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Cornelia Füllkrug-Weitzel bei einem Projekt-Besuch in Syrien. püschner/DKH
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Cornelia Füllkrug-Weitzel bei einem Projekt-Besuch in Syrien.

Entwicklungszusammenarbeit

„Die Glut kommt von unten“

  • Tobias Schwab
    VonTobias Schwab
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Cornelia Füllkrug-Weitzel war mehr als 20 Jahre lang Chefin von Brot für die Welt. Ein Gespräch über die Spendenbereitschaft der Deutschen, Impfnationalismus und Schuldenerlasse für die ärmsten Länder.

Es hat an diesem Morgen in Berlin geschneit, die Zeitung kommt deshalb später. Normalerweise hätte Cornelia Füllkrug-Weitzel sonst den Tag mit einem Blick in die Frankfurter Rundschau begonnen, die sie seit mehr als 40 Jahren abonniert hat. So aber startet sie mit der biblischen Losung in den Tag, die sie samt Lehrtext gemeinsam mit ihrem Mann vor dem Frühstück liest.

Frau Füllkrug-Weitzel, was gibt Ihnen die heutige Losung aus dem Buch Micha für Ihre Arbeit?

Sie erinnert mich immer wieder daran, dass wir darauf angewiesen sind, dass uns Schuld durch Gott vergeben wird. Das gibt uns auch die Kraft, Schuld zu bekennen und einen Neuanfang zu suchen. Damit beginnt Versöhnung – im Privaten wie im Politischen. Ich erinnere zum Beispiel an die Wahrheits- und Versöhnungskommission zur Untersuchung von politisch motivierten Verbrechen während der Apartheid in Südafrika. Ein Prozess, den ja nicht zufällig Erzbischof Desmond Tutu angestoßen und moderiert hat.

Als Präsidentin von Brot für die Welt und der Diakonie Katastrophenhilfe waren Sie mehr als 20 Jahre lang mit Not und Leid konfrontiert. Was antworten Sie auf die Frage, wie ein liebender Gott das zulassen kann?

Gott hat uns als vernunftbegabte und selbstverantwortliche Wesen geschaffen. Die Entscheidungsfreiheit gehört zu unserem Selbstverständnis. Wir können also entscheiden, ob wir Frieden fördern und strukturelle Gewalt bekämpfen oder ungerechte Verhältnisse stabilisieren und ausschließlich unseren Profit- und Machtinteressen folgen wollen. Es sind wir, die immer wieder versagen, nicht Gott.

Gibt es etwas, das wir für die Bewältigung der Corona-Krise von Menschen in Afrika oder Lateinamerika lernen können, für die Krise der Normalzustand ist?

Die Menschen im Globalen Süden zeigen uns, dass wir Krisen am besten solidarisch bewältigen, in- dem wir zusammenstehen und teilen. Da trägt vor allem eine auf das Gemeinwohl ausgerichtete Kultur, die nicht nur darauf fixiert ist, was für mich und mein Land am besten ist.

Im Moment zählen doch wieder die nationalen Egoismen, wie die weltweite Impfstoffverteilung zeigt. Und mit dem globalen Gemeinwohl ist es nicht weit her, wenn beispielsweise Uganda für eine Dosis des Impfstoffs von Astrazeneca mehr als dreimal so viel zahlen muss wie europäische Länder …

Ich nenne Ihnen noch eine andere Zahl: An dem Tag, an dem auf dem gesamten afrikanischen Kontinent der 25. Mensch geimpft wurde, hatten weltweit bereits 39 Millionen Menschen ein Vakzin erhalten. In der Krise werden die Schwächen unseres globalen Systems und der Zustand der Welt sehr deutlich, die von krasser Ungleichheit geprägt ist. Wir hätten längst dafür sorgen müssen, dass die Patente für Impfstoffe – wie das auch bei HIV-Präparaten der Fall war – ausgesetzt werden, um weltweit mehr und kostengünstiger zu produzieren. Schließlich floss viel öffentliches Geld in ihre Erforschung und Entwicklung.

