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Die Klima-Milchfarm

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Von: Rolf Obertreis

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Gemeinsame Hofbesichtigung: v.l.n.r.: Andreas Durst, Hochschule für Wirtschaft und Umwelt Nürtingen-Geislingen, Detlef Latka, CEO Hochwald, Mario Frese, Landwirt, Marc Boersch, Vorstandsvorsitzender Nestlé Deutschland.
Gemeinsame Hofbesichtigung: v.l.n.r.: Andreas Durst, Hochschule für Wirtschaft und Umwelt Nürtingen-Geislingen, Detlef Latka, CEO Hochwald, Mario Frese, Landwirt, Marc Boersch, Vorstandsvorsitzender Nestlé Deutschland. © obs

Gemeinsam mit der Molkerei Hochwald versucht der weltgrößte Nahrungsmittelkonzern Nestlé auf einem Bauernhof in Nordhessen, die CO2-Emissionen in der Milchproduktion zu senken.

Ginge es nach Mario Frese, dann stünde auf dem Gelände hinter seinem Hof und dem Stall längst eine Biogasanlage. Geplant hat sie der 41-jährige Landwirt schon vor zwei Jahren. Mittlerweile sind die Baupreise aber so stark gestiegen, dass er sich das nicht leisten kann, auch wenn er mit 60 Cent, die er pro Liter Milch erhält, derzeit gut zurechtkomme. Eine Biogasanlage wäre ein wichtiger Beitrag zu einem Pilotprojekt, für das sich Frese mit seinem mehr als 300 Jahre alten auf Milchkuhhaltung ausgelegten Hof zur Verfügung gestellt hat.

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Der Lebensmittelkonzern Nestlé will es in Mörshausen in der nordhessischen Berg- und Hügellandschaft rund 40 Kilometer südlich von Kassel zusammen mit der genossenschaftlichen Molkerei Hochwald schaffen, den Klima-Fußabdruck des Betriebs in drei Jahren rein rechnerisch auf null zu bringen und diese Anstrengungen dann als Vorbild und Antrieb für die anderen 2600 Milchbauern- und -bäuerinnen, die Hochwald beliefern, zu nutzen, ihren CO2-Fußabdruck zu reduzieren. Und nicht zuletzt das Ziel von Nestlé zu unterstützen, die eigenen Treibhausgasemissionen auf der Basis von 2020 bis 2030 weltweit um die Hälfte und bis 2050 möglichst auf null zu drücken. Allein mit Ökostrom und umweltfreundlichen Verpackungen ist das nicht zu schaffen. 70 bis 80 Prozent der Treibhausgase bei Nestlé stammen aus den Rohstoffen, die das Unternehmen benötigt. Für 40 Prozent davon ist wiederum Milch verantwortlich.

Es sind also auch die Milchkühe, die das Klima massiv belasten. Corinna Weinmiller, Nachhaltigkeitsexpertin bei Nestlé, hat es zusammen mit den an dem Projekt ebenfalls beteiligten Wissenschaftler:innen der Hochschule für Wirtschaft und Umwelt Nürtingen-Geislingen (HfWU) für die 135 Kühe von Mario Frese ausgerechnet. Das Ergebnis ist besorgniserregend. „Milch verursacht die meisten Treibhausgase in unserer Lieferkette“, sagt Weinmiller. 1,07 Kilogramm CO2-Äquivalente werden pro Kilogramm produzierter Milch in die Luft geblasen. Dabei arbeitet Frese schon heute weniger klimabelastend als andere. Dort sind es im Schnitt 1,2 bis 1,6 Kilogramm CO2-Äquivalente. Bei 1,2 Millionen Kilogramm Rohmilch, die die 135 Kühe pro Jahr geben, summiert sich das auf jährlich fast 1400 Tonnen CO2.

Zum Vergleich: Bei jedem und jeder Bundesbürger:in sind es im Schnitt elf Tonnen. Beim Hof von Frese entfallen 259 Tonnen auf Futtermittel, 267 Tonnen auf den Ackerbau für das Futter, 231 Tonnen auf die Gülle und mit 641 Tonnen der dickste Batzen auf die Kühe selbst. Energie, Transport und intensives Grünland spielen eine untergeordnete Rolle. Extensive Grünlandbewirtschaftung und Landschaftsmanagement dagegen hätten sogar einen positiven CO2-Effekt, erklärt Weinmiller.

Für Nestlé-Deutschland-Chef Marc Boersch ist klar: Da müssen wir ran. Milch und Milchderivate wie Molke, Laktose oder Magermilchpulver sind wichtige Rohstoffe für das Unternehmen. Aus der Milch von Bauer Frese etwa entsteht in der Molkerei Mozzarella, der wiederum auf Tiefkühlpizzen landet.

Einen ansehnlichen sechsstelligen Betrag, genauere Angaben will Weinmiller dazu nicht machen, stecken der Konzern und Hochwald in die erste Klima-Milchfarm – unter anderem für Messgeräte, eine Fahrzeugwaage, in Zusatzmittel und einen Anschieberoboter, der den Kühen das Futter im Stall immer wieder bedarfsgerecht vor das Maul schiebt.

