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Die Profiteure der Inflation

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Von: Stephan Kaufmann

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Autobauer wie Audi waren im dritten Quartal die gewinnstärksten Dax-Unternehmen.
Autobauer wie Audi waren im dritten Quartal die gewinnstärksten Dax-Unternehmen. © Audi

Noch können die Dax-Konzerne ihre gestiegenen Kosten weitergeben und erzielen so Rekordergebnisse.

Teure Rohstoffe, hohe Inflation und knappes Material – die Geschäfte für Deutschlands große Konzerne laufen trotzdem gut. Dank ihrer Preissetzungsmacht konnten sie Rekordgewinne einfahren und ihre Renditen steigern – anders als kleinere Unternehmen, die steigende Kosten nicht immer an die Kundschaft weitergeben können. So gut dürfte es für die Konzerne aus dem Deutschen Aktienindex (Dax) allerdings nicht weitergehen: Steigende Zinsen und hohe Inflationsraten mindern die Nachfrage, eine Rezession steht bevor. Der große Gewinneinbruch wird laut Analystenschätzungen allerdings wohl ausbleiben.

Im ersten Halbjahr 2022 konnten die börsennotierten Unternehmen Europas solide Überschüsse ausweisen. „Trotz wiederholter Unterbrechungen im globalen Warenverkehr und Preisanstiegen bei Rohstoffen und Energie meisterte die Mehrzahl der Unternehmen das erste Halbjahr erstaunlich gut“, so die VP Bank. Für das dritte Quartal waren erste Schwächeanzeichen erwartet worden – doch die haben sich bislang nicht materialisiert, im Gegenteil: Laut der Unternehmensberatung Ernst & Young legten die Umsätze der 40 Dax-Firmen im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 23 Prozent zu und damit so stark wie seit zehn Jahren nicht mehr.

Die operativen Gewinne wuchsen laut E&Y um 28 Prozent auf 44,7 Milliarden Euro – so viel gab es noch nie in einem dritten Quartal. Dies ist allerdings nur ein Durchschnittswert, 13 Dax-Unternehmen verbuchten einen Rückgang. Dennoch „scheint es, dass der Schwung der ersten drei Quartale ausreicht, damit 2022 in Summe ein Rekordjahr wird“, so Mathieu Meyer, Partner bei E&Y.

Inflation: Hohe Rohstoffpreise verdreifachen Gewinn bei Thyssenkrupp

Die Ursachen für die guten Ergebnisse sind vielfältig. Einige Konzerne profitieren von den globalen Problemlagen: Steigende Zinsen bescheren der Deutschen Bank höhere Einnahmen. Höhere Rohstoffpreise sorgten bei Thyssenkrupp im abgelaufenen Geschäftsjahr 2021/22 für einen fast verdreifachten operativen Gewinn. Die globale Chipknappheit wiederum kommt Infineon zugute. Höhere Preise ließen den Umsatz dieses Jahr um fast 30 Prozent steigen, das Unternehmen erwartet eine Marge von 24 Prozent.

Der Chipmangel drosselte zwar das Geschäft der Autobauer. Volkswagen aber konzentrierte seine Produktion auf besonders rentable Modelle. Das geringere Angebot an Autos gab den Konzernen zudem die Möglichkeit zu Preiserhöhungen. „In diesem Zusammenhang konnten auch Lagerbestände zu höheren Preisen verkauft werden, was zusätzlich positive Sondereffekte erzeugte“, erklärt die VP Bank. Dies bescherte den Autobauern eine Sonderkonjunktur: Mit einem Gewinnplus von 58 Prozent auf gut 13 Milliarden Euro im dritten Quartal waren sie die gewinnstärksten Dax-Unternehmen. Und sie sind hochprofitabel: Mercedes-Benz rechnet in der Pkw-Sparte mit einer um Sondereffekte bereinigten Umsatzrendite vor Zinsen und Steuern zwischen 13 und 15 Prozent. Selbst beim Massenhersteller Volkswagen wird eine operative Rendite am oberen Ende der prognostizierten Spanne zwischen 7,0 und 8,5 Prozent erwartet.

Auch Siemens erzielt Rekordgewinne

Allerdings gibt es große Unterschiede zwischen den Unternehmen. „Insbesondere viele kleinere und weniger auf dem Weltmarkt aktive Unternehmen, die eine begrenzte Preismacht besitzen, können die Erwartungen der Analysten nur noch schwer oder gar nicht mehr erfüllen“, erklärt die Commerzbank. Die großen, international agierenden Konzerne dagegen können Rückgänge in einzelnen Märkten durch Wachstum in anderen Ländern auffangen. Zum Beispiel durch Verkäufe in Nordamerika, wo die Umsätze der Dax-Unternehmen im dritten Quartal laut E&Y insgesamt um 29 Prozent zulegten. In Europa wurde ein Plus von 15 Prozent erzielt, in Asien von 16 Prozent. „Bis auf weiteres aber bleiben die Märkte in Übersee wichtige Wachstumsmotoren für Deutschlands Topkonzerne“, so E&Y.

Davon profitierte zuletzt Siemens, das im Geschäftsjahr 2021/22 einen operativen Rekordgewinn erzielte. Der weltweit größte Industriegase-Konzern Linde setzte von Juli bis September knapp 8,8 Milliarden Dollar um, 15 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum. Und selbst BASF – das die Gaskrise viel Geld kostet – verdiente operativ im dritten Quartal noch 1,3 Milliarden Euro, das Management bekräftigte seine Gewinnprognose für das Gesamtjahr von 6,8 bis 7,2 Milliarden Euro.

Wann enden die glänzenden Zeiten?

Die glänzenden Zeiten scheinen sich allerdings dem Ende zu nähern. „Bislang gelingt es den meisten Dax-Unternehmen, die steigenden Kosten bei Personal, Beschaffung, Logistik und Energie auf ihre Kunden umzulegen“, erklärt E&Y. Zu dem befürchteten Nachfrageeinbruch sei es bislang nicht gekommen, und zudem böten die dicken Auftragspolster einen komfortablen Puffer gegen eine zurückgehende Nachfrage. „Aber niemand kann sagen, wie lang diese Situation anhält. Nach wie vor droht eine Rezession.“ Die Commerzbank macht auf die steigende Anzahl an Gewinnwarnungen aufmerksam. „Für viele Unternehmen dürfte es immer schwerer werden, die gestiegenen Kosten an ihre Kunden weiterzugeben. Zudem sollte sich die Nachfrage weiter abkühlen.“

Bei E&Y ist man nicht allzu pessimistisch. Der Gegenwind werde zwar stärker, „eine tiefe Krise ist aber unwahrscheinlich“. Bei der Berenberg Bank erwartet man ein Sinken der Umsatzmargen im nächsten Jahr. 2024 gehe es dann wieder aufwärts. Die Gewinnerwartungen der Analysten zeigen ebenfalls keine Krisenstimmung: Für das kommende Jahr wird nur für das dritte Quartal ein Gewinnrückgang im Durchschnitt aller Branchen erwartet.

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