Wenn Sie auf die vergangenen 20 Jahre zurückblicken: Ist unsere Solidarität mit den Armen im Globalen Süden gewachsen?

Das sehe ich nicht. Das mag unter anderem mit dem modernen Medienverhalten zu tun haben. Wenn ich mich in den sozialen Netzwerken vor allem nur noch in der eigenen Filterblase bewege, wird die Welt immer kleiner. Da erfährt man über den Globalen Süden nichts mehr.

2020 ist die Spendenbereitschaft in Deutschland deutlich gestiegen. Wie hat sich das bei Brot für die Welt gezeigt?

Ja, auch wir haben das registriert, und es gab einen Zuwachs bei den Spenden. Genaue Zahlen kann ich Ihnen noch nicht nennen. Wir warten noch auf den Jahresabschluss. Sie müssen aber auch bedenken, dass wir einen großen Einbruch bei der Weihnachtskollekte, einem unserer finanziellen Standbeine, zu verkraften hatten. Die Zahl der Gottesdienste und der Teilnehmenden war wegen Corona ja viel geringer.

Wer unterstützt Sie – sind das vor allem Menschen aus den kirchlichen Milieus?

Zumindest fühlen sie sich den christlichen Werten wie Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung verpflichtet. Und es sind wie bei allen Hilfsorganisationen eher die Älteren aus der Wiederaufbaugeneration, die regelmäßig spenden.

Das ist demografisch gesehen keine gute Perspektive für Ihre Organisation …

Es wächst ja aber auch die Zahl der Menschen, die ihr Geld ethisch verantwortlich und ökologisch wie sozial nachhaltig investieren wollen. Brot für die Welt hat die Kriterien für entsprechende Anlagen nach der Finanzkrise mitentwickelt. In dieser Gruppe liegt ein großes Potenzial für uns. Ich denke, es ist sogar leichter, die jüngere Generation für Gerechtigkeit zu mobilisieren als die Mittelalten. Da interessieren sich doch viele wieder für solidarische Werte und Themen wie Klimagerechtigkeit oder faire Lieferketten.

Und wie wollen Sie die erreichen?

Wir adressieren sie schon über Social Media. Junge Leute, die sich bei uns engagieren, können beispielsweise auch mitbestimmen, was mit dem Geld geschieht und in welchen Projekten es eingesetzt wird. Es geht uns dabei nicht zuerst um ihre Spendenbereitschaft, ihr politisches Engagement für Gerechtigkeit und Menschenrechte ist mindestens genauso wichtig.

„Weniger ist leer“ oder „Satt ist gut, Saatgut ist besser“– Brot für die Welt setzt in der Werbung auf Wortschöpfungen und Redewendungen, die nachdenklich machen sollen. Welcher der Kampagnen-Claims der vergangenen Jahre gefällt Ihnen am besten?

Der Slogan „Weniger ist leer“ mit dem Bild einer fast leeren Reisschale hatte schon eine unglaubliche Resonanz und wurde mehrfach mit Preisen ausgezeichnet. Aber ich finde auch unsere Würde-Kampagne sehr gelungen. Als Beitrag zur aktuellen Debatte über den fehlenden Respekt vor der Würde des Menschen, zum Beispiel von Flüchtlingen hier in Europa und weltweit.

Kostet so ein Slogan eigentlich viel Geld?

Klar ist da eine Agentur mit im Spiel, aber viele Ideen für Claims entstammen auch der Kreativität von Menschen in unserer Organisation. Das Weihnachtsmotiv „Gott. Würde. Mensch“ etwa ist einem Landesbischof eingefallen.

Bilder von Menschen in Armut sind in der Werbung tabu?

Wir haben mit anderen christlichen Hilfswerken schon früh entschieden, Menschen nur noch in ihrer Würde und als aktiv Handelnde darzustellen und nicht in ihrer Bedürftigkeit, als Hilfsobjekte. Wir vermitteln sonst ein völlig falsches Bild von dem, was sie leisten in ihrer nicht selbst verursachten Armut. Wenn wir Personen abbilden, dann stehen ihnen der Stolz und die Freude, über das, was sie geschafft haben, ins Gesicht geschrieben.

