kairo, Dhaka, Mumbai und Manila.

Alleine in Mumbai, sagt er, gebe es etwa 1000 Slums. Eines der Ergebnisse des weltweiten Vergleichs: Viele der informellen Siedlungen sind ziemlich klein. 85 Prozent bewegen sich laut Friesen in einer Größe zwischen dem Strafraum eines Fußballplatzes und etwa vier kompletten Fußballfeldern.

Schon der Begriff Slum ist ein Problem

Oft bewegen sich die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler noch im Ungefähren. Neben der Bevölkerungszahl ist das die Frage, wie es um die Strom- und Wasserversorgung in den Siedlungen steht. „Was wir machen, ist zu einem großen Teil Grundlagenforschung“, sagt Friesen. Ideal wären großangelegte Umfragen vor Ort, dafür gebe es aber meist nicht die Ressourcen. „Wir versuchen, mit dem, was wir haben, möglichst gut zu arbeiten.“

Ein Problem ist schon der Begriff: Slum. Ein Wort mit negativem Beiklang, es schwingt Elend mit und die Perspektive des globalen Nordens. Aber was ist die Alternative? Die Bezeichnung „informelle Siedlung“ ist auch umstritten, unter diese Definition würden laut Friesen zum Beispiel auch die Occupy-Protestcamps in Frankfurt fallen. Andere Synonyme werden nur für bestimmte Regionen benutzt: Favela, Shantytown, Pueblo joven.

Die Vereinten Nationen sprechen von einem Slum, wenn eines der folgenden Kriterien nicht erfüllt ist: Zugang zu Sanitäranlagen und Trinkwasser, ausreichender Wohnraum, stabile Behausung und Schutz vor Vertreibung.

Slums: Pandemie zeigt, wie wichtig Forschung ist

Wie wichtig die Forschung über die Bewohnerinnen und Bewohner von Slums ist, zeigte sich in der Pandemie. Im September 2020 veröffentlichte Friesen zusammen mit Peter F. Pelz einen Beitrag in der Fachzeitschrift JMIR Public Health and Surveillance. Die Autoren kamen zu dem Schluss, dass kaum etwas über die Gesundheit der Menschen in Slums bekannt ist – und damit auch nicht, welche Gefahr das Virus für sie darstellt.

Für ein aktuelles Projekt, das vom Land Hessen gefördert wird, untersucht Friesen nun mit einem angestellten Geografen und dem DLR, wie sich Slums im Lauf der Zeit verändern. Ziel ist es wieder, Rückschlüsse auf die Anzahl der Menschen zu ziehen und deren Bedarf an Infrastruktur, also zum Beispiel Wasser und Sanitäranlagen. Aus den Daten entwickeln sie mit mathematischen Modellen Szenarien, wie sich die Lage vor Ort entwickeln könnte.

Zensusdaten, Aufnahmen von Licht in der Nacht und Gespräche vor Ort sollen helfen, ein möglichst klares Bild zu zeichnen. Friesen würde sich freuen, auch mit politischen Entscheidungsträgern in Kontakt zu kommen. Selbst war er übrigens noch nie in einem Slum. Von seinen Eltern, die als Aussiedler aus der früheren Sowjetunion kamen, habe er aber mitbekommen, „dass eine gute Infrastruktur nicht selbstverständlich ist“.

Friesen arbeitet daran, das zu ändern.

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