Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Spardosen, Sparschweine, Sparhühner, Sparfrösche: Hübsche Designs sollen vor allem Kinder zum Sparen animieren.
+
Spardosen, Sparschweine, Sparhühner, Sparfrösche: Hübsche Designs sollen vor allem Kinder zum Sparen animieren.

Strafzinsen

„Die Menschen haben auch früher schon Erspartes verloren“

Professor Martin Weber, Experte für Geldanlage, im Interview über die Wahrnehmung von Inflation, die psychologische Wirkung von Negativzinsen und die Angst vor Aktien

Viele Menschen in Deutschland fragen sich: „Wohin nur mit meinem Geld?“ Immobilien sind für viele Menschen unerschwinglich geworden, die Angst vorm Aktienmarkt ist weiterhin groß – und immer mehr Finanzinstitute berechnen Strafzinsen aufs Ersparte. Der Ökonom Martin Weber meint, dass die derzeitige Situation nicht so ungewöhnlich ist, wie viele Bürgerinnen und Bürger sie wahrnehmen. Und ruft zu einem Umdenken auf.

Herr Weber, Deutschland gilt als Land der Sparer und Sparerinnen. Zu Recht?

Deutschland liegt bei der Sparquote im europäischen Vergleich mit vorne. Aber es gibt Länder wie Luxemburg, wo noch mehr gespart wird, und andere, die mit uns quasi gleichauf liegen. Deutschland als die herausragende Sparernation zu bezeichnen, stimmt in dem Maße also nicht. Aber natürlich ist das relativ. In den USA ist die Sparquote sehr niedrig, da überlegen Ökonomen: Wie bekommen wir die Menschen zum Sparen. Ich rede jetzt über die Zeit vor der Corona-Pandemie. In der Krise haben sich die Sparquoten überall verändert. Vor allem die Besserverdienenden haben noch mehr gespart als sonst. Sie konnten ja nicht schön essen gehen, in die Karibik fliegen oder auf eine Kunstauktion gehen.

Immer mehr Banken und Sparkassen in Deutschland erheben Negativzinsen, sogenannte Verwahrentgelte, auf Einlagen auf Tagesgeld-, Giro- und Sparkonten. Viele Menschen haben das Gefühl enteignet zu werden. Wie sehen Sie das?

Es gibt da die rationale Seite und die emotionale. Die Menschen nehmen die derzeitige Lage – den negativen Zins – als neu und ungewöhnlich wahr. Es fühlt sich verkehrt an, dass man den Banken Geld gibt und dann weniger zurückbekommt. Tatsache ist aber, dass die jetzige Zeit in dieser Hinsicht nichts wirklich Besonderes ist. In den Sechziger- und Siebzigerjahren gab es in Deutschland immer wieder Phasen mit hohen Zinsen, aber auch einer hohen Inflation. Die Inflation war teils höher als die Zinsen. Und dann kamen da noch Steuern obendrauf. Aber es ist den Leuten einfach nicht so aufgefallen, dass ihr Vermögen schrumpfte. Nun fällt es ihnen durch den Negativzins auf.

Die Menschen sind also blind für Inflation?

Ja genau, sie wird nicht so stark wahrgenommen. Die Leute merken zwar beim Einkaufen: „Oh, das Gemüse ist jetzt teurer.“ Aber es bleibt trotzdem diffus für sie. Wenn man Menschen fragt, wie viel monatliche Rente sie künftig bekommen werden, dann antworten sie zum Beispiel 2300 Euro. Und wenn man sie dann fragt, ob sie eine Vorstellung haben, was das nach Inflation denn in etwa bedeuten wird, dann ist die Bestürzung oft groß. Darüber haben sie nicht nachgedacht.

Martin Weber, Jahrgang 1952, ist Professor für Betriebswirtschaftslehre mit dem Schwerpunkt Bankbetriebslehre an der Universität Mannheim. Seine Forschungsschwerpunkte sind die Gebiete der Bankbetriebslehre und der Behavioral Finance mit deren psychologischen Grundlagen.