Milliarden-Beträge sind in den vergangenen Jahren in die Entwicklungszusammenarbeit geflossen. Kritiker:innen sagen, das habe die Empfängerländer nicht wirklich vorangebracht, aber in die Abhängigkeit geführt.

Das ist eine unglaublich zynische Betrachtung. Wer so redet, verschweigt, dass die Industrienationen viel mehr Geld aus den Staaten herausgeholt und beispielsweise in der Handelspolitik ihren eigenen wirtschaftlichen Vorteil zu Lasten der afrikanischen Länder gesucht haben. Das ist ein Vielfaches dessen, was an Entwicklungshilfe geflossen ist. Ganz zu schweigen von den Folgen des Klimawandels, den vor allem die Industrienationen verursacht haben und der nun unendliche Ressourcen im Globalen Süden vernichtet.

Wo hat die Arbeit von Brot für die Welt denn wirklich nachhaltig etwas zum Besseren bewegt?

Ich nenne Ihnen da einmal beispielhaft ein ganz simples Projekt mit großer Wirkung: Als vor Jahren in Uganda wie in vielen Ländern die Privatisierung der Wasserversorgung auf der Agenda stand, haben wir in dem ostafrikanischen Land mit einer lokalen Partnerorganisation ein kostengünstiges Konzept zur Regenwassernutzung entwickelt, das inzwischen in vielen Ländern Schule gemacht hat. Ein anderes Beispiel ist die Treatment Action Campaign in Südafrika, deren Klage vor dem Verfassungsgericht wir unterstützt haben. Das Urteil von 2002 verpflichtet die Regierung, aidskranken Müttern bei der Geburt ihrer Babys antiretrovirale Medikamente zu Verfügung zu stellen. Wir hätten stattdessen auch 50 Projekte für Familien mit HIV-infizierten Kindern finanzieren können. Mit der Unterstützung des juristischen Kampfes haben wir aber ganz bewusst einen strategischen Hebel angesetzt, der die Bedingungen für Hunderttausende Menschen nachhaltig verändert.

Was sind in Ihren Augen jetzt die größten Herausforderungen für die Entwicklungszusammenarbeit?

Die Corona-Pandemie droht die Entwicklungserfolge der vergangenen Jahrzehnte mehr oder weniger zunichte zu machen. Das wird nicht schnell wieder aufzuholen sein. Und das wird auch viele zivilgesellschaftliche Organisationen treffen, denen die Mittel ausgehen. In vielen Ländern stehen die ohnehin stark unter dem Druck autoritärer Regime. Die Lockdowns werden nun missbraucht, um sie zu verfolgen und politisch kalt zu stellen. Wir brauchen jetzt vor allem dringend Schuldenerlasse für die ärmsten Länder und ein Staateninsolvenzverfahren. Nur dann können die besonders verletzlichen Nationen sich für zukünftige Krisen wappnen und in Gesundheitssysteme, Katastrophenvorsorge und Anpassung an den Klimawandel investieren.

Kommen wir noch einmal auf die Bibel zurück. „Alles hat seine Zeit“, heißt es im Buch Prediger. Was ist jetzt dran in Ihrem Leben?

Selbstbestimmung! Ich kann über meine Work-Life-Balance endlich selbst entscheiden und will mir – neben fortgesetztem Engagement – mehr Zeit für Familie, Freunde, Natur und Sport nehmen.

Keine politischen Ambitionen mehr? 2013 waren Sie Mitglied im Schattenkabinett des SPD-Kanzlerkandidaten Peer Steinbrück. Jetzt könnten Sie sich doch noch einmal einmischen.

Das werde ich bestimmt tun, aber auf zivilgesellschaftlicher Ebene. Demokratien brauchen eine starke politische Teilhabekultur. Denn die Glut kommt von unten. Ich will die schon noch ein bisschen mitschüren.

Interview: Tobias Schwab

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