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Die Geburt der Cyberesel

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Von: Klaus Ehringfeld

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Ein Polizist in Mexiko konfisziert illegal angebauten Mohn.
Ein Polizist in Mexiko konfisziert illegal angebauten Mohn. © AFP

In Lateinamerika haben kriminelle Kartelle Kryptowährungen für sich entdeckt.

Die Organisierte Kriminalität in Lateinamerika entdeckt zunehmend den Cyberraum für ihre Delikte. Vor allem die mexikanischen Kartelle waschen über Kryptowährungen und im E-Commerce mehr und mehr Erträge aus ihren schmutzigen Geschäften wie Drogen- und Menschenschmuggel, Entführungen und Schutzgelderpressung. Darauf haben jetzt die Vereinten Nationen hingewiesen.

Laut einem Bericht des UN-Büros für Drogen- und Verbrechensbekämpfung (UNDOC) waschen die Drogenkartelle allein in Mexiko jährlich rund 25 Milliarden Dollar. Vor allem das „Sinaloa-Kartell“ und das „Kartell Jalisco Neue Generation“ (CJNG), die beiden „Marktführer“ der illegalen Wirtschaft Mexikos, nutzten dabei auch immer häufiger den Cyberspace. Denn dieser erlaube „schnelle und anonyme Transaktionen“, heißt es in dem Bericht des UNDOC, der sich auf den Jahresreport des Internationalen Suchtstoffkontrollrats (INCB) in Wien bezieht.

Darüber hinaus setzten auch kolumbianische Gruppen des Organisierten Verbrechens zunehmend auf virtuelle Währungen ebenso wie Milizen in Rio de Janeiro und Entführungsbanden in Venezuela und Argentinien, betonen mehrere Expert:innen für Organisiertes Verbrechen.

Die mexikanischen Kartelle teilten ihre Erlöse zunächst in kleine Beträge auf und erstünden dann über teilweise falsche Identitäten oder digitale Strohmänner kleine Summen an Bitcoins. Um die Alarmsysteme der internationalen Banken zu umgehen, werden zigtausende Klein- und Kleinstbeträge transferiert und Käufe getätigt, die immer unter 7500 Dollar liegen.

Gekaufte Identitäten

Dafür haben die Kartelle nach ergänzenden Angaben von Insight Crime, einem auf die Organisierte Kriminalität in Lateinamerika spezialisierten US-Nachrichtenportal, sogenannte Ciberburros (etwa: Cyberesel) angeheuert. Mit diesen Identitäten meist junger Menschen werden große Mengen an digitalen Münzen über scheinbar viele verschiedene Käufer:innen erworben und damit dann Geschäftspartner in aller Welt bezahlt.

Vergangenes Jahr entdeckte die mexikanische Finanzaufsichtsbehörde UIF zwölf Handelsplätze für Kryptowährungen, die ohne gesetzliche Genehmigung arbeiteten. Der Chef der UIF, Santiago Nieto, äußerte damals den Verdacht, dass diese Handelsplätze mit kriminellen Organisationen in Verbindung stünden, darunter dem Kartell „CJNG“. Um die Verwendung von Bitcoin und anderen virtuellen Münzen zu kontrollieren, hat die mexikanische Regierung 2018 das „Ley Fintech“ erlassen, ein Gesetz, das alle registrierten Handelsplattformen verpflichtet, Überweisungen über 56 000 mexikanische Pesos (2682 US-Dollar) zu melden. Gebremst hätte dies den steigenden Handel mit Kryptowährungen in Mexiko allerdings nicht, kritisieren die Vereinten Nationen. Die Strategien zur Bekämpfung der Geldwäsche griffen in Mexiko kaum.

Laut dem UNDOC-Bericht sind in dem Land allerdings noch immer Banken und „analoge“ Formen das bevorzugte Instrument zur Geldwäsche im großen Stil. Der Bericht zitiert das Beispiel der mexikanischen Filiale der britischen Großbank HSBC, die vor zehn Jahren zugab, 881 Millionen Dollar vom „Sinaloa-Kartell“ gewaschen zu haben. Damals kam das Geldinstitut mit einer Strafzahlung von 1,9 Milliarden Dollar davon.

Banken helfen Kriminellen

Bis heute waschen den Erkenntnissen der Fahnder:innen zufolge Mexikos Finanzinstitute schmutziges Geld der Kartelle, erbringen Dienstleistungen für Kriminelle und Strohfirmen, die mit geplünderten Staatsgeldern in Verbindung stehen. Zudem benutzten die Syndikate „Strohmänner, um Unternehmen zu gründen, darunter Immobilienmakler, Schmuckhändler und Beratungsdienste.“ In dem engmaschigen Geldwäschenetz seien Hausfrauen, Studierende und Bankangestellte gleichermaßen eingebunden.

Wie viel Geld die Kartelle allein in Amerika mit ihren illegalen Geschäften erwirtschaften, ist naturgemäß schwer zu beziffern. Laut einer Studie des US-Thinktanks „Global Financial Integrity“ (GFI) generiert allein der Drogenhandel in Nord- und Südamerika jährlich zwischen 80 und 90 Milliarden Dollar. Wenn davon 25 Milliarden Dollar von mexikanischen Kartellen gewaschen würden, entspricht das ungefähr 2,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts der zweitgrößten Volkswirtschaft Lateinamerikas. Dabei sei die Nutzung von Cyberwährungen durch die Organisierte Kriminalität noch im Anfangsstadium begriffen, so Fachleute.

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