Ist es aber jetzt nicht doch eine neue Situation, denn die Menschen haben nun einen klaren Feind: die Banken. Die nehmen ihnen das Geld über Negativzinsen weg …

Ja, das stimmt. Das ist anders als früher. Ich möchte nicht beurteilen, ob es wirklich gerechtfertigt ist, dass die Banken diese Verwahrentgelte berechnen. Klar ist: Es fördert nicht gerade die Freundschaft zu den Kundinnen und Kunden. Aber nicht neu ist eben, dass die Menschen auch früher schon Erspartes verloren haben – aber eben nicht durch Verwahrentgelte, sondern durch Inflation. Die war nun die vergangenen Jahre über niedrig in Deutschland und hat weniger ins Kontor geschlagen. Es gibt auch Untersuchungen, die zeigen: Wenn der Zins von einem Prozent auf 0,5 Prozent sinkt, dann reagieren die Leute eigentlich gar nicht, es gibt keinen Widerstand. Wenn er aber von null auf minus 0,5 Prozent sinkt, die gleiche Differenz also, dann führt das zu Ärger und Aufregung. Psychologisch ist es eben ein großer Unterschied, ob es einen leichten Gewinn oder einen leichten Verlust gibt. Und das fühlen die Menschen nun bei den Verwahrentgelten, auch wenn die Banken vorher kaum Zinsen aufs Ersparte gezahlt haben.

Glauben Sie, dass die derzeitige Situation dazu führen wird, dass die junge Generation in Deutschland vom traditionellen Sparen auf dem Konto und dem Sparbuch abrückt?

Ich weiß nicht, ob es wirklich eine Trendwende gibt. Das wird man erst in einigen Jahren beurteilen können. Aber klar ist, dass nicht nur jüngere Menschen nach Alternativen suchen. Im vergangenen Jahr ist die Zahl der Aktionärinnen und Aktionäre in Deutschland deutlich gestiegen.

Warum ist die Zurückhaltung der Deutschen auf dem Aktienmarkt insgesamt so groß?

Viele Menschen betrachten die Börse als Zockerbude. Sie hören über Skandale wie Wirecard oder verrückte Kursrallys wie bei Gamestop – und daraus schließen sie, dass die Börse ein gefährlicher Ort mit vielen Betrügern ist. Stattdessen wäre es wichtig, dass sie eine Aktie als eine Industriebeteiligung ansehen – dem Aktionär gehört platt gesprochen ein Teil des Schornsteins der Fabrik –, dass es da Menschen gibt, die für sie arbeiten, und dass der Wert dieser Beteiligung zwar schwanken kann, aber am Ende doch selten wertlos wird. Viele Leute denken: An der Börse kann man sein ganzes Geld verlieren. Aber wenn man nicht in Einzelaktien, sondern in Fonds investiert, dann ist es quasi ausgeschlossen, dass man das ganze Geld verliert.

Was müsste sich ändern, damit die Menschen mehr in den Aktienmarkt investieren?

Die Altersvorsorge wird in der nächsten Legislaturperiode ein großes Thema sein. Ich plädiere dafür, dass Deutschland dem schwedischen Beispiel folgt und einen Pensionsfonds aufsetzt, in den die Menschen einen Teil ihres Verdiensts einzahlen. Es wäre doch auch eine Idee, jedem Neugeborenen einen Anteil an diesem Fonds zu schenken. Und danach Eltern entscheiden zu lassen, ob der Staat weiter für die Kinder in diesen Fonds einzahlen soll oder sie lieber Kindergeld haben wollen. So würde man die Menschen langsam an das Thema Aktien heranführen. Sie würden sehen, dass der Wert des Fonds schwankt und ihre Altersvorsorge Stand heute mehr oder weniger wert ist als gestern. Sie würden sich daran gewöhnen. Und die Angst vorm Aktienmarkt verlieren.

Interview: Nina Luttmer

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare