Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

16.01.2021, Berlin: Teilnehmer eines Protest unter dem Motto „Wir haben es satt!“ gegen die aktuelle Agrar- und Ernährungspolitik Deutschlands stehen mit einem Banner vor dem Bundeskanzleramt.
+
16.01.2021, Berlin: Teilnehmer eines Protest unter dem Motto „Wir haben es satt!“ gegen die aktuelle Agrar- und Ernährungspolitik Deutschlands stehen mit einem Banner vor dem Bundeskanzleramt.

Deutscher Landfrauenverband

„Die Landwirtschaft hat zu lange versucht, sich wegzuducken“

  • vonHanna Gersmann
    schließen

Die Präsidentin des Landfrauenverbands, Petra Bentkämper, über eine Frauenquote im Bauernverband, Umweltschutz im Agrarsektor und die Stärkung von Frauen auf dem Land.

In der EU werden laut Daten der europäischen Statistikbehörde Eurostat immerhin 28,5 Prozent aller bäuerlichen Betriebe von Frauen geführt. Deutschland ist dabei allerdings weit abgeschlagen: Während etwa in Lettland und Litauen auf 45 Prozent der Höfe die Frauen das Sagen haben, in Österreich immerhin noch auf 31 Prozent, liegt der Anteil hierzulande nur bei zehn Prozent. Ein Gespräch mit der Präsident des Deutschen Landfrauenverbands Petra Bentkämper.

Frau Bentkämper, Sie fordern eine Frauenquote für den Deutschen Bauernverband – wie kommt das so an?

Das war ungefähr das Erste, womit ich mich aus dem Fenster gelehnt habe...

...als Sie vor knapp zwei Jahren Präsidentin des Landfrauenverbandes wurden...

...und heute höre ich: Meinst Du nicht, dass es jetzt mal gut ist, jetzt kommst du schon wieder damit. Aber ich muss dran bleiben. Joachim Rukwied, der Bauernpräsident, sagt zwar, dass sein Verband jünger und weiblicher werden solle. Aber die meisten Gremien sind noch immer Männerclubs, bisher steht bei keinem der Landesverbände eine Frau an der Spitze.

Es heißt gerne, es gebe keine qualifizierten Kandidatinnen?

Das stimmt wirklich nicht. Aber es reicht eben nicht, nur zu sagen, die Türen stünden offen. Wer mehr Frauen dabei haben will, muss eingefahrene Verbandsrituale ändern, auch Sitzungstermine überdenken, sich zum Beispiel erst treffen, wenn die Kinder im Bett sind.

Wie Tiere gehalten, Äcker gespritzt, Lebensmittel produziert werden – das ist gesellschaftlich noch nie so breit debattiert worden wie zur Zeit. Was unterscheidet Ihre Vorstellungen von denen des Bauernverbandes?

In unserem Verband sind nicht nur Bäuerinnen, sondern ganz unterschiedliche Frauen aus dem ländlichen Raum organisiert. Wir sind keine berufsständische Vertretung.

Aber wie zeigt sich das zum Beispiel in der von der Regierung berufenen Zukunftskommission Landwirtschaft, in der Sie mitarbeiten und die Brücken bauen soll zwischen Bauern und Bäuerinnen und Naturschützer:innen, Handel und Verbraucher:innen?

Vor zwanzig Jahren konnten Sie von 60 Kühen eine Familie ernähren. Das ist heute undenkbar. Ich befürchte, dass wir nicht alle kleinen Betriebe werden halten können. Aber es muss uns gelingen, Vielfalt in der Landwirtschaft in Deutschland zu erhalten. Die Landwirtschaft hat zu lange versucht, sich wegzuducken, die Menschen, die mehr Tierwohl, mehr Umweltschutz wollen, nicht ernst genug genommen. Jetzt sind wir an einem Punkt, wo wir umdenken müssen, damit Landwirtschaft eine Zukunft hat. Da sind sich in der Kommission allerdings alle einig.

Was heißt das dann etwa für den Insektenschutz?

Dass wir derzeit Millimeter für Millimeter miteinander ringen und uns in kleinen Arbeitsgruppen dazu austauschen. Da sitzen Landwirte, die sagen: Wir wissen nicht mehr weiter, der Klimawandel, der Preisdruck. Da sitzen aber auch Menschen, die mit Leib und Seele dafür kämpfen, dass unsere Natur wieder intakt kommt. Ich habe gelernt, die andere Seite zu sehen.

Petra Bentkämper leitet den Deutschen Landfrauenverband seit 2019.

Zur Person

Petra Bentkämper , 59, ist seit 2019 Präsidentin des Deutschen Landfrauenverbands mit knapp 500 000 Mitgliedern. Die ausgebildete Industriekauffrau und Agrarbürofachfrau bewirtschaftet mit ihrem Mann einen Milchviehbetrieb in Bielefeld. Mittlerweile ist sie nur noch selten im Stall. „Mein Ehrenamt gibt das nicht her“, sagt sie. (hg)

Die andere Seite sehen – können Frauen das besser?

Sie versetzen sich vielleicht eher in die Lage der anderen. Auf den Höfen sind es auch oft die Frauen, die neue Ideen entwickeln. Sie sind offener für Neues. Und diplomatischer. Die Mischung ist entscheidend, sie verändert den Tonfall sofort.

Warum schließen sich der Landfrauen- und der Bauernverband nicht zusammen?

Wir haben eine unterschiedliche Historie und durchaus verschiedene Ziele, eine andere Bandbreite an Themen. Einer unserer Schwerpunkte ist zur Zeit, die Demokratie im ländlichen Raum zu stärken. Wir haben gerade einen Ratgeber dazu veröffentlicht: Wie wehre ich mich gegen rechtsextreme Parolen, wie umgehen mit Populismus, wie entwickele ich eine Haltung gegen Rechtsextremismus und Menschenfeindlichkeit. Das ist keine leichte Kost...

...und auch nicht mit einem Ratgeber getan.

Darum arbeiten wir jetzt daran, wie wir bundesweit in Dörfern Frauen stärken können, auch Grenzen zu ziehen. Dafür braucht man auch Gesprächstechniken. Wir werden für die Landfrauen Trainings dazu anbieten. Ich kann zum Beispiel entscheiden, dass ich die AfD nicht zum Kreislandfrauentag einlade, auch wenn deren Abgeordnete demokratisch gewählt sind.

Das Bild von Landfrauen, die Rezepte austauschen, leckeren Kuchen backen und schöne Hofgärten pflegen, hat mit Ihrer Arbeit nicht mehr viel zu tun?

Es gab sogar Zeiten, da drehten die Frauen ab, wenn jemand das Kuchenbacken nur erwähnt hat. Mittlerweile sagen wir, wir haben diese Alltagskompetenzen. Wir können das einfach auch.

Müssten Sie eine Männerquote im Landfrauenverband haben?

Nein, Männer können bei uns Fördermitglieder werden, aber zu sagen haben sie nichts bis wir die Gleichberechtigung so einigermaßen erreicht haben.

Wann werden Sie Präsidentin des Bauernverbandes?

Das ist nicht mein Weg. Der Verband soll ja auch jünger werden, Herr Rukwied und ich sind ein Alter.

Interview: Hanna Gersmann

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare