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Die Angst vor Armut geht um

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Von: Susanne Ebner

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Wegen der hohen Preise sind immer mehr Menschen auf Lebensmittelspenden angewiesen.
Wegen der hohen Preise sind immer mehr Menschen auf Lebensmittelspenden angewiesen. © AFP

In Großbritannien ist die Inflation hoch, die Sozialhilfe niedrig und die politische Lage unsicher.

Caroline traf sich früher jedes Wochenende mit ihrer Familie, ihren Freunden. Sie ging regelmäßig mit ihrem Mann etwas trinken oder essen. „Wir waren keine Partygänger, die jeden Abend unterwegs waren, aber das Leben war ganz anders“, sagt die 54-jährige Zahnarzthelferin aus Hertfordshire, einer Grafschaft in England nördlich von London. Jetzt jedoch mache sie sich über jede einzelne Ausgabe Gedanken.

Die Sorgen der Britin teilen Viele auf der Insel. Denn das, was die Menschen laut Prognosen erwartet, klingt bedrohlich. Die schottische Hilfsorganisation „Citizens Advice Scotland“ warnte diese Woche davor, dass viele Menschen im Königreich diesen Winter vor der Wahl stünden, zu frieren oder zu hungern.

Fachleute gehen davon aus, dass die Energiepreisobergrenze, die Versorger ihren Kund:innen im Regelfall jährlich berechnen dürfen, im kommenden Januar bei rund 5000 Pfund (knapp 6000 Euro) liegen könnte. Weil in Großbritannien viel mit Gas gekocht und geheizt wird und dieses auch bei der Stromerzeugung eine Rolle spielt, wirken sich die Energiepreise massiv auf die Inflationsrate aus. Diese lag im Vereinigten Königreich zuletzt bei über zehn Prozent. Ökonom:innen prognostizieren, dass sie im kommenden Jahr auf bis zu 18 Prozent im Vergleich zum Vorjahr steigen könnte.

Mit drastischen Folgen: Rund 50 Prozent der Haushalte könnten in Armut fallen, warnen Hilfsorganisationen. Denn obwohl bedürftige Britinnen und Briten zwar Sozialhilfe erhalten, reicht diese längst nicht mehr aus, um die gestiegenen Preise für Energie und Lebensmittel zu finanzieren. Schon jetzt sind viele Menschen von Tafeln abhängig, um zu überleben. Diese wiederum befürchten mittlerweile, dass ihnen bald die Lebensmittel-Spenden ausgehen, weil die Krise fast alle treffen wird.

Um dem Problem zu begegnen, hatte die konservative Regierung unter Boris Johnson im Frühjahr beschlossen, dass jeder Haushalt mit etwa 480 Euro entlastet werden soll. Angesichts des Ausmaßes der Krise sind diese Zahlungen laut Fachleuten jedoch nicht mehr als ein Tropfen auf den heißen Stein. Noch-Premierminister Boris Johnson betont zwar, dass weitere Schritte nötig seien, um die Bevölkerung zu unterstützen. Wie diese aussehen, überließe er jedoch dem neuen Premier. Ernannt wird der neue Parteichef am 5. September. Um Johnsons Nachfolge kämpfen zwei Kandidat:innen: Außenministerin Liz Truss, die als klare Favoritin gilt, und der frühere Finanzminister Rishi Sunak.

Trotz wiederholter Forderungen machte Truss bislang jedoch keine konkreten Aussagen zu weiteren Maßnahmen, die dem Ausmaß der Krise gerecht würden. Stattdessen verspricht sie den überwiegend weißen, männlichen und vor allem wohlhabenden konservativen Parteimitgliedern, die seit Anfang des Monats online und per Brief darüber entscheiden können, wer den Parteivorsitz übernimmt, eines: Steuersenkungen.

Die britische Denkfabrik „Resolution Foundation“ betonte jedoch, dass der Steuersenkungsplan von Truss „völlig das Ziel“ verfehle, weil davon primär die vermögenden Menschen im Land profitieren würden und überdies die Inflation noch steigen würde.

Die Labour-Partei dagegen fordert, die Energiepreise einzufrieren. Bezahlen sollen das Konzerne. Oppositionsführer Keir Starmer möchte dafür die Übergewinnsteuer anheben. In der Bevölkerung stößt dieser Vorschlag auf viel Zustimmung, wie die steigenden Umfragewerte für die Partei bestätigen.

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