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Etwa zwei Drittel der Bundesbürger sehen eher den vermeintlichen Segen durch KI. (Symbolbild)

Diagnosen stellen erwünscht

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Die Deutschen stehen künstlicher Intelligenz offen gegenüber ? aber nicht in allen Bereichen.

Deutsche sind zumindest beim Thema künstliche Intelligenz (KI) nicht technikfeindlich. Das ist das Ergebnis einer Umfrage des heimischen Digitalverbands Bitkom unter gut 1000 Bundesbürgern im Vorfeld des KI-Gipfels der Bundesregierung in der kommenden Woche in Nürnberg. „Überwiegend werden die Chancen gesehen“, fasst Bitkom-Chef Achim Berg die Studie zusammen. Vor einem Jahr Befragte seien noch jeweils zur Hälfte zwischen Chancen und Risiken hin- und hergerissen gewesen. Ein Jahr später sehen nun zwei Drittel eher vermeintliche Segnungen durch KI, während ein Drittel pessimistisch bleibt.

Darüber hinaus erwarten die Deutschen von KI künftig Unterstützung älterer Menschen, indem sie etwa am Bewegungsmuster erkennt, ob jemand gestürzt ist, und automatisch Hilfe ruft. Zwei Drittel aller Befragten wollen, dass KI Ärzte bei Diagnose und Therapie unterstützt oder beim digitalen Besuch von Ämtern bei der Bearbeitung von Anträgen. Sogar als Schiedsrichter im Sport oder als Servicemitarbeiter in Unternehmen wird KI mehrheitlich gewünscht.

Wo Bundesbürger KI dagegen mehrheitlich ablehnen, habe das damit zu tun, dass ihre Fähigkeiten technologisch überschätzt würden, sagt Berg. So lehnen neun von zehn Befragten KI zur Kleinkinderbetreuung ab, zwei Drittel auch als Ansprechpartner einsamer Menschen oder als Lehrer. Jeweils etwa die Hälfte will nicht, dass sie der Justiz hilft, Prozessunterlagen auszuwerten, oder bei politischen Entscheidungen eingesetzt wird, um etwa die Folgen neuer Gesetze besser abschätzen zu können.

Mehr als die Hälfte der Befragten befürchtet zudem, dass derjenige, der KI kontrolliert, künftig auch die Menschen unter seine Kontrolle bringe. „Das sind gute Gründe, dass wir in Deutschland nicht nur KI-Produkte von anderen kaufen, sondern KI hierzulande entwickeln und gestalten“, findet Berg. Die finanziellen Mittel von jährlich einer halben Milliarde Euro, die der Bund dafür in seiner neuen KI-Strategie reserviert hat, seien aber bei weitem nicht ausreichend, um Deutschland hier in die globale Spitze zu führen.

Um eine Führungsrolle einzunehmen, bleibe nicht viel Zeit, weil Nationen wie USA oder China bei KI längst auf dem Vormarsch seien. Allein Konzerne wie Google und Facebook oder auf chinesischer Seite Huawei oder Alibaba würden pro Jahr jeweils Milliardensummen investieren. Wenn man zudem bedenke, dass hierzulande 2009 von der Politik praktisch über Nacht fünf Milliarden Euro für eine Pkw-Abwrackprämie zu organisieren waren, seien die jetzt für KI angepeilten Summen viel zu niedrig. Um etwas zu bewegen, sei minimal eine Verdreifachung staatlicher Förderung auf jährlich 1,5 Milliarden Euro nötig.

„Wir brauchen einen Zeitplan und zwar einen sehr ehrgeizigen“, betont Berg. Das Rennen um KI sei wohl binnen zehn Jahren gelaufen. Zudem warnt er vor anhaltender Abwanderung von KI-Experten. Vor allem von US-Konzernen werden Hochschulabsolventen mit KI-Expertise derzeit mit Einstiegsgehältern von 300 000 bis 500 000 Euro angeworben. Hightech-Arbeitgeber aus den USA oder auch China bieten ihnen auch auf sie zugeschnittene Forschungsbiotope, was in Deutschland bislang weitgehend unbekannt ist. Angesprochen ist deshalb auch die heimische Wirtschaft, um einmal an deutschen Universitäten ausgebildete KI-Experten im Land zu halten. 

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