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„Die fossile Energiekrise wird uns lange begleiten“

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Von: Joachim Wille

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Statt auf mögliche, teure Technik der Zukunft zu warten, sollten Industrieländer lieber auf das setzen, was schon da ist und nachweislich funktioniert – zum Beispiel auf Erneuerbare Energien.
Der Ausbau von Windkraftanlagen stockt. © Thomas Warnack/dpa

Die Energieexpertin Claudia Kemfert über den Bau von LNG-Terminals, Booster für Erneuerbare und den Wettlauf mit China und den USA.

Am Dienstag traf der erste Tanker mit Flüssiggas am LNG-Terminal in Wilhelmshaven ein. Mit elf solcher Terminals plant die Bundesregierung an Nord- und Ostsee. Für die Energieexpertin Claudia Kemfert sind das viel zu viele.

Frau Kemfert, die Erdgasspeicher sind voll, obwohl kein Gas mehr aus Russland kommt, und die Preise für Gas sinken wieder. Ist Deutschland dabei, die Energiekrise hinter sich zu lassen?

So schnell geht es nicht. Die fossile Energiekrise wird uns noch lange begleiten. Wir zahlen jetzt den Preis der energiepolitischen Fehler der Vergangenheit und der verschleppten Energiewende. Seit Jahren muss ich leider immer wieder dasselbe erklären: Es wäre möglich, unsere Energielieferungen auch ohne Russland zu decken, indem wir aus anderen Ländern Gas beziehen, Speicher füllen, Energie sparen und erneuerbare Energien schneller ausbauen. Wir müssten das nur endlich tun! Seit Beginn des fossilen Energiekriegs durch Russland ist das eigentlich unverkennbar. Dass wir glimpflich durch diesen Winter kommen, liegt eben daran, dass die Speicher gut gefüllt waren und Gas eingespart wird.

Ein Erfolg der Bundesregierung? Oder vor allem dem milden Wetter zu verdanken?

Von beidem ein bisschen. Die Bundesregierung hat einiges richtig gemacht, indem die Diversifikation der Gasbezüge vorankam und die Speicher gut gefüllt wurden. Der milde Winter hilft, dass Gas eingespart wird, aber auch die enormen Preisanstiege lassen den Verbrauch sinken. Aber damit allein sind wir noch lange nicht über den Berg. Um ebenso gut durch den kommenden Winter zu kommen, ist es notwendig, dass wir endlich das Stückwerk beenden und unsere Hausaufgaben komplett machen. Heißt: Wir müssen alles dafür tun, um vom fossilen Erdgas unabhängig zu werden.

Claudia Kemfert.
Claudia Kemfert. © diw

Die Gasversorgung funktionierte sogar ohne das neue Flüssiggasterminal in Wilhelmshaven. Sind die Pläne, elf Terminals an Nord- und Ostsee zu bauen, überdimensioniert?

Ja, und wie! Der Bau der vielen LNG-Terminals läuft der Energiewende- und den Klimazielen diametral zuwider. Und schlimmer noch: Die Terminals schaffen neue fossile Lock-in-Effekte und verstärken unsere fossile Abhängigkeit, statt uns davon zu befreien. Buchstäblich werden damit fossile Erdgaslieferungen zementiert, und zwar über mehrere Jahrzehnte! Wie oft wollen wir die Fehler der Vergangenheit noch wiederholen? Fossile Infrastrukturen sind Stranded Investments, die wir irgendwann teuer bezahlen müssen.

Wie viele Terminals wären sinnvoll?

Unsere Studien zeigen, dass drei temporäre Terminals ausreichen würden, also schwimmende Terminals, die wir nach einige Jahren problemlos abbauen können. Wenn wir die Energiewende- und Klimaziele ernst nehmen, wird der Anteil von fossilem Erdgas an der Energieversorgung in wenigen Jahren deutlich abnehmen. Dieser abnehmende Bedarf kann vollständig via Pipelines aus Norwegen gedeckt werden. Dies wäre nicht nur geopolitisch und ökologisch besser vertretbar, sondern vor allem preiswerter.

Die Bundesregierung gibt an, die Terminals sollten später für grünen Wasserstoff nutzbar sein. Ist das realistisch?

Ich halte das schlicht für Augenwischerei. Das Fraunhofer-Institut hat in seiner jüngsten Studie gezeigt, dass eine Umrüstbarkeit schwierig ist und eher einem Neubau nahekommt. Das wäre überhaupt nur dann möglich, wenn von Anfang an die verwendeten Baustoffe und Materialien als Wasserstoff-Infrastruktur einsetzbar sind. Genau das ist aber bei den meisten jetzt geplanten Terminals nicht der Fall.

