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Die Donau macht Osteuropa Sorgen

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Von: Thomas Roser

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Die tiefen Pegelstände gefährden die Energie- und Getreideversorgung. Die Dürre verursacht zudem massive Waldbrände und Missernten.

Ob im ungarischen Budapest, im serbischen Belgrad oder im bulgarischen Rousse: Die Kaimauern für die Kreuzfahrtschiffe sind in den meisten Donauhäfen Südosteuropas im Dürresommer verwaist. Stattdessen hängen unzählige Frachtschiffe wegen des niedrigen Flusspegels vor allem im bulgarischen Abschnitt der Donau bereits seit Wochen fest.

Viele der normalerweise auf dem Flusswasser treibenden Kneipen und Nachtclubs in der Zweistrom-Stadt Belgrad sind in diesem Sommer in Schieflage geraten – und auf verkrustetem, übel riechendem Abwasserschlamm gestrandet. „Der mächtigste Fluss Europas ähnelt sich selbst nicht mehr“, klagt die Belgrader Zeitung „Danas“ angesichts der freigelegten Berge von Unrat auf den versandeten Donau-Auen.

Verdorrte Felder, brennende Wälder, heruntergefahrene Kraftwerke und gestrandete Schubleichter: Der Dürre-Sommer hat auch die Wirtschaft im Südosten des Kontinents hart getroffen. Neben der Land- und Forstwirtschaft hat bei den Donau-Anrainern Bulgarien, Rumänien, Serbien und Ungarn der Energiesektor und die Schifffahrt am meisten unter rekordtiefen Wasserpegeln zu leiden.

Selbst die Unwetter der letzten Tage können Serbiens krisengebeutelte Mais- und Weizenbauern kaum mehr vor der absehbaren Missernte bewahren. Auch im benachbarten Rumänien, einem der größten Getreideexporteure der EU, rechnet das Landwirtschaftsministerium wegen der Trockenheit mit Ernteausfällen von bis zu 18 Prozent. Ungarns Regierung rechnet allein beim Mais- und Sonnenblumenanbau wegen völliger verdorrter Felder mit Verlusten von umgerechnet 995 Millionen Euro.

Vor allem Rumänien wird im Hitzesommer 2022 von einer nicht endenden Welle von Waldbränden heimgesucht. Gemessen an der betroffenen Fläche wurde der waldreiche Karpatenstaat nach Portugal in der EU in diesem Jahr am schwersten von Waldbränden getroffen – vor Spanien und Kroatien.

Heftige Waldbrände

Zwar versuchen viele Würdenträger der Region die Folgen des Ukrainekriegs abzuwiegeln und herunterzuspielen. Doch zu der Furcht vor leeren Gasspeichern und Öltanks im bevorstehenden Winter gesellt sich bereits die Sorge um die rückläufigen Produktionskapazitäten der Kraftwerke durch die Trockenheit.

Wasserkraftwerke sind in den ebenso berg- wie flussreichen Balkanstaaten eine der wichtigsten Energiequellen. Doch mit dem Pegel in den Stauseen sinkt auch die Stromproduktion. So fährt das serbische Wasserkraftwerk Djerdap, das rund ein Fünftel des serbischen Stroms erzeugt, im August nur mit halber Kraft. Probleme bereiten der gesunkene Flusspegel und die erhöhten Wassertemperaturen aber auch den Kohle- und Atomkraftwerken: Energisch haben die Betreiber des ungarischen AKW Paks Medienberichte dementiert, dass die Temperatur des der Donau entnommenen Kühlwassers die kritische 30-Grad-Grenze bereits überschritten habe.

Doch auch der durch das Niedrigwasser eingeschränkte Frachtverkehr auf der Donau und ihren Nebenflüssen macht den Kraftwerken, aber auch der Metallindustrie, Kunstdüngerproduzenten und der Landwirtschaft zu schaffen. Die Anfuhr von Kohle und Erz stockt. Für den Export über Rumäniens Schwarzmeerhafen Constanta gedachte Weizen- und Maisladungen warten in den Silos der Donauhäfen oder in den Frachträumen der in Bulgarien gestrandeten Schiffe vergeblich auf Abnehmer.

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