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Kundinnen und Kunden müssten von den niedrigen Kosten der erneuerbaren Energien profitieren, sagt Solarexperte Eicke Weber.
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Kundinnen und Kunden müssten von den niedrigen Kosten der erneuerbaren Energien profitieren, sagt Solarexperte Eicke Weber.

Interview

Solarforscher: Vollversorgung mit Ökostrom bis 2030 möglich – „Die Bremser haben schlechte Karten“

  • Joachim Wille
    VonJoachim Wille
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Solarexperte Eicke Weber spricht im FR-Interview über die Klima-Pläne der Bundesregierung, Konflikte mit dem Naturschutz und das mögliche Traumpaar Habeck-Lindner.

Frankfurt – Er gilt als einer der weltweit renommiertesten Solarforscher: Eicke Weber. Im Interview spricht der frühere Leiter des Fraunhofer-Instituts für Solare Energieforschung (ISE) über die Klima-Pläne der Bundesregierung, Proteste gegen Windkraft und Atomkraft.

Professor Weber, Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck hat Deutschland einen „drastischen Rückstand“ beim Klimaschutz attestiert. Laut den Ampel-Plänen muss etwa die Stromproduktion aus erneuerbaren Energien bereits bis 2030 mehr als verdoppelt werden. Ist das überhaupt zu schaffen?

Ja, sicher. Wir haben bereits in den Jahren 2012/13 erlebt, welch raschen Zubau wir realisieren können, besonders beim Solarstrom, wenn wir es nur erlauben und entsprechend anreizen. Im Unterschied zu konventionalen Kraftwerken lässt sich der Zubau bei Wind und Sonne sehr rasch realisieren, und wenn das intelligent dezentral gemacht wird, muss man sich im Wesentlichen nur noch um Speicher kümmern, aber weniger um neue lange Stromtrassen.

Was muss dazu geschehen?

Wichtig wäre eine Entfesselung des Energiemarktes. Das heißt: Den Kunden muss erlaubt werden, von den niedrigen Kosten der erneuerbaren Energien auch wirklich zu profitieren. Dazu gehört nicht nur der abgabenfreie Selbstverbrauch, sondern auch die Möglichkeit der Bildung lokaler Versorgungseinheiten, Nachbarschaften, Stadtviertel, die sehr preisgünstigen Strom selbst erzeugen und intern verteilen können.

Ökostrom: Konfliktpotenzial mit fossilen Energieversorgern

Bei einem solchen Turbo-Ausbau sind aber Probleme mit dem Naturschutz programmiert.

Ich sehe das größte Konfliktpotential mit den alten, fossilen Energieversorgern, die natürlich Zeter und Mordio schreien werden, da es um ihre Pfründe geht. Dem muss man politischen Widerstand leisten, sie haben lange genug den raschest möglichen Ausbau der erneuerbaren Energien behindert. Solarenergie hat wenig Probleme mit Naturschutz, da Solarflächen oft sogar Biotope unter den Modulen erlauben, wenn diese Flächen nicht wie bei der Agrivoltaic landwirtschaftlich genutzt werden. Ich halte die Einwände von Naturschützern gegen Windkraft für übertrieben, die Zahl der Vögel, die durch Windräder umkommen, ist sehr viel kleiner als die Zahl der toten Vögel durch andere Gefahren wie Glasscheiben.

Eicke Weber ist Vorsitzender des „European Solar Manufacturing Council“, das Photovoltaik-Hersteller, Forschungsinstitute und Maschinenbauer vertritt. Von 2006 bis 2016 leitete er das Fraunhofer-Institut für Solare Energieforschung (ISE) in Freiburg und lehrte 23 Jahre an der Universität von Kalifornien. (jw)

Und die Proteste von Windkraftgegner:innen?

Ich muss zugeben, dass eine große Windanlage eine Beeinträchtigung einer Nachbarschaft darstellt. Daher sollte versucht werden, die betroffene Nachbarschaft schon beim Planungsprozess mitzunehmen und sie wie auch die Gemeinde am Projekt zu beteiligen. Dies ist keine Bestechung, sondern ein Ausgleich der Wertminderung durch den Bau einer Windanlage in der Nähe. Ich halte überhaupt nichts von starren Abstandsregeln, gar per Bundesgesetz. Entscheidend sollte die Zustimmung einer qualifizierten Mehrheit der betroffenen Anwohner nahe einer Windanlage oder eines Windparks sein.

Bis wann ist eine Vollversorgung mit Ökostrom machbar?