Zur Person

Claudia Kemfert leitet die Energieabteilung am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW). Sie ist Professorin für Energiewirtschaft und Energiepolitik an der Universität Lüneburg, außerdem im Sachverständigenrat für Umweltfragen der Bundesregierung. jw

Deutschland bezieht nun auch kein Erdöl aus Russland mehr. Ist das vertretbar, obwohl die Versorgung der ostdeutschen Raffinerien in Schwedt schwierig ist?

Natürlich ist es das, es ist überfällig. Es gibt ausreichend Alternativen, und die Voraussetzungen wurden geschaffen. Wichtig ist zudem, sich endlich auf eine Zeit ohne fossiles Öl vorzubereiten. Auch das hätte längst geschehen müssen.

Die Bundesregierung hat ein enormes Tempo beim Bau der LNG-Terminals vorgelegt. Wie sieht es bei den Ökoenergien aus?

Solch ein Tempo wünsche ich mir auch für die erneuerbaren Energien. Wenn es möglich ist, in wenigen Monaten fossile LNG-Terminals zu bauen, muss es doch auch möglich sein, in Deutschland Windanlagen – nein, nicht zu bauen, sondern überhaupt erst zu genehmigen. Es ist geradezu absurd: Zehn Gigawatt Windenergie warten auf Genehmigung. Das ist eine deutlich höhere Kapazität als die verlängerten Atomkraftwerke, die manche trotz der hohen Risiken und Kosten gern weiterlaufen lassen würden. Wir stecken in einem fossilen Energiekrieg und einer ernsten Energiekrise. Da brauchen wir weder fossile Infrastrukturen noch Debatten über teure Hochrisiko-Brückentechnologien. Wir brauchen endlich effektive Genehmigungsverfahren, damit wir die vorhandenen günstigen und nachhaltigen Friedens- und Freiheitsenergien sofort ans Netz nehmen können. Wir brauchen ein Booster-Programm für Erneuerbare.

China und neuerdings auch die USA liefern sich einen Wettbewerb um Ökoenergien, Elektromobilität und andere zukunftsweisende Techniken. Drohen Deutschland und die EU hier abgehängt zu werden?

Ja. Dabei waren wir mal Marktführer im Wettbewerb der Ökoenergien. Da sollten wir wieder hinkommen, indem wir auch in Europa die Produktion der Anlagen fördern und die Rahmenbedingungen für den schnellen Zubau schaffen, ähnlich wie wir es derzeit bei der Batterieproduktion tun.

In der Industrie gilt die Wasserstoffnutzung als Königsweg, um Erdgas, Öl und Kohle zu ersetzen. Der Wasserstoff-Rat, der die Bundesregierung berät, hat gewarnt, dass auch hier in Deutschland und der EU zu wenig läuft. Was muss passieren?

Um Wasserstoff herzustellen, braucht es große Mengen Ökostrom. Deswegen ist Wasserstoff kostbar und sollte nur da zum Einsatz kommen, wo wir den Ökostrom nicht direkt nutzen können, etwa im Industriebereich oder im Schwerlast-, Schiffs- oder Flugverkehr. Um die Wasserstoffproduktion zu ermöglichen, muss der Ausbau von Ökoenergien forciert, technologisch gefördert und von unnötigen Abgaben und Umlagen befreit werden.

Letzte Frage: Was glauben Sie, wie wird Putins Ukraine- und Energiekrieg in der Rückschau bewertet werden? Als Rückschlag für die Energiewende oder sogar als Booster dafür?

Tja, wir stecken gerade in genau diesem Finale. Einerseits investiert die fossile Industrie angesichts der hohen Preise und der kurzfristigen enormen Gewinnchancen noch mehr in fossile Energieförderung. Andererseits werden gleichzeitig Ökoenergien ausgebaut, die schon jetzt günstiger sind, aber erst Tempo aufnehmen müssen, um mit vergleichbarer Marktmacht wirken zu können. Es ist eine politische Entscheidung, wer das Wettrennen gewinnt. Die Zeitenwende in Deutschland und Europa muss und kann zu einem echten Energiewende-Booster führen. Darauf hoffe ich sehr. Denn ich möchte nicht in einer Welt leben, in der fossile Autokratien das Sagen haben.

Interview: Joachim Wille

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