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Die Blumenkrise

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Von: Peter Riesbeck

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Die Blumenindustrie ist eine der wichtigsten Exportbranchen der Niederlanden.
Die Blumenindustrie ist eine der wichtigsten Exportbranchen der Niederlanden. © Imago

Rosen, Chrysanthemen, Topforchideen: Sie alle gedeihen nur bei hohen Temperaturen. In den Niederlanden lohnt sich der Anbau wegen der hohen Energiepreise immer weniger.

Michel van Schie ist derzeit ständig im Einsatz. Auch am Wochenende. Der Mann ist im Krisenmodus. „Die Gaspreise sind um das Zwanzigfache gestiegen. Deshalb mussten wir den Alarmknopf drücken“, sagt van Schie.

Die Warnung ist deutlich zu vernehmen. Nicht nur in den Niederlanden. Michel van Schie ist Sprecher des niederländischen Blumenvermarkters Royal Flora Holland. Der warnt jetzt vor dem Aus für viele Betriebe. Die hohen Gaspreise machen den niederländischen Blumenanbauer:innen zu schaffen. Dabei geht es weniger um das niederländische National-erbe Tulpen. „Es trifft vor allem Züchter, die Pflanzen anbauen, die höhere Temperaturen benötigen wie Rosen, Chrysanthemen oder Topforchideen“, erläutert van Schie im Gespräch mit dieser Zeitung und warnt: „Wenn nichts geschieht, droht vielen Züchtern das Aus“.

Und damit ein menschliches wie ökonomisches Fiasko. Im Vorjahr überschritt der Export landwirtschaftlicher Güter aus den Niederlanden erstmals die Grenze von hundert Milliarden Euro: 104 Milliarden Euro betrug der Wert der ausgeführten Agrarprodukte. Jenseits von Kartoffeln, Tomaten und Gurken wird dabei auch mit Tulpen, Rosen und Orchideen kräftig Umsatz gemacht: Schnittblumen, Garten- und Zimmerpflanzen für zwölf Milliarden Euro führten die niederländischen Züchter:innen im Jahr 2020 aus, das ist ein Viertel mehr als noch ein Jahr zuvor. „Damit stehen wir in den Top 5 der Exportbranchen des Landes“, sagt van Schie stolz.

Der Tulpenpreis kletterte 2021 um 45 Prozent

Aber das Selbstbewusstsein schwindet. „Es geht übers Jahr gesehen um Millionen“, so Chrysanthemenzüchter David van Tuijl aus Brakel im Süden Hollands. Rund zwölf Millionen Kubikmeter Erdgas pro Jahr benötigt er, um seine Gewächshäuser zu heizen. Zum Vergleich: Das reicht für rund 8000 Haushalte. Bei rund zwanzig Cent pro Kubikmeter lag der Gaspreis Anfang vergangenen Jahres, jetzt sind teils mehr als drei Euro fällig.

Im Vorjahr konnten die Landwirtinnen und Landwirte die höheren Energiekosten noch über steigende Blumenpreise kompensieren. So zog der Tulpenpreis 2021 um 45 Prozent an. Aber damit ist jetzt Schluss. „Die Abnehmer wollen einfach nicht mehr zahlen“, sagt van Schie.

Der Vermarkter, Jahresumsatz 5,6 Milliarden Euro, vertritt die Interessen von gut 1500 Betrieben in den Niederlanden mit rund 150 000 Beschäftigten. Über eine Blumenbörse regelt Royal Flora Holland auch den zentralen Verkauf. Aber die Großabnehmer sind nicht mehr bereit, nach oben mitzugehen. Sie drücken den Preis. „Für viele Züchter ist bei den derzeit erzielten Absatzpreisen absehbar, dass sie bei den hohen Energiekosten nicht mehr profitabel wirtschaften können“, sagt van Schie. Eigentlich müssten Züchter wie van Tuijl nun die Felder für die nächste Saison bestellen. Aber bei vielen Betrieben herrscht Verunsicherung. Der Glanz einer ganzen Branche droht zu verwelken.

Auch Bäckereien und andere Wirtschaftszweige klagen über hohe Energiepreise. In Groningen stellte zuletzt ein Aluminiumwerk die Produktion ein. Aber Blumen treffen die niederländische Seele besonders. Und sie sorgten schon einmal für Irritationen. Im frühen 17. Jahrhundert gelangten die Tulpen ins Land. Die seltenen Pflanzen zierten nicht nur bald die Gärten der Wohlhabenden, sie weckten auch den Ehrgeiz niederländischer Züchter. Bald entstand eine irre Spekulation um Tulpenzwiebeln. Die Blase platzte, die Tulpenmanie gilt Ökonom:innenen bis heute als Beispiel für einen überhitzten Markt. Trotz des Crashs ist eine Liebe zu den Blumen geblieben. In dem niederländischen Faible für Blüten kommen zwei Sehnsüchte des Landes zusammen: die Lust zum Veredeln und die Leidenschaft für den Handel.

Der letzte Deal: Züchter verkaufen Energieverträge

Und so geht es um viel in diesen Tagen. Manche Züchter:innen geben auf und verkaufen als letzten großen Deal ihre langfristigen Energieverträge mit den Gasversorgern. Andere haben auf erneuerbare Energien umgestellt, so wie Rob Baan in Monster. Er setzt auf die Sonne und sagt: „Die Natur ist mein bester Freund“. Im Sommer kühlt Baan seine Gewächshäuser mit der Energie aus Solarstrom, gleichzeitig speist er in 170 Metern Tiefe einen Speicher mit Warmwasser. Die Energie zapft er im Winter wieder ab. Aber auch Baan leidet mit den anderen Betrieben: „Ich fühle mit ihnen mit“, erzählte er kürzlich der Zeitung „Trouw“.

Längst setzt unter den Blumenanbauer:innen ein Umdenken ein. Züchter Sam Ruijl bietet seit diesem Jahr klimaneutrale Tulpen an. „Natürlich setzen wir auf Nachhaltigkeit“, sagt auch van Schie von Royal Flora Holland. Er schiebt aber gleich hinterher: „In diesen Zeiten hat niemand Geld, um in eine grüne Zukunft zu investieren“. Van Schie fordert Hilfe. Die EU erwägt Energiepreise zu deckeln. Van Schie hofft auch auf Unterstützung vom niederländischen Staat. Er warnt: „Die Blumen- und Pflanzenzucht im Land droht unvorstellbaren Schaden zu nehmen.“ Dann wäre Schluss mit der bunten Vielfalt und den Tulpen aus Amsterdam.

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