Die Maßnahmen fingen auf den Wiesen um den Hof an, sagt HfWU-Professor Markus Frank. Klassisches Weidegras wird ersetzt durch Klee, Erbsen und Lupinen. Sie entziehen der Luft Stickstoff. Dadurch muss weniger gedüngt werden. Mineraldünger gilt als klimabelastend, weil bei der Herstellung viel Energie benötigt wird. Außerdem setzt Frese an vielen Stellen seines 220 Hektar umfassenden Landes Hecken und andere Gehölze und blühende Pflanzen. Das bindet CO2.

Entscheidender auf dem Weg in die Klimaneutralität sind für Frese die Maßnahmen im Stall. Etwa bei der Zusammensetzung des Futters. Pro Kuh sind das 50 bis 55 Kilo Frischmasse täglich. Ist es besser zusammengesetzt, geben die Kühe mehr Milch, die Emissionen pro Kilo Milch sinken. Dabei geht es unter anderem um Zusatzstoffe, die die Verdauung der Kühe verbessern und vor allem den Ausstoß von Methan deutlich verringern sollen. Methan ist für das Klima 25-mal schädlicher als CO2. Pro Kuh ist das sehr viel: 300 Liter Methan stoße sie pro Tag aus, sagt HfWU-Professor Stephan Schneider. Er setzt auch auf einen neuen Futterzusatzstoff des niederländischen Unternehmens DSM. „Es zerstört den Methanaufbau um bis zu 90 Prozent.“

Extrem wichtig ist im Projekt das Management der Gülle. Noch fließen Harn und Kot der Tiere vermischt aus dem Stall in den Güllebehälter. Das führt zu einer hohen Ammoniakbelastung und letztlich auch zu einem hohen CO2-Ausstoß, wie die HfWU-Professoren erläutern. Auch die Abdeckung des großen Güllebehälters – 20 Meter Durchmesser, vier Meter tief – gilt als wichtiger Teil des Projekts. Denn sie verhindert gasförmige Emissionen. Noch besser allerdings wäre die von Frese sehnlichst gewünschte Biogasanlage. Das durch die Gülle entstehende Gas könnte aufbereitet und ins Gasnetz eingespeist werden. Oder es könnte ein Blockheizkraftwerk antreiben.

Kühe seien keine Klimakiller, sondern wichtig für die Ernährungssicherheit in Deutschland, sagt Frese, der Mechatroniker gelernt hat und doch die zeitraubende Arbeit auf dem elterlichen Hof einem Achtstundentag vorzieht. Bei Hochwald hat man den Hof bewusst für das Vorhaben ausgewählt, weil es ein normaler Betrieb sei. Damit könne das Projekt von den meisten der 2600 Höfe, von denen Hochwald Milch bezieht, übernommen werden.

Auch Nestlé-Chef Boersch ist von seinem Besuch in Mörshausen angetan. Und macht klar: Nicht nur sein Konzern müsse sich umstellen. „Wir sehen gerade eine Verknappung und Verteuerung von Lebensmitteln durch den schrecklichen Krieg in der Ukraine und durch die Folgen von Corona. Aber das ist nur eine Vorahnung dessen, was uns noch blüht, wenn wir den Klimawandel nicht in den Griff bekommen.“

Boersch zufolge müssen die Nestlé-Lieferanten mitziehen, auch die Landwirt:innen. Sie müssten bestimmte Klimavorgaben einhalten. „Wir werden Druck auf die Lieferanten machen“, sagt Boersch. Wer nicht mitziehe, müsse mit Konsequenzen rechnen. „Ohne Maßnahmen zur CO2-Reduzierung ist eine Zusammenarbeit mit dem Konzern auf Dauer nicht mehr denkbar“, sagt er.

Das sind neue Töne bei Nestlé. Denn das Unternehmen steht seit Jahren in der Kritik. Viele werfen dem Konzern vor, mit seinen Produkten Profit auf Kosten der Ärmsten zu machen. Er steht aber auch am Pranger wegen der Rodung des Regenwalds, der Ausbeutung von Wasserressourcen und zuletzt auch wegen der Fortführung der Geschäfte mit Russland während des Ukrainekriegs.

In den kommenden Jahren werden Branchenkenner und -kennerinnen also sicher sehr genau hinschauen, ob Nestlé wirklich Klimaschutz betreibt - oder nur so tut.

Zudem ist Nestlé mit der ersten Klima-Milchfarm in Deutschland relativ spät dran. Weltweit gibt es Weinmiller zufolge 45 solcher Vorhaben, 20 seien bereits aktiv, unter anderem in Brasilien, Mexiko und in den USA. Die erste Klima-Milchfarm initiierte Nestlé schon 2018 in Südafrika. Es wird also Zeit hierzulande.

Zumal sich Boersch auch vorstellen kann, mit einem Klimasymbol etwa auf einer Pizzaverpackung deutlich zu machen, dass die Milch für den Käse weniger klimabelastend oder sogar klimafreundlich erzeugt worden ist. Nestlé, sagt er, müsse allein schon als weltgrößter Hersteller von Nahrungsmitteln auch in Sachen Klimaschutz vorangehen. An diesen Aussagen wird Nestlé sich in der Zukunft messen lassen müssen.

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