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Michael Bohmeyer, Mitinitiator von „Mein Grundeinkommen“, mit einem 1200-Geldschein vor dem Berliner Reichstag.
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Michael Bohmeyer, Mitinitiator von „Mein Grundeinkommen“, mit einem 1200-Geldschein vor dem Berliner Reichstag.

Wirtschaft

Wie wirkt sich das bedingungslose Grundeinkommen aus? „Die Kopfschmerzen sind weg“

  • Hannes Koch
    VonHannes Koch
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Politik und Gesellschaft diskutieren über Sinn und Unsinn des bedingungslosen Grundeinkommens. Teilnehmende eines Pilotprojektes berichten.

Berlin – Sogar Haarproben mussten die Leute abgeben, bevor es losging. Denn an der Menge eines bestimmten Hormons in den Haaren lässt sich ablesen, wie viel Stress eine Person in den vergangenen Monaten oder Jahren erlebt hat. Das ist eine der Fragen, die die Wissenschaft im Pilotprojekt Grundeinkommen interessieren: Ändert sich das persönliche Wohlbefinden durch soziale Sicherheit?

Die 39-jährige Sarah Bäcker ist eine von 122 Teilnehmenden in dem Experiment, das Anfang Juni startete. Mittlerweile hat sie vier Überweisungen zu je 1200 Euro erhalten, zusätzlich zu ihrem normalen Verdienst – steuerfrei, geschenkt, ohne Verpflichtung zu irgendeiner Gegenleistung, außer derjenigen, den Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern Auskunft zu geben. Als Bäcker an diesem Freitagnachmittag auf dem sonnigen Hof der alten Kindl-Brauerei in Berlin-Neukölln sitzt, wirkt sie ziemlich entspannt. Sie und weitere Teilnehmende wird unsere Zeitung nun drei Jahre begleiten, bis zum Ende des Projekts.

Bedingungsloses Grundeinkommen: 1200 Euro ohne Gegenleistung

Das bedingungslose Grundeinkommen ist das Gegenteil von Hartz IV. Seit dessen Einführung Anfang der 2000er Jahre läuft die Debatte über ein menschenfreundliches Sozialmodell, das nicht auf Druck, Zwang und Strafen beruht. Alle Bürgerinnen und Bürger sollen einen existenzsichernden Betrag erhalten. Erstmals wird nun in Deutschland wissenschaftlich untersucht, welche Auswirkungen das in der Praxis hätte.

„Dann lebte ich halt eine Zeit lang von Toast und Kartoffeln“, sagt Bäcker, Architektin und Ausstellungsmacherin, auf ihr bisheriges Berufsleben zurückblickend. „Viele Jahre hatte ich extrem wenig Geld und war wahnsinnig sparsam.“ Sich zu verschulden oder staatliche Hilfe zu beantragen, kam aber nicht in Frage. Bäcker ist aufgewachsen in Oberhausen im Ruhrgebiet, sie stammt aus einer sozialdemokratischen Arbeiterfamilie. Ehrliches Geldverdienen mit eigener Arbeit gehört zu den Grundwerten.

Bedingungsloses Grundeinkommen: „Ich bin fast 40 und habe kaum Eigentum“

„Erst seit zwei Jahren kann ich eine eigene Wohnung finanzieren“, sagt sie. Ihr normales Einkommen beträgt etwa 1500 Euro netto monatlich an. „Da bleibt nicht viel übrig.“ Während der vergangenen Jahre habe sie mehr und mehr eine „Unsicherheit verspürt: Ich bin fast 40 und habe kaum Eigentum.“

Bäcker betont allerdings, dass sie sich das mitunter asketische Leben freiwillig so einrichte, weil sinnvolles, selbstbestimmtes Arbeiten ihr viel wichtiger erscheine als ein höheres Einkommen. „Insgesamt fühle ich mich privilegiert.“ Sie strahlt, wenn sie über ihre Projekte erzählt. Im „Studio Achtviertel“ gestaltet Bäcker zusammen mit ihrer Geschäftspartnerin Ausstellungen, augenblicklich zum Beispiel ein mobiles Geschichtslabor in Karlsruhe. Bei der halben Stelle im Berliner Architektur- und Stadtforschungsbüro „subsolar*“ geht es eher um klassische Planung und Bürgerbeteiligung. Auf dem alten Brauerei-Gelände entwirft Bäcker nun zusammen mit anderen eine Freifläche, eine Art Marktplatz für das umliegende Viertel.

Bedingungsloses Grundeinkommen bringt Sicherheitsgefühl: „Egal was passiert, ich bin aufgefangen“

Das zusätzliche Geld – vier mal 1200 Euro – liegt nun auf Bäckers Konto. Sie hat es bis jetzt nicht angerührt. Jeden Monat kommt derselbe Betrag hinzu. Oberflächlich betrachtet hat sich nichts geändert. Bäcker arbeitet weiter wie bisher. Um ihren bescheidenen Lebensstandard zu finanzieren, benötigt sie die Überweisung nicht. Und doch bemerkt sie eine Wirkung: „Das Gefühl ändert sich, ich verspüre weniger Druck.“ Vorher habe sie „manchmal Existenzangst“ gehabt. Nun denkt sie: „Egal was passiert, ich bin aufgefangen.“ Konkret „brauche ich zum Beispiel keine Sorgen mehr zu haben, ob ich mir in dieser Stadt eine Wohnung leisten kann. Das gibt mir Sicherheit.“

Das Pilotprojekt

Mehr als zwei Millionen Leute bewarben sich, 122 wurden ausgewählt – ausschließlich Einpersonen-Haushalte, Menschen zwischen 21 und 40 Jahren, die monatlich zwischen 1200 und 2600 Euro netto zur Verfügung haben.

Die Teilnehmenden erhalten drei Jahre lang 1200 Euro monatlich ohne Bedingungen zusätzlich zu ihren normalen Einkommen. Das Geld stammt aus Spenden. Unter anderem das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) untersucht nun, wie Personen der Mittelschicht mit dem Grundeinkommen umgehen. Seit Jahren geht die Debatte hin- und her.

Der Beirat des Bundesfinanzministeriums hat gerade erst ein Grundeinkommen für alle grundsätzlich als viel zu teuer erklärt. hk

Was sie mit dem Geld wirklich anstellen soll, weiß Bäcker noch nicht. Gäbe sie es nicht aus, verfügte sie nach drei Jahren über 43 200 Euro. Das reicht als Eigenkapital für den Kauf einer ordentlichen Eigentumswohnung. Sie könnte auch eine Auszeit nehmen, um eine Doktorarbeit oder ein Buch zu schreiben. Mal sehen, das wird die Zeit zeigen.

Bedingungsloses Grundeinkommen: „Die Zahnschmerzen sind weg, die Kopfschmerzen auch“

Dennis Dettmer dagegen hat eine genaue Vorstellung, wozu das Geld gut ist. Erstmal bedient er damit die monatlichen Raten des Kredits. Er brauchte ein neues Auto, kein luxuriöses, nur ein zuverlässiges Fortbewegungsmittel. So erwarb er einen gebrauchten Ford Fokus. Nach einem Jahr Grundeinkommen kann Dettmer die 15 000 Euro dann „auf einen Schlag zurückzahlen“. Der 28-Jährige ist auf den Wagen angewiesen. Als Zeitsoldat arbeitet er bei der Bundeswehr. Regelmäßig pendelt er vom sächsischen Meißen, wo er mit seiner Freundin wohnt, nach Hessen in die Kaserne. „Immer habe ich mir einen Kopf gemacht“, sagt der Feldwebel. Rund 400 Euro kostet der Sprit im Monat – eine Menge angesichts seines Gehalts von rund 2000 Euro netto. Damit die Finanzen nicht so knapp sind, absolviert er eine Zusatzausbildung als Versicherungsmakler. Bald will er von seinem heimischen Büro aus die ersten Leute betreuen. Dank des Grundeinkommens freut sich Dettmer nun über den „etwas höheren Lebensstandard“. Unlängst hat er sich und seiner Freundin ein Fünf-Gänge-Menü im Restaurant spendiert.

Der erstaunlichste Effekt der neuen Lebenslage jedoch ist dieser: „Die Zahnschmerzen sind weg, die Kopfschmerzen auch.“ Sein Zahnarzt habe ihm erklärt, dass solche Symptome mit Stress zusammenhängen können, sagt Dettmer. „Jetzt gehe ich ganz anders ran, fühle mich wohler, bin nicht mehr dauernd müde und viel seltener krank.“

Mittagspause: Elisabeth Ragusa sitzt auf dem Hof der Firma im baden-württembergischen Herbolzheim und scrollt durch die Mails auf ihrem Smartphone. Da ist sie plötzlich, die Zusage vom Pilotprojekt. „Ich habe echt die Gabel fallen gelassen.“ Sofort ruft sie ihre Schwester an. „Beide sind wir vor Freude herumgehüpft.“

Teilnehmerin des Pilotprojekts: Der größte Teil des Grundeinkommens liegt auf dem Konto

Ragusa, 28 Jahre alt, arbeitet als Industriekauffrau in einer Druckerei, die Etiketten zum Beispiel für Weinflaschen herstellt. 1900 Euro netto erhält sie am Monatsende, wovon 800 Euro Fixkosten für Miete, Auto und andere Posten abgehen. Das ist kein schlechtes Einkommen, aber große Sprünge kann sie nicht machen. Schon lange führt sie ein Haushaltsbuch, um zu sehen, wo das Geld eigentlich bleibt. Trotzdem vergingen fünf Jahre, bis sie drei Monatsgehälter als Sicherheitsreserve für Notfälle auf dem Konto angespart hatte.

Mit dem Spielraum des Grundeinkommens hat Ragusa sich jetzt zuerst ein neues Fahrrad gegönnt. Außerdem kann sie ihrer Schwester einen Teil des Führerscheins finanzieren. Der größte Teil der zusätzlichen Einnahmen liegt aber noch auf dem Konto und gibt „Sicherheit, ein schönes Gefühl“.

Bedingungsloses Grundeinkommen schafft ein Gefühl von sozialer Sicherheit

Und dann sagt Ragusa noch diesen Satz: „Warum sollte ich aufhören zu arbeiten?“ Damit kommt sie auf die politische Debatte zu sprechen, die Hintergrund und Anlass für das Pilotprojekt ist. Viele Politikerinnen und Politiker befürchten, dass die Leute weniger arbeiten, wenn sie nicht auf jeden Euro angewiesen sind. Die möglichen negativen Auswirkungen: Der ohnehin bestehende Mangel an Arbeitskräften nimmt zu, die Steuer- und Sozialeinnahmen sinken, während die Ausgaben für das Grundeinkommen explodieren.

Was Dennis Dettmer und Elisabeth Ragusa berichten, deutet allerdings in eine andere Richtung. Sie wollen ihre Arbeit nicht reduzieren, sondern freuen sich über den höheren Lebensstandard. Sarah Bäcker denkt zwar über eine Auszeit nach, würde diese jedoch mit einer neuen Form von Arbeit füllen.

Freilich sind das nur allererste, anekdotische Befunde. Zwei positive Effekte des Grundeinkommens erscheinen währenddessen eindeutig. Erstens: Einkommen von 1500 bis 2000 Euro netto monatlich, die Millionen Beschäftigte hierzulande erhalten, werden als knapp bemessen erlebt. Die Leute bedrückt ein Gefühl materieller Unsicherheit – trotz oder gerade weil sie Durchschnittsverdienste beziehen. Zweitens: 1000 Euro mehr verschaffen ein Gefühl sozialer Sicherheit, wodurch die Lebensqualität erheblich zunimmt. (Hannes Koch)

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