Ohne weiteres bis 2030 – und bis 2035 die Umstellung praktisch der gesamten Wirtschaft.

Durch die Existenz der alten Kohle- und Kernkraftwerke sind Gaskraftwerke heute unwirtschaftlich. Wir sollten diese alten Grundlastwerke schnellstmöglich abschaffen und haben dann ein attraktives Geschäftsmodell für Gaskraftwerke und Speicher. Wir werden in Zukunft riesige Menge an Überschuss-Strom haben. Mit diesem Überschuss-Strom können wir bei uns große Mengen an grünem Wasserstoff herstellen – als Speicher und zur Dekarbonisierung der Stahl- und Zementproduktion.

Eicke Weber, Solarforscher

Wie kann verhindert werden, dass bei Dunkelflaute die Lichter ausgehen?

Dies kann durch Vernetzung, zum Beispiel mit Wasserkraft in den Alpenländern und Norwegen, durch Speicher, durch intelligente Laststeuerung und auch durch Gaskraftwerke geschehen. Das ist für die Jahre bis 2050 bereits im Detail modelliert.

Nord Stream 2 kann Pipeline für grünen Wasserstoff werden

Die Ampel will Erdgas-Kraftwerke bauen lassen, um die Stabilität des Stromsystems zu sichern. Die könnten später mit Wasserstoff laufen. Richtige Strategie?

Dagegen ist nichts zu sagen. Durch die Existenz der alten Kohle- und Kernkraftwerke sind Gaskraftwerke heute unwirtschaftlich. Wir sollten diese alten Grundlastwerke schnellstmöglich abschaffen und haben dann ein attraktives Geschäftsmodell für Gaskraftwerke und Speicher. Wir werden in Zukunft riesige Menge an Überschuss-Strom haben. Mit diesem Überschuss-Strom können wir bei uns große Mengen an grünem Wasserstoff herstellen – als Speicher und zur Dekarbonisierung der Stahl- und Zementproduktion. Und Nord Stream 2 kann durchaus zu einer Pipeline für grünen Wasserstoff werden, da wir im Osten Russlands ein schier unendliches Potenzial an erneuerbarer Energie aus Wind, Sonne und Wasserkraft haben, die in Form von grünem Wasserstoff zu uns geleitet werden kann.

Wären die Kosten überhaupt tragbar?

Die Kosten dieser Umstellung sind keine verlorenen Kosten, sondern Investitionen, die finanzwirtschaftlich rentabel sind. Ja, wir benötigen dazu Kapital, aber kein Steuerzahlergeld, wir müssen nur die Randbedingungen für diese lukrativen Investitionen entsprechend gestalten – und da sehe ich in der neuen Ampel-Koalition vielversprechende Ansätze.

Es mehren sich Stimmen, die eine Laufzeitverlängerung von Atomkraftwerken fordern. Stimmen Sie zu?

Überhaupt nicht. Ich sage nach den Erfahrungen mit AKW-Neubauprojekten in anderen Ländern in den letzten zehn Jahren: Während wir diese Milliarden in die raschest mögliche Transformation unseres Energiesystems stecken, vergeuden diese Länder wertvolle Ressourcen in Bauruinen. Kalkar lässt grüßen. Ganz einfach, weil der Strom aus diesen Anlagen in der Konkurrenz mit Strom aus Wind und Sonne zu ein zwei oder vier Cent pro Kilowattstunde, je nach Standort, viel zu teuer sein wird. Jetzt wird über kleine AKW spekuliert. Nur, die Stromkosten werden hier noch höher als bei großen AKW sein, die bereits heute deutlich über zehn Cent pro Kilowattstunde liegen.

Ampel: Habeck und Lindner können Ökologie und Ökonomie verbinden

Glauben sie, Habeck kann die Energiewende 2.0 starten?

Ja, gemeinsam mit Finanzminister Christian Lindner. Die beiden könnten ein großartiges Paar werden. Dies zeigt ja auch die ablehnende Stellungnahme von Lindner zum Thema Kernkraft, wie auch seine ganze Rede auf dem Dreikönigsparteitag der FDP. Es ist halt einfach so: Die raschest mögliche Umstellung auf erneuerbare Energien ist ein wirtschaftlich sinnvoller Prozess, der Ökologie mit Ökonomie verbindet. Die Bremser sind nicht der Mittelstand, sondern die Vertreter der alten Industrie, die sowohl bei Habeck wie bei Lindner schlechte Karten haben.

Interview: Joachim Wille

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